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16.05.2013
26.04.2013
Anna, die Schule und der liebe Gott - Teil 5 und Schlussfazit
Precht
wird in den letzten Kapiteln seines Buches konkret. Nach eher
allgemeinen Überlegungen zu Bildung und Lernen zieht er jetzt die
Konsequenzen aus den Befunden, vergleicht einmal mehr das
Haben und das Soll und formuliert, wie aus dem unbefriedigenden, ja
kranken Zustand des Bildungssystems Deutschland etwas werden könnte,
das zu nachhaltigem, motivierendem, Lust machendem und
selbstwirksamem Lernen am Leben einladen würde.
Genannt
werden auf einer ersten, unterrichtspolitischen Ebene: das
Projektlernen, das Unterrichten im Team, der Einbezug von „Lehrern
aus dem Leben“ (Beispiel.: der pensionierte Physiker am CERN
unterstützt – nach einem „pädagogischen Schnellkurs“ – die
„konventionell ausgebildete“ Physiklehrkraft), die Ersetzung der
Ziffernoten durch „dreidimensionale Bilder der Persönlichkeit“
eines Schulkindes, durch „längere schriftliche Beurteilungen eines
Lern- und Entwicklungswegs“, sowie „ein besserer Rahmen und ein im
Schnitt besseres Personal als heute.“
Bessere
Schulen
beruhen gemäss Precht dann
auf
zehn
Prinzipien,
einem „Fundus an miteinander verknüpften Anregungen. Einem
Selbstbedienungsladen, wenn man so will, für aufgeklärte Pädagogen,
Schulleiter und Schulentwickler.“ - Diese Prinzipien wurden ja
bereits vor
Erscheinen des Buches in der ZEIT abgedruckt
und haben schon heftige Reaktionen hervorgerufen. -
Es gilt:
- die intrinsische Motivation eines Kindes zu pflegen
- das Kind individuell lernen zu lassen
- die Welt des Wissens fachübergreifend in ihren Zusammenhängen verstehbar zu machen
- jahrgangsübergreifende sebstgewählte Lernteams zuzulassen
- eine Beziehungs- und Verantwortungskultur an den Schulen zu schaffen
- Werte und Wertschätzung zu fördern
- die Schularchitektur lernfreundlich auszugestalten
- die Konzentrationsfähigkeit zu trainieren und zu pflegen
- ein auf die Individualität des Kindes bezogenes Monitoring einzuführen
- Ganztagesschulen einzuführen
Mein
Gesamtfazit fällt grundsätzlich positiv aus.
Nimmt
man Prechts Buch im ersten Teil als das, was Wittgenstein „die
Arbeit des Philosophen“ genannt hat: „ein Zusammentragen von
Erinnerungen zu einem bestimmten Zweck, nämlich der übersichtlichen
Darstellung", so lohnt die Lektüre. Denn im Abschnitt
Bildungskatastrophe
werden die Mängel des deutschen Bildungssystems (die längst nicht
nur auf Deutschland bezogen werden können) so sorgfältig und
griffig aufgelistet, dass fast schon schmerzhaft deutlich wird: „So
kann es nicht weiter gehen.“ Sollte zumindest nicht.
Natürlich
ist eine solche Mängelerhebung provokativ, denn sie fordert alle,
die diesem System angehören, heraus. Korrigieren? Reformieren? An-
und Ausbauen? Neu machen? Was tun?
Es
gibt selbstverständlich bereits Ansätze zu Antworten; Precht ist in
bester Gesellschaft. Drei Beispiele von heute sollen als Illustration
dessen dienen, was andere – eher von der Praxis her kommend – schon angedacht haben:
Das
Anstossreferat
von Lisa Rosa an einer Veranstaltung von heute: Selbstbestimmt
lernen in der digitalen Welt.
Quintessenz: Shift des Lernbegriffs vom Industrie- ins digitale
Zeitalter: „Web 2.0 ist keine Technologie, sondern ein Verhalten.
