Ein spannendes Gespräch mit Frank Schirrmacher unter dem Titel "Multitasking vermanscht das Gehirn" findet sich hier.
Der Autor (hier eine Besprechung seines neuesten, ausserordentlich lesenswerten und wichtigen Buches "Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen") segelt hinter Manfred Spitzer her, der bereits seit Jahren vor der Wirkung von zuviel Medien warnt (zB. im Buch "Vorsicht Bildschirm!" auch auf Youtube).
Was bedeuten diese Befunde - sie geben natürlich zu denken! - für die Schule, den Unterricht?
Ganz einfach: Dass Didaktik VOR den Technologien kommen muss. Also: Zuerst das didaktische Konzept für die Lektion, dann die evtl. ICT-Tools, nicht umgekehrt.
Viele Lehrpersonen lehnen den Einsatz der ICT mit genau diesem Argument (siehe obigen Titel) ab. Sie wollen angeblich gewissen Fehlentwicklungen nicht noch Vorschub leisten. [Alles schon gehabt: zB. beim Aufkommen des Schulfernsehens.] Im Grunde aber scheuen sie die ICT, weil sie den Eindruck haben, sie könnten sie nicht richtig handeln.
Gezielter und überlegter Einsatz neuer Medien kann jedoch das Lernen unterstützen!
30.11.2009
16.11.2009
Wie stehts mit der Hoffnung?
Eine Studie zur "Hoffnung 2010" entsteht - man ist eingeladen, an der Online-Befragung teilzunehmen.
Ich habe mitgemacht und mich teilweise gewundert, welche Vorbilder und Aktivitäten zur Auswahl stehen. - Machen Sie auch mit und erleben Sie selber, ob und wie Sie hoffen!
Dabei ist mir aufgegangen, dass Schule in der Regel eine Institution der Hoffnung genannt werden könnte, denn dadurch, dass man das sogenannte Leben kennenlernt und exploriert in seiner Mannigfaltigkeit (vom Rütlischwur zum Quark, von der DNS zum praesens historicum, vom Einmaleins zum Alexandriner), wird stillschweigend davon ausgegangen, dass man dann diese Kenntnisse irgendwann anwendet, wie auch immer. Schule, Bildung allgemein, soll(te) Menschen zukunftsfähig machen. So dass wir bei der dritten von Kants berühmten Fragen wären: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?
In diesen Zusammenhang könnte auch die Studie "Global Trends 2025" fallen.
Da wird Folgendes prognostiziert (und intensiv untersucht):
Wenn ich heute Zeitung lese, muss ich zur Kenntnis nehmen, dass der vorgesehene Klimagipfel in Dänemark (Dez. 09) bereits als gescheitert betrachtet werden muss aufgrund der Kooperationsunwilligkeit mehrerer Länder...
Ja: Worauf soll Schule vorbereiten? Wie kann sie angesichts solcher Trends das Hoffen lehren, animieren, fördern?
Ich habe mitgemacht und mich teilweise gewundert, welche Vorbilder und Aktivitäten zur Auswahl stehen. - Machen Sie auch mit und erleben Sie selber, ob und wie Sie hoffen!
Dabei ist mir aufgegangen, dass Schule in der Regel eine Institution der Hoffnung genannt werden könnte, denn dadurch, dass man das sogenannte Leben kennenlernt und exploriert in seiner Mannigfaltigkeit (vom Rütlischwur zum Quark, von der DNS zum praesens historicum, vom Einmaleins zum Alexandriner), wird stillschweigend davon ausgegangen, dass man dann diese Kenntnisse irgendwann anwendet, wie auch immer. Schule, Bildung allgemein, soll(te) Menschen zukunftsfähig machen. So dass wir bei der dritten von Kants berühmten Fragen wären: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?
In diesen Zusammenhang könnte auch die Studie "Global Trends 2025" fallen.
