26.04.2013

Anna, die Schule und der liebe Gott - Teil 5 und Schlussfazit

Precht wird in den letzten Kapiteln seines Buches konkret. Nach eher allgemeinen Überlegungen zu Bildung und Lernen zieht er jetzt die Konsequenzen aus den Befunden, vergleicht einmal mehr das Haben und das Soll und formuliert, wie aus dem unbefriedigenden, ja kranken Zustand des Bildungssystems Deutschland etwas werden könnte, das zu nachhaltigem, motivierendem, Lust machendem und selbstwirksamem Lernen am Leben einladen würde.

Genannt werden auf einer ersten, unterrichtspolitischen Ebene: das Projektlernen, das Unterrichten im Team, der Einbezug von „Lehrern aus dem Leben“ (Beispiel.: der pensionierte Physiker am CERN unterstützt – nach einem „pädagogischen Schnellkurs“  die „konventionell ausgebildete“ Physiklehrkraft), die Ersetzung der Ziffernoten durch „dreidimensionale Bilder der Persönlichkeit“ eines Schulkindes, durch „längere schriftliche Beurteilungen eines Lern- und Entwicklungswegs“, sowie „ein besserer Rahmen und ein im Schnitt besseres Personal als heute.“

Bessere Schulen beruhen gemäss Precht dann auf zehn Prinzipien, einem „Fundus an miteinander verknüpften Anregungen. Einem Selbstbedienungsladen, wenn man so will, für aufgeklärte Pädagogen, Schulleiter und Schulentwickler.“ - Diese Prinzipien wurden ja bereits vor Erscheinen des Buches in der ZEIT abgedruckt und haben schon heftige Reaktionen hervorgerufen. - Es gilt:
  • die intrinsische Motivation eines Kindes zu pflegen
  • das Kind individuell lernen zu lassen
  • die Welt des Wissens fachübergreifend in ihren Zusammenhängen verstehbar zu machen
  • jahrgangsübergreifende sebstgewählte Lernteams zuzulassen
  • eine Beziehungs- und Verantwortungskultur an den Schulen zu schaffen
  • Werte und Wertschätzung zu fördern
  • die Schularchitektur lernfreundlich auszugestalten
  • die Konzentrationsfähigkeit zu trainieren und zu pflegen
  • ein auf die Individualität des Kindes bezogenes Monitoring einzuführen
  • Ganztagesschulen einzuführen
Die bildungspolitischen Forderungen auf einer weiteren Ebene reichen von der Kindergartenpflicht über Bildungsstandards für den Abschluss des zehnten Schuljahres und das Abitur zur Schulautonomie und einer durch den Bund koordinierten Bildungspolitik der Länder. Dazu kann ich als Schweizer nur so viel sagen, dass Prechts Forderungen in manchen Teilen dem ähneln, was wir hierzulande kennen.

Mein Gesamtfazit fällt grundsätzlich positiv aus.

Nimmt man Prechts Buch im ersten Teil als das, was Wittgenstein „die Arbeit des Philosophen“ genannt hat: „ein Zusammentragen von Erinnerungen zu einem bestimmten Zweck, nämlich der übersichtlichen Darstellung", so lohnt die Lektüre. Denn im Abschnitt Bildungskatastrophe werden die Mängel des deutschen Bildungssystems (die längst nicht nur auf Deutschland bezogen werden können) so sorgfältig und griffig aufgelistet, dass fast schon schmerzhaft deutlich wird: „So kann es nicht weiter gehen.“ Sollte zumindest nicht.

Natürlich ist eine solche Mängelerhebung provokativ, denn sie fordert alle, die diesem System angehören, heraus. Korrigieren? Reformieren? An- und Ausbauen? Neu machen? Was tun?