Das bedeutet, es handelt sich nicht um eine technologische
Revolution, sondern um eine soziale Revolution.“ (Stephen Downes).
„Lehrer werden Expeditionsleiter: den Dialograum zu erobern.“
Google
Glasses: The
Future of Educational Tech:
Keine (Schul)Bücher mehr, nur noch virtuelle Klassen(räume),
individualisiertes Lernen
Ein
Artikel
von Jöran Muuss-Merholz: Lernen
im Jahr 2029:
Zwar wird es noch Schulen geben, aber „Lernen wird überall dort
stattfinden, wo es eine Verbindung zum Netz gibt.“
Precht
selber schlägt eine Bildungsrevolution vor, die er breit begründet
(die konsultierte Literatur ist natürlich mehrheitlich solche, die
seine Argumentation unterstützt resp. inspiriert. Die Autoren sind
jedoch, soweit ich sehe, über jeden Verdacht erhaben.). Seinen
Überlegungen folge ich gerne, umso lieber, als er bei mir offene
Türen einrennt: die in diesem Post weiter oben genannten konkreten
Vorschläge hatte ich in meinem Unterricht allesamt bereits
umgesetzt; an Schweizer Gymnasien sind überdies
Projektlernen,
Unterrichten
im Team, ein persönliches Projekt vor dem Abitur („Maturaarbeit“)
Pflicht. Auch autonom geleitete Schulen sind in der Schweiz üblich.
- Für mich persönlich (und für viele, viele ähnlich kritisch
Denkende, vermute ich) also effektiv wenig Neues in diesem Buch, das
jedoch – mit Ausnahme vielleicht der letzten beiden Kapitel – in
Aufbau, Sprache und Reflexion durchaus zu überzeugen vermag.
Manchmal habe ich sogar gestaunt, wie vorsichtig und umsichtig Precht
argumentiert.... Also nix von digitaler oder anderer Demenz, nix
Rundumschlag, nix Schaumschlägerei. Der Platz in den Talkshows wird
ihm trotzdem sicher sein.
PS: Erinnert sei noch rasch an Johann Heinrich Pestalozzis "Kopf-Herz-Hand" - auch er schon mit revolutionären Gedanken unterwegs....
PS2: Ein Tweet von heute, 28.4.2013: "Jöran @jmm_hamburg: Digitaler Wandel frisst Abiturprüfungen." - Vielleicht frisst er sogar die Gymnasien in der bisherigen Form? Vielleicht ist die von Precht angepeilte Bildungsrevolution bereits überholt, angesichts der technologischen Neuerungen, die uns ins Haus stehen und von denen Precht - erstaunlicherweise - nicht spricht?
PS2: Ein Tweet von heute, 28.4.2013: "Jöran
Anna, die Schule und der liebe Gott - Teil 4
Nachdem die
Zielrichtung für die Bildung im 21. Jahrhundert abgesteckt ist,
kommt Precht jetzt zum zentralen Begriff der ganzen Thematik Bildung:
dem Lernen. Über die Stationen Biologie des Lernens –
Gehirn und Entwicklung – Mein Wollen & ich kommt
er zu dem, was heutige Schulen wohl am wenigsten anzubieten scheinen:
dem gehirngerechten Lernen.
Wer noch
nicht vertraut ist mit den Basics zur Biologie des Lernens, dem
Lernen des Gehirns und der Bedeutung der Motivation, wird in
flüssiger, relativ einfacher Sprache gut ins Bild gesetzt. (Das ist
wichtig festzustellen, denn im Einleitungskapitel sagt der Autor ja
klar, für wen er das Buch geschrieben hat: für Lehrer, für
Schüler, für Eltern und „nicht zuletzt für Bildungspolitiker.“
Sprache und Inhalte müssen also entsprechend passen.) Wer die
einschlägige Fachliteratur bereits kennt, wird feststellen, dass
Precht auch hier „sauber“ darstellt und die Fakten nicht
verzerrt. Denn der Kernpunkt ist und bleibt meiner Einschätzung nach
richtig:
„Vieles, was in unseren Schulen Usus ist, widerspricht elementar unserer Erkenntnis über die Gehirne Heranwachsender.“ (206)
Zu
diskutieren geben dürften höchstens die Gründe, welche Precht
dafür anführt, „warum so viele Schüler ... so demotiviert,
lustlos und abgelenkt wirken“: „Reizüberflutung“ und die
mangelnde Passung von schulischem Lernen und den Erkenntnissen der
Hirnforschung.