Da wird Folgendes prognostiziert (und intensiv untersucht):
The whole international system—as constructed following WWII—will be revolutionized. Not only will new players—Brazil, Russia, India and China— have a seat at the international high table, they will bring new stakes and rules of the game.
The unprecedented transfer of wealth roughly from West to East now under way will continue for the foreseeable future.
Unprecedented economic growth, coupled with 1.5 billion more people, will put pressure on resources—particularly energy, food, and water—raising the specter of scarcities emerging as demand outstrips supply.
The potential for conflict will increase owing partly to political turbulence in parts of the greater Middle East.
Wenn ich heute Zeitung lese, muss ich zur Kenntnis nehmen, dass der vorgesehene Klimagipfel in Dänemark (Dez. 09) bereits als gescheitert betrachtet werden muss aufgrund der Kooperationsunwilligkeit mehrerer Länder...
Ja: Worauf soll Schule vorbereiten? Wie kann sie angesichts solcher Trends das Hoffen lehren, animieren, fördern?
12.11.2009
Nudge - Wie man kluge Entscheidungen anstösst
Dieses eben in Deutsch erschienene Fachbuch der beiden Amerikaner Richard H. Thaler und Cass R. Sunstein finde ich anregend zu lesen. Es ist zwar stark auf amerikanische Verhältnisse bezogen; Grundsätzliches bleibt jedoch auch für uns gültig.
Natürlich versuche ich die Erkenntnisse des Verhaltensökonomen Thaler und seines Juristenkollegen auf die Didaktik zu transponieren. Was daraus kann hier also nützlich sein?
A
Das Wissen um die beiden kognitiven Systeme, die sich bei Entscheidungen oft in die Quere kommen: Das "automatische" und das "reflektierende" Sytem, also die Intuition und die Vernunft, Homer Simpson und Mr. Spock.
B
"Die beste Methode, die Fehlerquote der Homers zu senken, ist, ihnen Feedback zu geben." (Beispiele aus der Technik: Die Digitalkamera, welche das geschossene Bild unmittelbar anzeigt; die Warnung des Laptops über den Akkunotstand)
C
Die Qualität der Entscheidungsarchitektur muss hoch sein: Quadratisch angeordnete Platten auf dem Kochfeld sollten quadratisch angeordnete Ein/Ausschaltknöpfe haben; Saaltüren, welche man aufstossen muss, sollten Metallplatten und keine Griffstangen haben.
______
A sollte man sich einfach immer wieder bewusst machen, als Schülerin wie als Lehrer.
B bedarf keiner weiteren Begründung für die didaktische Nützlichkeit, höchstens vielleicht diese: "Frontalunterrichtler" haben selten die Möglichkeit, individuelles Feedback zu geben, da sie die Studierenden selten bis nie beim Arbeiten beobachten können.
C kommt zur Anwendung bei der Konzeption von klugen Arbeitsaufträgen oder bei der Herstellung guter Arbeits- und Theorieblätter
Natürlich versuche ich die Erkenntnisse des Verhaltensökonomen Thaler und seines Juristenkollegen auf die Didaktik zu transponieren. Was daraus kann hier also nützlich sein?
A
Das Wissen um die beiden kognitiven Systeme, die sich bei Entscheidungen oft in die Quere kommen: Das "automatische" und das "reflektierende" Sytem, also die Intuition und die Vernunft, Homer Simpson und Mr. Spock.
B
"Die beste Methode, die Fehlerquote der Homers zu senken, ist, ihnen Feedback zu geben." (Beispiele aus der Technik: Die Digitalkamera, welche das geschossene Bild unmittelbar anzeigt; die Warnung des Laptops über den Akkunotstand)
C
Die Qualität der Entscheidungsarchitektur muss hoch sein: Quadratisch angeordnete Platten auf dem Kochfeld sollten quadratisch angeordnete Ein/Ausschaltknöpfe haben; Saaltüren, welche man aufstossen muss, sollten Metallplatten und keine Griffstangen haben.