Es gibt selbstverständlich bereits Ansätze zu Antworten; Precht ist in bester Gesellschaft. Drei Beispiele von heute sollen als Illustration dessen dienen, was andere – eher von der Praxis her kommend – schon angedacht haben:
Das Anstossreferat von Lisa Rosa an einer Veranstaltung von heute: Selbstbestimmt lernen in der digitalen Welt. Quintessenz: Shift des Lernbegriffs vom Industrie- ins digitale Zeitalter: „Web 2.0 ist keine Technologie, sondern ein Verhalten. Das bedeutet, es handelt sich nicht um eine technologische Revolution, sondern um eine soziale Revolution.“ (Stephen Downes). „Lehrer werden Expeditionsleiter: den Dialograum zu erobern.“
Google Glasses: The Future of Educational Tech: Keine (Schul)Bücher mehr, nur noch virtuelle Klassen(räume), individualisiertes Lernen
Ein Artikel von Jöran Muuss-Merholz: Lernen im Jahr 2029: Zwar wird es noch Schulen geben, aber „Lernen wird überall dort stattfinden, wo es eine Verbindung zum Netz gibt.“

Precht selber schlägt eine Bildungsrevolution vor, die er breit begründet (die konsultierte Literatur ist natürlich mehrheitlich solche, die seine Argumentation unterstützt resp. inspiriert. Die Autoren sind jedoch, soweit ich sehe, über jeden Verdacht erhaben.). Seinen Überlegungen folge ich gerne, umso lieber, als er bei mir offene Türen einrennt: die in diesem Post weiter oben genannten konkreten Vorschläge hatte ich in meinem Unterricht allesamt bereits umgesetzt; an Schweizer Gymnasien sind überdies Projektlernen, Unterrichten im Team, ein persönliches Projekt vor dem Abitur („Maturaarbeit“) Pflicht. Auch autonom geleitete Schulen sind in der Schweiz üblich. - Für mich persönlich (und für viele, viele ähnlich kritisch Denkende, vermute ich) also effektiv wenig Neues in diesem Buch, das jedoch – mit Ausnahme vielleicht der letzten beiden Kapitel – in Aufbau, Sprache und Reflexion durchaus zu überzeugen vermag. Manchmal habe ich sogar gestaunt, wie vorsichtig und umsichtig Precht argumentiert.... Also nix von digitaler oder anderer Demenz, nix Rundumschlag, nix Schaumschlägerei. Der Platz in den Talkshows wird ihm trotzdem sicher sein.
PS: Erinnert sei noch rasch an Johann Heinrich Pestalozzis "Kopf-Herz-Hand" - auch er schon mit revolutionären Gedanken unterwegs....
PS2: Ein Tweet von heute, 28.4.2013: "Digitaler Wandel frisst Abiturprüfungen." - Vielleicht frisst er sogar die Gymnasien in der bisherigen Form? Vielleicht ist die von Precht angepeilte Bildungsrevolution bereits überholt, angesichts der technologischen Neuerungen, die uns ins Haus stehen und von denen Precht - erstaunlicherweise - nicht spricht?


Anna, die Schule und der liebe Gott - Teil 4


Nachdem die Zielrichtung für die Bildung im 21. Jahrhundert abgesteckt ist, kommt Precht jetzt zum zentralen Begriff der ganzen Thematik Bildung: dem Lernen. Über die Stationen Biologie des LernensGehirn und EntwicklungMein Wollen & ich kommt er zu dem, was heutige Schulen wohl am wenigsten anzubieten scheinen: dem gehirngerechten Lernen.

Wer noch nicht vertraut ist mit den Basics zur Biologie des Lernens, dem Lernen des Gehirns und der Bedeutung der Motivation, wird in flüssiger, relativ einfacher Sprache gut ins Bild gesetzt. (Das ist wichtig festzustellen, denn im Einleitungskapitel sagt der Autor ja klar, für wen er das Buch geschrieben hat: für Lehrer, für Schüler, für Eltern und „nicht zuletzt für Bildungspolitiker.“ Sprache und Inhalte müssen also entsprechend passen.) Wer die einschlägige Fachliteratur bereits kennt, wird feststellen, dass Precht auch hier „sauber“ darstellt und die Fakten nicht verzerrt. Denn der Kernpunkt ist und bleibt meiner Einschätzung nach richtig:
„Vieles, was in unseren Schulen Usus ist, widerspricht elementar unserer Erkenntnis über die Gehirne Heranwachsender.“ (206)
Zu diskutieren geben dürften höchstens die Gründe, welche Precht dafür anführt, „warum so viele Schüler ... so demotiviert, lustlos und abgelenkt wirken“: „Reizüberflutung“ und die mangelnde Passung von schulischem Lernen und den Erkenntnissen der Hirnforschung.