Wenn es
richtig ist, dass das Ziel von Erziehung und Bildung darin besteht,
„Kinder zu mündigen und selbstbestimmten Menschen zu machen“
(216) und es auch zutrifft, dass „wir so viel über das menschliche
Lernen wissen, dass es überfällig ist, all dies auch in unseren
Schulen umzusetzen“ (215), dann hat Precht – und mit ihm all die
anderen Kritiker heutiger Bildungssysteme, auch diejenigen, welche
keine Bücher schreiben, recht, wenn er eine Bildungsrevolution
fordert. Denn das ganze Bildungsdings scheint effektiv falsch
aufgegleist und nicht auf die Erfordernisse der Zeit zugeschnitten zu
sein; Zukunftsfähigkeit kann mit Bildungssystemen, wie wir sie
haben, kaum „hergestellt“ werden. Zuviel Elementares wird in der
Tat noch missachtet. Zum Beispiel, dass „Lernen etwas Individuelles
ist.“ (222)
„Man kann Lehrpläne standardisieren, aber man kann Lernen nicht standardisieren.“ (Salman Khan)
Beispiele,
dass das individuelle Lernen auch von sogenanntem Schulstoff
funktioniert, gibt Precht, indem er drei bekannte Konzepte
ausführlicher darstellt: das Mastery Learning, die Khan Academy und
das berührende Experiment von Sugata Mitra, The Hole-in-the-Wall.
Ein erstes Mal richtig revolutionär wird er aber mit folgender
Aussage:
„Man sollte es einmal ganz klar und offen aussprechen und sich nicht weiter etwas vormachen: Mathematik gehört nicht ins Klassenzimmer! Jedenfalls dann nicht, wenn wir von dem ausgehen, was wir kennen: einer Gruppe Gleichaltriger in einer Jahrgangsklasse.“ (240)
Das
dürfte ein erstes Mal richtig zu reden geben.
25.04.2013
Anna, die Schule und der liebe Gott - Teil 3
„Welchen Beruf werden unsere Kinder in zehn oder zwanzig Jahren ausüben? Was werden sie dafür können müssen? Welchen Stellenwert wird dieser Beruf in ihrem Leben haben? Wie viel Lebenszeit werden sie mit Arbeit verbringen und wie viel mit Freizeit? Und wie werden sie sich in einer Welt zurechtfinden, die um vieles anders sein wird als die unsere?“ (165)
Mit diesen
Fragen steigt Precht ins erste Kapitel Bildung im 21. Jahrhundert
des zweiten grossen Teils seines Buches ein, der überschrieben ist
mit Die Bildungsrevolution.
Wie
Prechts Anamnese ergeben hat (und er befindet sich dabei längst
nicht alleine auf weiter Flur), leidet das deutsche Bildungssystem –
so die Diagnose - an multiplen Krankheiten. Der zweite Teil wird
folglich „Perspektiven für ein anderes Schulsystem aufzeigen“,
also eine Therapie vorschlagen.
