16.07.2009

Harald Welzer

Sommer - Ferienzeit. Gelegenheit, um etwas abzuschweifen oder auszugreifen und ennet des Zauns zu grasen. Zum Beispiel bei der Lektüre von Interviews des Sozialpsychologen Harald Welzer. Im neuesten DU (798) ist eines zu lesen, das fast schon erschütternd klug ist (Titel: Die Wirtschaftskrise ist das Beste, was dem Klima passieren konnte). Etwas Recherche führt zu einem anderen, das im Spiegel vom 29.12.08 zu lesen war; Titel: Blindflug durch die Welt - Die Finanzkrise als Epochenwandel. Auszug:
"(...) Ein Übermaß an Problemen bei gleichzeitig fehlenden Lösungsmöglichkeiten führt zu dem, was die Psychologie kognitive Dissonanz nennt. Sie kann nur reduziert werden, wenn man statt der Probleme die Einstellung zu ihnen bearbeitet. Also: Die Regierung hat die Finanzkrise ja wohl im Griff, für die Energieprobleme wird es schon Lösungen geben, das mit dem Klima kann ja so schlimm nicht kommen. Oder nach Groucho Marx: Was kümmert mich die Nachwelt, hat die Nachwelt sich je um mich gekümmert? (...)
Das alles kann man wissen, und aus diesem Wissen ergibt sich die zwingende Notwendigkeit nicht von Korrekturen, sondern eines grundlegenden Richtungswechsels, heraus aus der Sackgasse. Allerdings stellt ein Ziel wie Generationengerechtigkeit kurzfristige Wachstumskalküle genauso in Frage wie die Vorstellung, Glück leite sich aus pausenloser Mobilität und 24-stündiger Beleuchtung des gesamten Planeten her. Und Arbeitsplätze ließen sich gegen Überlebensmöglichkeiten verrechnen. Und Sinn erschöpfe sich in Konsumanreizen.
Gerade in der Krise zeigt sich, wie fatal es sich auswirkt, wenn ein politisches Gemeinwesen keiner Idee folgt, was es eigentlich sein will. Gesellschaften, die die Erfüllung von Sinnbedürfnissen ausschließlich über Konsum befriedigen, haben in dem Augenblick, in dem mit einer funktionierenden Wirtschaft auch die Möglichkeit wegbricht, Identität, Sinn und Glücksgefühle zu kaufen, kein Netz, das ihren Fall aufhalten würde.
Genau an dieser Stelle liegt er, der kulturelle "tipping point", und genau deshalb wird man nichts lösen können, wenn man sich die Frage nicht zumutet, wie man denn eigentlich in 10, 15, 20 Jahren leben möchte und was man dafür zu tun bereit wäre. Der Umbau einer Kultur, die von der irrigen Annahme ausgeht, man könne weitermachen wie bisher, ist freilich eine Aufgabe, die nur ein politisches Gemeinwesen lösen kann, das sich als solches versteht. Da trifft es sich, dass die Experten im Augenblick keinen Plan haben. Vielleicht markiert ihr Blindflug ja den Beginn einer Renaissance des Politischen."

Vor einem halben Jahr war das.
Heute steht im Du zu lesen:
"Es werden zwei- bis dreistellige Milliardenbeträge in marode Banken und Unternehmen gesteckt. Dabei wird gleichzeitig deutlich, wie wenig Geld im Vergleich dazu seit Jahren in die Klimaforschung und die Bekämpfung des Hungers gesteckt worden ist."

Zur Abwrackprämie der Autohersteller:
"Das Wegwerfen zu prämieren finde ich als Haltung in Zeiten der Klimakrise eine politische Bankrotterklärung."

Voll einverstanden!
Also: Sonnenenergie-Module auf mein Dach!
Und gespannt sein auf das kommende Buch Welzers: Das Ende der Welt, wie wir sie kannten (Fischer; September 2009).
Bis dahin kann man ja die anderen lesen!

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