08.11.2009

Das Leben als Hypertext

Heute schreibe ich von mir.
Es ist ein Sonntag. Ich gucke "Sternstunde Philosophie" (SF1). Thema: Ein Gespräch mit Richard David Precht, u.a. über die Rolle der Philosophie und die "Liebe - ein unordentliches Gefühl" (sein neuestes Buch; Einleitung hier.). Dieses Gespräch begeistert mich, regt mich an zum Weiterdenken. Das Problem dabei ist nur: Ich bin schon angeregt, denn gestern habe ich zufällig einen neuen Text von Imre Kertész, "Die letzte Einkehr", gelesen in der NZZ, der mich umgehauen hat: Grosse, nein: grösste Literatur. Also ging im zum Büchergestell und holte seinen Roman "Kaddisch für ein ungeborenes Kind" von 1992 hervor, begann zu lesen, versank fast in dieser Sprache, diesem Bericht. Das Problem aber auch hier: Dieser Kertész-Blitz fuhr in eine Landschaft, in der bereits gesät worden war: In einem Kurs bei Erich Zulauf, betitelt "PinkMoll", wurde klar, dass ich mehr wissen möchte zu Hypnose. Problem auch hier: Ich bin am Vorbereiten eines kurzen dialogischen Referats über moderne Didaktik, lese dazu Neuestes aus dem Bereich der Hirnforschung. Und ich bereite Bücher vor für deren Besprechung in Literaturzirkeln (momentan Frisch, Dürrenmatt, Mercier). Und ich lese neueste Belletristik (Powers, Das grössere Glück beispielsweise) und Sachliteratur (Nudge; Das Containerprinzip).
Gleichzeitig lebe ich noch (Enkelinnen, Beziehung, Ernährung, Steuern zahlen, das Übliche).

Frage also: Wie soll ich mich konzentrieren? Soll ich mich konzentrieren?
Andersrum: Wenn ich als Lehrer/in so genannte unkonzentrierte Schüler/innen vor mir habe, soll ich sie dann konzentrieren? Und warum? Reicht es nicht, in jeweils dem konzentriert, bei der Sache zu sein, was man gerade tut? Wenn ich das aber bin, blende ich ja alles andere aus - alle genannten Anregungen werden schwer bis unmöglich. (Hätte ich konzentriert Powers gelesen, hätte ich die Sternstunde nicht geguckt etc)
Ein Charakteristikum unserer neuen Zeit: Das Leben als Hypertext (es wird mir leicht gemacht, von einer Blume zur anderen zu hüpfen) - im Gegensatz zum Leben früher, das sich eher auf den Stamm bezogen hat, weil es weniger Aeste ausbilden konnte?

1 Kommentar:

Prof. Martin Hofmann hat gesagt…

"Das Leben als Hypertext" - eine sehr schöne Metapher. Lass dich doch einfach treiben von deinen Buch- und Lesegelüsten. Warum nicht von einem Buch zum nächsten, vom einen Gedanken zum anderen switchen?! Wie sonst entsteht der spannende Hypertext des Lebens?!

Gruss Martin

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