Im
ersten Kapitel tastet sich der Autor an die Zielrichtung dieser
Bildungsrevolution heran; den Erkenntnissen der Bestandesaufnahme
folgend und ausgehend vom Generalbefund, dass „es so nicht
weitergehen kann“, bedeutet das zum Beispiel:
„Demnach wäre Bildung heute nicht mehr das Konzept, einen jeden Gymnasiasten in die Lage zu versetzen, aufgrund eines bewältigten Fachwissens alles studieren zu können. Es wäre vor allem dies: sich in der Welt und mit sich selber zurechtzufinden.“ (174) - „Orientierungswissen – die wahre Bildung des 21. Jahrhunderts.“ (180)
Interessant,
dass sich Precht dabei auch auf die aktuelle Nummer 1 der
Bildungskritiker
Deutschlands beruft, den aus meiner Wahrnehmung am höchsten
gehandelten Kongressredner der Nation: Gunter Dueck. Und natürlich
hat er recht damit, wie ich finde, denn Dueck weist schon seit Jahren
darauf hin, dass „es so nicht mehr geht“, dass es ganz andere
Kompetenzen resp. Schlüsselqualifikationen braucht, um
„zukunftsfähig“ zu werden, als die vom bisherigen Schulsystem
angepeilten (sie finden sich im Buch auf S. 172):
"Ein neues Bildungssystem muss sich der Bildung ,,runder“ Persönlichkeiten widmen. Die gute frühkindliche Erziehung muss daher viel ernster genommen werden, weil in der frühen Zeit die Charakterbildung stattfindet. Kindergärten müssen zu blühenden Stätten des Werdens werden. Schulen müssen die neuen Internettechnologien nutzen, um ihre klassische Aufgabe der Faktenvermittlung so sehr viel effektiver zu gestalten, dass viel Zeit bleibt, die Persönlichkeit zu entwickeln. Arbeitgeber dürfen nicht mehr einfach die Übernahme fertiger Persönlichkeiten aus dem Bildungssystem erwarten, sie müssen sich immer stärker daran beteiligen, Mitarbeiter auf höhere Professionalitätsstandards zu entwickeln.Das alles geschieht derzeit nicht." (Dueck in einem im Oktober 2011 publizierten Artikel)
Am Beispiel
von Wikipedia und Beyond Budgeting zeigt Precht, „welche neuen
Formen des Umgangs mit Information die Wissensgesellschaft
hervorbringt und welche Anforderungen sie dabei stellt.“ Eines der
Kennzeichen der heutigen Wissensgesellschaft ist es, „dass sie das
Lernen aus seinen institutionellen Verankerungen weitgehend befreit“
und es von der Anbindung an Schulsysteme löst. Stichworte: MOOCs,
Online-Akademien, virtueller
Hörsaal.
Fazit für
mich: Auch dieses Kapitel ist sauber recherchiert. „unverdächtig“
und fernab einer „Pseudophilosophie“. Für mich ist das
Buch (bis jetzt!) kein „sinnloses
Ärgernis“, wie Peter Praschl seinen Artikel
in der Welt
betitelt – umso weniger, als Precht Fragen, die Praschl dort
stellt, im Buch beantwortet. Zum Beispiel all diese: „Warum
ist dieser Patient, der erstens an sich selbst leidet, unter dem
zweitens so viele leiden, die mit ihm in Berührung kommen, der
drittens weiß, was ihm fehlt, und sich viertens schon lange nicht
mehr in seiner eigenen Haut wohlfühlt, so uneinsichtig? Warum macht
die Schule einfach weiter? Warum lässt sie sich alle möglichen
Ausflüchte einfallen, die sie Schülern nie durchgehen lassen würde?"
Anna, die Schule und der liebe Gott - Teil 2
Den
Abschnitt Die Bildungskatastrophe habe ich durch. Prechts
Anamnese des Bildungssystems Deutschland liegt mir jetzt vor.