Wenn es richtig ist, dass das Ziel von Erziehung und Bildung darin besteht, „Kinder zu mündigen und selbstbestimmten Menschen zu machen“ (216) und es auch zutrifft, dass „wir so viel über das menschliche Lernen wissen, dass es überfällig ist, all dies auch in unseren Schulen umzusetzen“ (215), dann hat Precht – und mit ihm all die anderen Kritiker heutiger Bildungssysteme, auch diejenigen, welche keine Bücher schreiben, recht, wenn er eine Bildungsrevolution fordert. Denn das ganze Bildungsdings scheint effektiv falsch aufgegleist und nicht auf die Erfordernisse der Zeit zugeschnitten zu sein; Zukunftsfähigkeit kann mit Bildungssystemen, wie wir sie haben, kaum „hergestellt“ werden. Zuviel Elementares wird in der Tat noch missachtet. Zum Beispiel, dass „Lernen etwas Individuelles ist.“ (222)
„Man kann Lehrpläne standardisieren, aber man kann Lernen nicht standardisieren.“ (Salman Khan)
Beispiele, dass das individuelle Lernen auch von sogenanntem Schulstoff funktioniert, gibt Precht, indem er drei bekannte Konzepte ausführlicher darstellt: das Mastery Learning, die Khan Academy und das berührende Experiment von Sugata Mitra, The Hole-in-the-Wall. Ein erstes Mal richtig revolutionär wird er aber mit folgender Aussage: 
„Man sollte es einmal ganz klar und offen aussprechen und sich nicht weiter etwas vormachen: Mathematik gehört nicht ins Klassenzimmer! Jedenfalls dann nicht, wenn wir von dem ausgehen, was wir kennen: einer Gruppe Gleichaltriger in einer Jahrgangsklasse.“ (240)
Das dürfte ein erstes Mal richtig zu reden geben.

25.04.2013

Anna, die Schule und der liebe Gott - Teil 3


Welchen Beruf werden unsere Kinder in zehn oder zwanzig Jahren ausüben? Was werden sie dafür können müssen? Welchen Stellenwert wird dieser Beruf in ihrem Leben haben? Wie viel Lebenszeit werden sie mit Arbeit verbringen und wie viel mit Freizeit? Und wie werden sie sich in einer Welt zurechtfinden, die um vieles anders sein wird als die unsere?“ (165)
Mit diesen Fragen steigt Precht ins erste Kapitel Bildung im 21. Jahrhundert des zweiten grossen Teils seines Buches ein, der überschrieben ist mit Die Bildungsrevolution.
Wie Prechts Anamnese ergeben hat (und er befindet sich dabei längst nicht alleine auf weiter Flur), leidet das deutsche Bildungssystem – so die Diagnose - an multiplen Krankheiten. Der zweite Teil wird folglich „Perspektiven für ein anderes Schulsystem aufzeigen“, also eine Therapie vorschlagen.