______
A sollte man sich einfach immer wieder bewusst machen, als Schülerin wie als Lehrer.
B bedarf keiner weiteren Begründung für die didaktische Nützlichkeit, höchstens vielleicht diese: "Frontalunterrichtler" haben selten die Möglichkeit, individuelles Feedback zu geben, da sie die Studierenden selten bis nie beim Arbeiten beobachten können.
C kommt zur Anwendung bei der Konzeption von klugen Arbeitsaufträgen oder bei der Herstellung guter Arbeits- und Theorieblätter
08.11.2009
Das Leben als Hypertext
Heute schreibe ich von mir.
Es ist ein Sonntag. Ich gucke "Sternstunde Philosophie" (SF1). Thema: Ein Gespräch mit Richard David Precht, u.a. über die Rolle der Philosophie und die "Liebe - ein unordentliches Gefühl" (sein neuestes Buch; Einleitung hier.). Dieses Gespräch begeistert mich, regt mich an zum Weiterdenken. Das Problem dabei ist nur: Ich bin schon angeregt, denn gestern habe ich zufällig einen neuen Text von Imre Kertész, "Die letzte Einkehr", gelesen in der NZZ, der mich umgehauen hat: Grosse, nein: grösste Literatur. Also ging im zum Büchergestell und holte seinen Roman "Kaddisch für ein ungeborenes Kind" von 1992 hervor, begann zu lesen, versank fast in dieser Sprache, diesem Bericht. Das Problem aber auch hier: Dieser Kertész-Blitz fuhr in eine Landschaft, in der bereits gesät worden war: In einem Kurs bei Erich Zulauf, betitelt "PinkMoll", wurde klar, dass ich mehr wissen möchte zu Hypnose. Problem auch hier: Ich bin am Vorbereiten eines kurzen dialogischen Referats über moderne Didaktik, lese dazu Neuestes aus dem Bereich der Hirnforschung. Und ich bereite Bücher vor für deren Besprechung in Literaturzirkeln (momentan Frisch, Dürrenmatt, Mercier). Und ich lese neueste Belletristik (Powers, Das grössere Glück beispielsweise) und Sachliteratur (Nudge; Das Containerprinzip).
Gleichzeitig lebe ich noch (Enkelinnen, Beziehung, Ernährung, Steuern zahlen, das Übliche).
Frage also: Wie soll ich mich konzentrieren? Soll ich mich konzentrieren?
Andersrum: Wenn ich als Lehrer/in so genannte unkonzentrierte Schüler/innen vor mir habe, soll ich sie dann konzentrieren? Und warum? Reicht es nicht, in jeweils dem konzentriert, bei der Sache zu sein, was man gerade tut? Wenn ich das aber bin, blende ich ja alles andere aus - alle genannten Anregungen werden schwer bis unmöglich. (Hätte ich konzentriert Powers gelesen, hätte ich die Sternstunde nicht geguckt etc)
Ein Charakteristikum unserer neuen Zeit: Das Leben als Hypertext (es wird mir leicht gemacht, von einer Blume zur anderen zu hüpfen) - im Gegensatz zum Leben früher, das sich eher auf den Stamm bezogen hat, weil es weniger Aeste ausbilden konnte?