Ich
habe treffende (und treffliche) Sätze gelesen, zum Beispiel:
"Es gibt keinen richtigen Unterricht im falschen." (149)
Ich
sehe einmal mehr klar und deutlich das Dilemma der Schulen, das
Precht für Deutschlands Bildungsanstalten u. a. so formuliert:
"Was Schule sein soll (ein Ort individuellen Lernens) und was Schule ist (eine Institution uniformen Lernens), passt in keinster Weise mehr zusammen." (107) - "Kinder und Jugendliche nach ihren Begabungen individuell zu fördern und das konventionelle Schulsystem schliessen sich aus." (109)
Die
Belege, die Precht beibringt, sind für mich überzeugend. Zum
Beispiel die Kritik,
welche die Schülerin Yakamoz Karakurt in der ZEIT im August 2011
formuliert hat (Auszüge):
"Aber ich frage mich, ob einige der Erwachsenen, die Entscheidungen für uns treffen, schon einmal versucht haben, sich in uns hineinzuversetzen? Damit meine ich jeden Erwachsenen, den es überrascht, was ich hier schreibe. Sie wissen nicht, wie es uns geht, weil sie es nicht wissen wollen. Wir sollen Maschinen sein, die funktionieren, und das mindestens 10 Stunden am Tag. Aber funktionieren heißt nicht gleich lernen. Lernen bedeutet nämlich vor allem eins: Erfahrungen sammeln. (...) Ich hasse es, länger arbeiten zu müssen als manche Erwachsene. Ich hasse es, diesem Druck ausgesetzt zu sein. Ich hasse es, wie manche Erwachsene über unser Leben und unsere Schule bestimmen, obwohl sie selbst in ihrer Schulzeit nie mehr als sieben Stunden in der Schule verbracht haben. Das ist mein Problem.Und jetzt kommen Sie. Was wollen Sie tun?“
Ich
finde die Gründe wieder, die auch hierzulande gegen das
Sitzenbleiben und die nach wie vor übliche Art der
Leistungskontrollen sprechen, zum Beispiel:
„Wer immerfort getestet wird, lernt ja nicht für sich, sondern im Hinblick auf die Tests.... und wird so trainiert, Aufmerksamkeit nur auf das zu lenken, was sich auszahlt.“ (130)
Nicht, dass Precht
„wettbewerbsfreie Kuschelpädagogik“ forderte! „Die Frage ist
nur, woran das Monitoring sich orientiert: am normierten
Klassendurchschnitt oder an den Entwicklungsfortschritten einer
individuellen Schülerpersönlichkeit?“ (132)
Und
ich teile die Ansichten, die der Autor im Kapitel Lehrer als Beruf
darlegt, voll und ganz.
Kurzum:
Bis jetzt kann ich nichts Nachteiliges in Prechts Buch zur Misere des
Bildungssystems (Deutschlands) finden – weder Oberflächliches noch
Pseudophilosophisches. Aber es ging ihm ja erst mal auch nur um eine
Bestandesaufnahme.
24.04.2013
Anna, die Schule und der liebe Gott - Teil 1
R. D. Prechts neues Buch (er stellt es selber in 2' Video vor) ist vor zwei Tagen erschienen - also stehe ich mit Lesen erst auf S. 103, was einem knappen Drittel des gesamten Textes entspricht.Ich versuche vorurteilslos zu lesen, bin aber natürlich Partei - als ehemaliger Gymnasial- und Hochschullehrer.
Vorerst ein paar Zitate.
Aus dem einleitenden Kapitel Anna und die Schule:
"Unser Schulsystem, nicht nur in der westlichen Welt, sondern in vielen OECD-Staaten, fördert weder Intelligenz noch Kreativität. Als "Kompetenzen" definiert, durch Lehrpläne festgelegt, in "Fächern" parzelliert, in Fünfundvierzig-Minuten-Häppchen portioniert, in Klausuren und Test abgefragt und durch Zensuren bewertet, steht von vornherein fest, was exakt ein Schüler tun und was dabei als Ergebnis herauskommen soll." (9)
"Die heutige Aufgabe der Schule müsste dagegen sein, Kinder auf ein erfülltes Sozial- und Berufsleben in einer zukünftigen Gesellschaft vorzubereiten, sie zur aktiven Lebensgestaltung zu befähigen und zu ermutigen. Dafür müssen sie nicht nur lernen zu lernen ..., sondern die Schule muss alles dafür tun, dass Kinder und Heranwachsende in ihrem Leben auch dauerhaft lernen wollen." (19)Aus dem Kapitel Was ist Bildung?