Im ersten Kapitel tastet sich der Autor an die Zielrichtung dieser Bildungsrevolution heran; den Erkenntnissen der Bestandesaufnahme folgend und ausgehend vom Generalbefund, dass „es so nicht weitergehen kann“, bedeutet das zum Beispiel:
Demnach wäre Bildung heute nicht mehr das Konzept, einen jeden Gymnasiasten in die Lage zu versetzen, aufgrund eines bewältigten Fachwissens alles studieren zu können. Es wäre vor allem dies: sich in der Welt und mit sich selber zurechtzufinden.“ (174) - „Orientierungswissen – die wahre Bildung des 21. Jahrhunderts.“ (180)
Interessant, dass sich Precht dabei auch auf die aktuelle Nummer 1 der Bildungskritiker Deutschlands beruft, den aus meiner Wahrnehmung am höchsten gehandelten Kongressredner der Nation: Gunter Dueck. Und natürlich hat er recht damit, wie ich finde, denn Dueck weist schon seit Jahren darauf hin, dass „es so nicht mehr geht“, dass es ganz andere Kompetenzen resp. Schlüsselqualifikationen braucht, um „zukunftsfähig“ zu werden, als die vom bisherigen Schulsystem angepeilten (sie finden sich im Buch auf S. 172):
"Ein neues Bildungssystem muss sich der Bildung ,,runder“ Persönlichkeiten widmen. Die gute frühkindliche Erziehung muss daher viel ernster genommen werden, weil in der frühen Zeit die Charakterbildung stattfindet. Kindergärten müssen zu blühenden Stätten des Werdens werden. Schulen müssen die neuen Internettechnologien nutzen, um ihre klassische Aufgabe der Faktenvermittlung so sehr viel effektiver zu gestalten, dass viel Zeit bleibt, die Persönlichkeit zu entwickeln. Arbeitgeber dürfen nicht mehr einfach die Übernahme fertiger Persönlichkeiten aus dem Bildungssystem erwarten, sie müssen sich immer stärker daran beteiligen, Mitarbeiter auf höhere Professionalitätsstandards zu entwickeln.Das alles geschieht derzeit nicht." (Dueck in einem im Oktober 2011 publizierten Artikel)
Am Beispiel von Wikipedia und Beyond Budgeting zeigt Precht, „welche neuen Formen des Umgangs mit Information die Wissensgesellschaft hervorbringt und welche Anforderungen sie dabei stellt.“ Eines der Kennzeichen der heutigen Wissensgesellschaft ist es, „dass sie das Lernen aus seinen institutionellen Verankerungen weitgehend befreit“ und es von der Anbindung an Schulsysteme löst. Stichworte: MOOCs, Online-Akademien, virtueller Hörsaal.

Fazit für mich: Auch dieses Kapitel ist sauber recherchiert. „unverdächtig“ und fernab einer „Pseudophilosophie“. Für mich ist das Buch (bis jetzt!) kein „sinnloses Ärgernis“, wie Peter Praschl seinen Artikel in der Welt betitelt – umso weniger, als Precht Fragen, die Praschl dort stellt, im Buch beantwortet. Zum Beispiel all diese: Warum ist dieser Patient, der erstens an sich selbst leidet, unter dem zweitens so viele leiden, die mit ihm in Berührung kommen, der drittens weiß, was ihm fehlt, und sich viertens schon lange nicht mehr in seiner eigenen Haut wohlfühlt, so uneinsichtig? Warum macht die Schule einfach weiter? Warum lässt sie sich alle möglichen Ausflüchte einfallen, die sie Schülern nie durchgehen lassen würde?"

Anna, die Schule und der liebe Gott - Teil 2


Den Abschnitt Die Bildungskatastrophe habe ich durch. Prechts Anamnese des Bildungssystems Deutschland liegt mir jetzt vor.
Ich habe treffende (und treffliche) Sätze gelesen, zum Beispiel:
"Es gibt keinen richtigen Unterricht im falschen." (149)
Ich sehe einmal mehr klar und deutlich das Dilemma der Schulen, das Precht für Deutschlands Bildungsanstalten u. a. so formuliert:
"Was Schule sein soll (ein Ort individuellen Lernens) und was Schule ist (eine Institution uniformen Lernens), passt in keinster Weise mehr zusammen." (107) - "Kinder und Jugendliche nach ihren Begabungen individuell zu fördern und das konventionelle Schulsystem schliessen sich aus." (109)
Die Belege, die Precht beibringt, sind für mich überzeugend. Zum Beispiel die Kritik, welche die Schülerin Yakamoz Karakurt in der ZEIT im August 2011 formuliert hat (Auszüge):
"Aber ich frage mich, ob einige der Erwachsenen, die Entscheidungen für uns treffen, schon einmal versucht haben, sich in uns hineinzuversetzen? Damit meine ich jeden Erwachsenen, den es überrascht, was ich hier schreibe. Sie wissen nicht, wie es uns geht, weil sie es nicht wissen wollen. Wir sollen Maschinen sein, die funktionieren, und das mindestens 10 Stunden am Tag. Aber funktionieren heißt nicht gleich lernen. Lernen bedeutet nämlich vor allem eins: Erfahrungen sammeln. (...) Ich hasse es, länger arbeiten zu müssen als manche Erwachsene. Ich hasse es, diesem Druck ausgesetzt zu sein. Ich hasse es, wie manche Erwachsene über unser Leben und unsere Schule bestimmen, obwohl sie selbst in ihrer Schulzeit nie mehr als sieben Stunden in der Schule verbracht haben. Das ist mein Problem.Und jetzt kommen Sie. Was wollen Sie tun?“
Ich finde die Gründe wieder, die auch hierzulande gegen das Sitzenbleiben und die nach wie vor übliche Art der Leistungskontrollen sprechen, zum Beispiel:
Wer immerfort getestet wird, lernt ja nicht für sich, sondern im Hinblick auf die Tests.... und wird so trainiert, Aufmerksamkeit nur auf das zu lenken, was sich auszahlt.“ (130) 
Nicht, dass Precht „wettbewerbsfreie Kuschelpädagogik“ forderte! „Die Frage ist nur, woran das Monitoring sich orientiert: am normierten Klassendurchschnitt oder an den Entwicklungsfortschritten einer individuellen Schülerpersönlichkeit?“ (132)
Und ich teile die Ansichten, die der Autor im Kapitel Lehrer als Beruf darlegt, voll und ganz.

Kurzum: Bis jetzt kann ich nichts Nachteiliges in Prechts Buch zur Misere des Bildungssystems (Deutschlands) finden – weder Oberflächliches noch Pseudophilosophisches. Aber es ging ihm ja erst mal auch nur um eine Bestandesaufnahme.

24.04.2013

Anna, die Schule und der liebe Gott - Teil 1

R. D. Prechts neues Buch (er stellt es selber in 2' Video vor) ist vor zwei Tagen erschienen - also stehe ich mit Lesen erst auf S. 103, was einem knappen Drittel des gesamten Textes entspricht.
Ich versuche vorurteilslos zu lesen, bin aber natürlich Partei - als ehemaliger Gymnasial- und Hochschullehrer.

Vorerst ein paar Zitate.