"[Humboldt] hält unbeirrbar an der Vorstellung einer 'allgemeinen Menschenbildung' fest, die nicht einen bestimmten Beruf zum Ziel hat, sondern 'die Ermöglichung eines weiterführenden Lernens'. Neben der Vermittlung von Wissen geht es in der Schule vor allem darum, das Lernen zu lernen." (35)Aus dem Kapitel Klassenkampf in der Schule:
"Die Hauptschule dient heute als Auffangbecken und Verwahrungsort für die rund 950'000 Schüler, die durch den Rost der Bildungsselektion gefallen sind. ... Nur 15% aller deutschen Kinder besuchen eine Hauptschule. (...) Dass 'jeglicher Berufsausbildung eine allgemeine Menschenbildung vorangehen' soll, wie Humboldt es sich wünschte, klingt in Bezug auf die deutsche Hauptschulrealität wie blanker Hohn." (58f.)
Hauptschulen sind keine Schulen im Sinne von Schulen mehr, sondern Verwahrungsanstalten, in denen die Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern bildungsfern bleiben." (60f.)
"Man muss keine Studien aus dem Keller holen, um zu belegen, wie skandalös eng schulische Leistungen und soziale Herkunft in Deutschland zusammenhängen." (78)Aus dem Kapitel PISA, G8 und andere Dummheiten:
"Schon der Gedanke, dass Wissen und Erkenntnis zu erlangen, einer zusätzlichen äusseren Belohnung in Form eines Lobes, einer Note, eines Zertifikats, einer Karriere oder eines hohen Gehalts bedarf, widerspricht unserer Natur." (81)
"Mehr als Mut und Innovation, Kreativität und Originalität belohnt das System Anpassung, Spezialisierung, Unauffälligkeit und ungeheuren Fleiss." (83f.)
"Kann man Schulleistungen messen? Und wenn ja, kann man sie so messen, dass man sie über alle sozialen, politischen und psychologischen Begleitumstände hinweg sinnvoll vergleichen kann? Und wenn ja, weiss man, welche optimierten Schulleistungen einer Volkswirtschaft künftig nützen werden und welche nicht? (...) Und gibt es überhaupt einen direkten Zusammenhang zwischen standardisierten schulischen Testergebnissen und dem Wohlstand und Wohlbefinden einer Nation?" (89)
"Unter dem Diktat der Messbarkeit löst sich die ganzheitliche Bildung der Persönlichkeit auf in einen Fächer erlernter und beherrschter Kompetenzen. (...) Musische und gesellschaftswissenschaftliche Fächer werden dadurch ebenso marginalisiert wie Herzensbildung, Lebensklugheit, Selbstbewusstsein, Persönlichkeit, Selbstkritik usw." (94f.)Precht schreibt unter anderem aus folgendem Grund:
"Die Arbeit des Philosophen ist ein Zusammentragen von Erinnerungen zu einem bestimmten Zweck, nämlich der übersichtlichen Darstellung." (Wittgenstein)Für mich als Leser ist es, wie ich merke, sehr nützlich, im ersten Teil unter dem Titel Die Bildungskatastrophe eine Art Anamnese des Zustandes des deutschen Bildungssystems vorgesetzt zu bekommen, umso mehr, als ich in einem anderen System - dem schweizerischen, und da dem aargauischen - gross geworden und tätig gewesen bin. Vieles von dem, was Precht im ersten Drittel seines Buches ausbreitet, kommt mir sehr bekannt vor resp. kenne ich aus eigener Erfahrung. Die Bologna-Reform, die PISA-Problematik, Effizienz und Kompetenz statt Bildung und Wissen, der Zusammenhang zw. schulischer Leistung und sozialer Herkunft - all das hat auch mich immer schon umgetrieben. Natürlich. Und: Natürlich ist sehr vieles, was Precht in seiner kritischen Bestandesaufnahme vorlegt, sattsam bekannt.
Gerade deshalb spitzt sich die Frage zu: Wenn man das alles doch so gut weiss und untersucht hat (Precht erinnert zB. an Georg Pichts Buch von 1964: Die deutsche Bildungskatastrophe, auch an den Soziologen Ralf Dahrendorf und andere): Weshalb hat sich nichts Grundlegendes geändert? Precht gibt überzeugende Gründe dafür an und macht dadurch erst recht deutlich, dass es wahrscheinlich ein Buch wie dieses braucht. Und sei es nur - vielleicht im Sinne des obigen Zitats von Wittgenstein -, um uns in Erinnerung zu rufen, was im Bildungsbereich und darüber hinaus Sache ist:
Was ist, ist nicht das, was sein sollte (und wohl auch sein könnte). Banal, aber wahr. Trotzdem schrauben wir weiterhin am Alten herum, renovieren -
22.04.2013
R. D. Precht und "die radikal andere Schule"
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| Achivbild ZEIT |
Sein
neues Buch erscheint
heute.
In
Interviews äussert er sich dazu: In der ZEIT.
Im Tages-Anzeiger.
Die 10
Prinzipien, die er in seinem Buch vorstellt, finden sich
ebenfalls online.
Der erste Verriss ist auch bereits erschienen.
Der erste Verriss ist auch bereits erschienen.
(Auch)
Richard David Precht fordert also eine andere Schule, und zwar eine
radikal andere. Zwar basieren seine Überlegungen auf Daten und
Informationen aus dem Bildungsraum Deutschlands; er misst sozusagen
dem deutschen Bildungssystem den Puls, stellt eine Diagnose und
schlägt eine Therapie vor. Aber - zumindest den Interviews nach zu
schliessen - seine Befunde lassen sich auch allgemeiner lesen. Denn
es geht, wie eigentlich immer, wenn sich jemand zum Thema "Schule"
äussert, ums Lernen.
Nach
den Hirnforschern (Roth, Spitzer, Hüther) jetzt der Philosoph R. D.
Precht.
Ich
gestehe es offen: Ich habe das Buch von Manfred Spitzer Lernen von
2003 gerne gelesen, habe ihm und M. Hüther an verschiedenen
Anlässen gerne zugehört, wenn sie sich über die Misere des
deutschen Bildungssystems ausgelassen haben, denn manche ihrer
Befunde habe ich zutreffend gefunden.
Neuestens
aber scheinen die beiden Genannten intellektuell fast schon Amok zu
laufen; ihre Bedenken hinsichtlich des Einsatzes neuer Medien in den
Schulen klingen für mich grösstenteils nur noch grotesk.
Auch
R. D. Precht habe ich gerne zugehört, seine Bücher ziemlich gerne
gelesen - ob auch er sich in der Heftigkeit und der Stossrichtung
seiner Argumentation derjenigen der Spitzers annähert? Ich bin
gespannt.
Was
ich mich dennoch frage: Wann waren die genannten Herren wohl das letzte Mal in
real existierenden Schulen mit real existierenden Lehrpersonen und
haben - nicht nur ein Häppchen, sondern zB. eine Woche am Stück -
wirklichen Unterricht mitverfolgt (besser noch: an ihm teilgenommen)?
Denn wenn ich sehe (und lese), wie Menschen wie zB. Philippe
Wampfler, Lisa Roth, Corinna Lammert "von innen" her
Unterricht (und damit wohl auch Schule) reformieren, wie
die Gemeinschaftsschule
Berlin-Zentrum das geschafft (und im Buch EduAction vorgestellt)
hat, wie Kolleginnen und Kollegen aus meinem nahen Umfeld das
"Umdenken" üben und Neues umzusetzen versuchen, die
"radikal andere Schule" also bereits im Blick und "in Arbeit" haben, stimmt
mich das zuversichtlich.