Aus dem einleitenden Kapitel Anna und die Schule:
"Unser Schulsystem, nicht nur in der westlichen Welt, sondern in vielen OECD-Staaten, fördert weder Intelligenz noch Kreativität. Als "Kompetenzen" definiert, durch Lehrpläne festgelegt, in "Fächern" parzelliert, in Fünfundvierzig-Minuten-Häppchen portioniert, in Klausuren und Test abgefragt und durch Zensuren bewertet, steht von vornherein fest, was exakt ein Schüler tun und was dabei als Ergebnis herauskommen soll." (9)
"Die heutige Aufgabe der Schule müsste dagegen sein, Kinder auf ein erfülltes Sozial- und Berufsleben in einer zukünftigen Gesellschaft vorzubereiten, sie zur aktiven Lebensgestaltung zu befähigen und zu ermutigen. Dafür müssen sie nicht nur lernen zu lernen ..., sondern die Schule muss alles dafür tun, dass Kinder und Heranwachsende in ihrem Leben auch dauerhaft lernen wollen." (19)
Aus dem Kapitel Was ist Bildung?
"[Humboldt] hält unbeirrbar an der Vorstellung einer 'allgemeinen Menschenbildung' fest, die nicht einen bestimmten Beruf zum Ziel hat, sondern 'die Ermöglichung eines weiterführenden Lernens'. Neben der Vermittlung von Wissen geht es in der Schule vor allem darum, das Lernen zu lernen." (35)
Aus dem Kapitel Klassenkampf in der Schule:
"Die Hauptschule dient heute als Auffangbecken und Verwahrungsort für die rund 950'000 Schüler, die durch den Rost der Bildungsselektion gefallen sind. ... Nur 15% aller deutschen Kinder besuchen eine Hauptschule. (...) Dass 'jeglicher Berufsausbildung eine allgemeine Menschenbildung vorangehen' soll, wie Humboldt es sich wünschte, klingt in Bezug auf die deutsche Hauptschulrealität wie blanker Hohn." (58f.)
Hauptschulen sind keine Schulen im Sinne von Schulen mehr, sondern Verwahrungsanstalten, in denen die Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern bildungsfern bleiben." (60f.)
"Man muss keine Studien aus dem Keller holen, um zu belegen, wie skandalös eng schulische Leistungen und soziale Herkunft in Deutschland zusammenhängen." (78)
Aus dem Kapitel PISA, G8 und andere Dummheiten:
"Schon der Gedanke, dass Wissen und Erkenntnis zu erlangen, einer zusätzlichen äusseren Belohnung in Form eines Lobes, einer Note, eines Zertifikats, einer Karriere oder eines hohen Gehalts bedarf, widerspricht unserer Natur." (81)
"Mehr als Mut und Innovation, Kreativität und Originalität belohnt das System Anpassung, Spezialisierung, Unauffälligkeit und ungeheuren Fleiss." (83f.)
"Kann man Schulleistungen messen? Und wenn ja, kann man sie so messen, dass man sie über alle sozialen, politischen und psychologischen Begleitumstände hinweg sinnvoll vergleichen kann? Und wenn ja, weiss man, welche optimierten Schulleistungen einer Volkswirtschaft künftig nützen werden und welche nicht? (...) Und gibt es überhaupt einen direkten Zusammenhang zwischen standardisierten schulischen Testergebnissen und dem Wohlstand und Wohlbefinden einer Nation?" (89)
"Unter dem Diktat der Messbarkeit löst sich die ganzheitliche Bildung der Persönlichkeit auf in einen Fächer erlernter und beherrschter Kompetenzen. (...) Musische und gesellschaftswissenschaftliche Fächer werden dadurch ebenso marginalisiert wie Herzensbildung, Lebensklugheit, Selbstbewusstsein, Persönlichkeit, Selbstkritik usw." (94f.)
Precht schreibt unter anderem aus folgendem Grund:
"Die Arbeit des Philosophen ist ein Zusammentragen von Erinnerungen zu einem bestimmten Zweck, nämlich der übersichtlichen Darstellung." (Wittgenstein)
Für mich als Leser ist es, wie ich merke, sehr nützlich, im ersten Teil unter dem Titel Die Bildungskatastrophe eine Art Anamnese des Zustandes des deutschen Bildungssystems vorgesetzt zu bekommen, umso mehr, als ich in einem anderen System - dem schweizerischen, und da dem aargauischen - gross geworden und tätig gewesen bin. Vieles von dem, was Precht im ersten Drittel seines Buches ausbreitet, kommt mir sehr bekannt vor resp. kenne ich aus eigener Erfahrung. Die Bologna-Reform, die PISA-Problematik, Effizienz und Kompetenz statt Bildung und Wissen, der Zusammenhang zw. schulischer Leistung und sozialer Herkunft - all das hat auch mich immer schon umgetrieben. Natürlich. Und: Natürlich ist sehr vieles, was Precht in seiner kritischen Bestandesaufnahme vorlegt, sattsam bekannt. 
Gerade deshalb spitzt sich die Frage zu: Wenn man das alles doch so gut weiss und untersucht hat (Precht erinnert zB. an Georg Pichts Buch von 1964: Die deutsche Bildungskatastrophe, auch an den Soziologen Ralf Dahrendorf und andere): Weshalb hat sich nichts Grundlegendes geändert? Precht gibt überzeugende Gründe dafür an und macht dadurch erst recht deutlich, dass es wahrscheinlich ein Buch wie dieses braucht. Und sei es nur - vielleicht im Sinne des obigen Zitats von Wittgenstein -, um uns in Erinnerung zu rufen, was im Bildungsbereich und darüber hinaus Sache ist:
Was ist, ist nicht das, was sein sollte (und wohl auch sein könnte). Banal, aber wahr. Trotzdem schrauben wir weiterhin am Alten herum, renovieren - 