Schauen wir uns die zehn Prinzipien, die Precht auflistet, an:
Was daran soll so radikal anders (und neu) sein? An Schweizer Schulen sind die meisten dieser Grundsätze - zumindest theoretisch - längst erfüllt; wobei Punkt 9) vermutlich ein ewiges Thema bleiben wird. Punkt 10) nimmt sich Finnland zum Vorbild und ist durchaus bedenkenswert. Wie überhaupt das ganze Abenteuer, über Schule und Unterricht, Bildung und Gesellschaft sowie ihre wechselseitigen Abhängigkeiten vertiefter nachzudenken. Es darf dabei durchaus auch etwas heftig(er) zu und her gehen.1. Kinder wollen lernen2. Jedes Kind ist anders3. Vergesst die Fächer4. Bildet Lernteams5. Vertieft Beziehungen6. Fördert Werte7. Verschönert die Lernorte8. Trainiert die Konzentration9. Schafft die Noten ab10. Lasst ganztägig lernen
Trotzdem: Die 10 Punkte sind meines Erachtens Selbstverständlichkeiten:
- Was denn sonst?
- Natürlich!
- Die Welt ist fächerübergreifend!
- Lernen ist immer auch sozial.
- Ohne emotionale Bindung läuft nichts.
- Neutralen wertelosen Unterricht wird es kaum geben.
- Unbedingt! Zurück zu den "Schulstuben"! Baut Häuser des Lernens und Lebens!
- Einverstanden - nur: Bitte nicht die Pads etc verbieten!
- Beurteilungen bleiben Beurteilungen - die Frage ist nur, ob sie Selektionsfunktion haben müssen.
- "Das Gehirn lernt immer!" (Spitzer)
"Erstes und letztes Ziel unserer Didaktik soll es sein, die Unterrichtsweise aufzuspüren und zu erkunden, bei welcher die Lehrer weniger zu lehren brauchen, die Schüler dennoch mehr lernen; in den Schulen weniger Lärm, Überdruss und unnütze Mühe herrsche, dafür mehr Freiheit, Vergnügen und wahrhafter Fortschritt; ..."Prechts Buch scheint also nur eine weitere Variation zu einem alten Thema zu sein. Ich mache mich jetzt aber ans Lesen.
"Große
Veränderungen werden nicht durch ewig gesuchte Mittelwege und
jahrelang abgewogene Gedanken erreicht. Wer das glaubt, möchte im
Grunde, dass die Schule bleibt, was sie ist: ein Relikt des 19.
Jahrhunderts. Ohne Leidenschaft, Emotion und mitunter auch ohne die
eine oder andere Zuspitzung wird es nicht gehen, wenn es tatsächlich
zu strukturellen Veränderungen kommen soll." (R.D.Precht in der ZEIT vom 11.4.2013)
PS: Vor einem knappen Jahr habe ich im Blog bereits über solche "Wendezeit?" geschrieben.
05.04.2013
Bedenkenswertes zum Thema Lernen
Jeglicher Kommentar erübrigt sich - das Referat von 20' Dauer spricht für sich.
02.04.2013
Vom kreativen Chaos zum PLN
Man sieht unschwer: Früher war alles genau gleich wie heute, nur ganz anders.
In der
Tat: Wann habe ich zum letzten Mal meinen eleganten, teuren Füller –
ein Geschenk! – aufgeschraubt? Wann an einem Globus gedreht? Wann
einen Kabeltelefonhörer in der Hand gehalten? Post-It, Leim und
Schere, Fotos und Pinnwand sind noch, ebenso Papier und Bleistift
(meistens, wenn ich etwas zeichnerisch erfassen will), aber der
Gerätschaften sind deutlich weniger geworden, dafür der Bildschirme
mehr.
Bedeutet
das, dass ich mit der Zeit gehe? Oder dass ich bequemer geworden bin?
Ich weiss es nicht. Was ich aber weiss: dass ich die kreative
Unordnung von früher auf meinem Schreibtisch manchmal ein bisschen
vermisse. Dafür habe ich jetzt ein PLN, ein Personal Learning
Network.
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