22.04.2013

R. D. Precht und "die radikal andere Schule"

Achivbild ZEIT
Er ist wieder da. Richard David Precht.
Sein neues Buch erscheint heute.
In Interviews äussert er sich dazu: In der ZEIT. Im Tages-Anzeiger. Die 10 Prinzipien, die er in seinem Buch vorstellt, finden sich ebenfalls online.
Der erste Verriss ist auch bereits erschienen.

(Auch) Richard David Precht fordert also eine andere Schule, und zwar eine radikal andere. Zwar basieren seine Überlegungen auf Daten und Informationen aus dem Bildungsraum Deutschlands; er misst sozusagen dem deutschen Bildungssystem den Puls, stellt eine Diagnose und schlägt eine Therapie vor. Aber - zumindest den Interviews nach zu schliessen - seine Befunde lassen sich auch allgemeiner lesen. Denn es geht, wie eigentlich immer, wenn sich jemand zum Thema "Schule" äussert, ums Lernen.
Nach den Hirnforschern (Roth, Spitzer, Hüther) jetzt der Philosoph R. D. Precht.

Ich gestehe es offen: Ich habe das Buch von Manfred Spitzer Lernen von 2003 gerne gelesen, habe ihm und M. Hüther an verschiedenen Anlässen gerne zugehört, wenn sie sich über die Misere des deutschen Bildungssystems ausgelassen haben, denn manche ihrer Befunde habe ich zutreffend gefunden.
Neuestens aber scheinen die beiden Genannten intellektuell fast schon Amok zu laufen; ihre Bedenken hinsichtlich des Einsatzes neuer Medien in den Schulen klingen für mich grösstenteils nur noch grotesk.
Auch R. D. Precht habe ich gerne zugehört, seine Bücher ziemlich gerne gelesen - ob auch er sich in der Heftigkeit und der Stossrichtung seiner Argumentation derjenigen der Spitzers annähert? Ich bin gespannt.

Was ich mich dennoch frage: Wann waren die genannten Herren wohl das letzte Mal in real existierenden Schulen mit real existierenden Lehrpersonen und haben - nicht nur ein Häppchen, sondern zB. eine Woche am Stück - wirklichen Unterricht mitverfolgt (besser noch: an ihm teilgenommen)? Denn wenn ich sehe (und lese), wie Menschen wie zB. Philippe Wampfler, Lisa Roth, Corinna Lammert "von innen" her Unterricht (und damit wohl auch Schule) reformieren, wie die Gemeinschaftsschule Berlin-Zentrum das geschafft (und im Buch EduAction vorgestellt) hat, wie Kolleginnen und Kollegen aus meinem nahen Umfeld das "Umdenken" üben und Neues umzusetzen versuchen, die "radikal andere Schule" also bereits im Blick und "in Arbeit" haben, stimmt mich das zuversichtlich.

Schauen wir uns die zehn Prinzipien, die Precht auflistet, an:
1. Kinder wollen lernen
2. Jedes Kind ist anders
3. Vergesst die Fächer
4. Bildet Lernteams
5. Vertieft Beziehungen
6. Fördert Werte
7. Verschönert die Lernorte
8. Trainiert die Konzentration
9. Schafft die Noten ab
10. Lasst ganztägig lernen
Was daran soll so radikal anders (und neu) sein? An Schweizer Schulen sind die meisten dieser Grundsätze - zumindest theoretisch - längst erfüllt; wobei Punkt 9) vermutlich ein ewiges Thema bleiben wird. Punkt 10) nimmt sich Finnland zum Vorbild und ist durchaus bedenkenswert. Wie überhaupt das ganze Abenteuer, über Schule und Unterricht, Bildung und Gesellschaft sowie ihre wechselseitigen Abhängigkeiten vertiefter nachzudenken. Es darf dabei durchaus auch etwas heftig(er) zu und her gehen.
Trotzdem: Die 10 Punkte sind meines Erachtens Selbstverständlichkeiten:
  1. Was denn sonst?
  2. Natürlich!
  3. Die Welt ist fächerübergreifend!
  4. Lernen ist immer auch sozial.
  5. Ohne emotionale Bindung läuft nichts.
  6. Neutralen wertelosen Unterricht wird es kaum geben.
  7. Unbedingt! Zurück zu den "Schulstuben"! Baut Häuser des Lernens und Lebens!
  8. Einverstanden - nur: Bitte nicht die Pads etc verbieten!
  9. Beurteilungen bleiben Beurteilungen - die Frage ist nur, ob sie Selektionsfunktion haben müssen.
  10. "Das Gehirn lernt immer!" (Spitzer)
Ein Blick 400 Jahre zurück lohnt. Da verfasste Comenius um 1630 eine "Grosse Ddaktik", welcher Folgendes voran steht:
"Erstes und letztes Ziel unserer Didaktik soll es sein, die Unterrichtsweise aufzuspüren und zu erkunden, bei welcher die Lehrer weniger zu lehren brauchen, die Schüler dennoch mehr lernen; in den Schulen weniger Lärm, Überdruss und unnütze Mühe herrsche, dafür mehr Freiheit, Vergnügen und wahrhafter Fortschritt; ..."
Prechts Buch scheint also nur eine weitere Variation zu einem alten Thema zu sein. Ich mache mich jetzt aber ans Lesen.

"Große Veränderungen werden nicht durch ewig gesuchte Mittelwege und jahrelang abgewogene Gedanken erreicht. Wer das glaubt, möchte im Grunde, dass die Schule bleibt, was sie ist: ein Relikt des 19. Jahrhunderts. Ohne Leidenschaft, Emotion und mitunter auch ohne die eine oder andere Zuspitzung wird es nicht gehen, wenn es tatsächlich zu strukturellen Veränderungen kommen soll." (R.D.Precht in der ZEIT vom 11.4.2013)

PS: Vor einem knappen Jahr habe ich im Blog bereits über solche "Wendezeit?" geschrieben.

05.04.2013

Bedenkenswertes zum Thema Lernen

Jeglicher Kommentar erübrigt sich - das Referat von 20' Dauer spricht für sich.

02.04.2013

Vom kreativen Chaos zum PLN


Man sieht unschwer: Früher war alles genau gleich wie heute, nur ganz anders.
In der Tat: Wann habe ich zum letzten Mal meinen eleganten, teuren Füller – ein Geschenk! – aufgeschraubt? Wann an einem Globus gedreht? Wann einen Kabeltelefonhörer in der Hand gehalten? Post-It, Leim und Schere, Fotos und Pinnwand sind noch, ebenso Papier und Bleistift (meistens, wenn ich etwas zeichnerisch erfassen will), aber der Gerätschaften sind deutlich weniger geworden, dafür der Bildschirme mehr.
Bedeutet das, dass ich mit der Zeit gehe? Oder dass ich bequemer geworden bin? Ich weiss es nicht. Was ich aber weiss: dass ich die kreative Unordnung von früher auf meinem Schreibtisch manchmal ein bisschen vermisse. Dafür habe ich jetzt ein PLN, ein Personal Learning Network.