Es ist ein Sonntag. Ich gucke "Sternstunde Philosophie" (SF1). Thema: Ein Gespräch mit Richard David Precht, u.a. über die Rolle der Philosophie und die "Liebe - ein unordentliches Gefühl" (sein neuestes Buch; Einleitung hier.). Dieses Gespräch begeistert mich, regt mich an zum Weiterdenken. Das Problem dabei ist nur: Ich bin schon angeregt, denn gestern habe ich zufällig einen neuen Text von Imre Kertész, "Die letzte Einkehr", gelesen in der NZZ, der mich umgehauen hat: Grosse, nein: grösste Literatur. Also ging im zum Büchergestell und holte seinen Roman "Kaddisch für ein ungeborenes Kind" von 1992 hervor, begann zu lesen, versank fast in dieser Sprache, diesem Bericht. Das Problem aber auch hier: Dieser Kertész-Blitz fuhr in eine Landschaft, in der bereits gesät worden war: In einem Kurs bei Erich Zulauf, betitelt "PinkMoll", wurde klar, dass ich mehr wissen möchte zu Hypnose. Problem auch hier: Ich bin am Vorbereiten eines kurzen dialogischen Referats über moderne Didaktik, lese dazu Neuestes aus dem Bereich der Hirnforschung. Und ich bereite Bücher vor für deren Besprechung in Literaturzirkeln (momentan Frisch, Dürrenmatt, Mercier). Und ich lese neueste Belletristik (Powers, Das grössere Glück beispielsweise) und Sachliteratur (Nudge; Das Containerprinzip).
Gleichzeitig lebe ich noch (Enkelinnen, Beziehung, Ernährung, Steuern zahlen, das Übliche).
Frage also: Wie soll ich mich konzentrieren? Soll ich mich konzentrieren?
Andersrum: Wenn ich als Lehrer/in so genannte unkonzentrierte Schüler/innen vor mir habe, soll ich sie dann konzentrieren? Und warum? Reicht es nicht, in jeweils dem konzentriert, bei der Sache zu sein, was man gerade tut? Wenn ich das aber bin, blende ich ja alles andere aus - alle genannten Anregungen werden schwer bis unmöglich. (Hätte ich konzentriert Powers gelesen, hätte ich die Sternstunde nicht geguckt etc)
Ein Charakteristikum unserer neuen Zeit: Das Leben als Hypertext (es wird mir leicht gemacht, von einer Blume zur anderen zu hüpfen) - im Gegensatz zum Leben früher, das sich eher auf den Stamm bezogen hat, weil es weniger Aeste ausbilden konnte?
04.11.2009
Kreativität und Lernen
Ein interessantes Symposium zum Thema Geistesblitz und Neuronendonner: Intuition, Kreativität und Phantasie, kann hier verfolgt werden.
Holm-Hadulla sagt zB: "Eine Gruppe von Kindern, deren Lernerfolge mit Schokolade versüsst wurden, ist weniger erfolgreich als eine, die keine solche Belohnung erhält. Vermutlich, weil die Kinder dann stärker auf ihre eigene Motivation angewiesen sind."
Und: "Man muss Kreativitätshemmnisse entfernen - also die Bilderfluten von Fernsehen und Computerspielen zuallererst."
Bedenkenswert.
Gerhard Roth, der wichtige Hirnforscher, lässt sich hier vernehmen zum Thema "VERNETZTE NEURONEN UND NEUE IDEEN - Gehirn, Intelligenz und Kreativität".
Holm-Hadulla sagt zB: "Eine Gruppe von Kindern, deren Lernerfolge mit Schokolade versüsst wurden, ist weniger erfolgreich als eine, die keine solche Belohnung erhält. Vermutlich, weil die Kinder dann stärker auf ihre eigene Motivation angewiesen sind."
Und: "Man muss Kreativitätshemmnisse entfernen - also die Bilderfluten von Fernsehen und Computerspielen zuallererst."
Bedenkenswert.
Gerhard Roth, der wichtige Hirnforscher, lässt sich hier vernehmen zum Thema "VERNETZTE NEURONEN UND NEUE IDEEN - Gehirn, Intelligenz und Kreativität".
03.11.2009
Zurück zum Frontalunterricht? Lernen auf eigenen Wegen?

"Neftenbacher Sek-Schüler wollen Frontalunterricht und Neun-Uhr-Pause zurück. Für ihre Forderung blockierten sie die Türen des Schulhauses."
Das ist einem Artikel im heutigen Tagi zu entnehmen.
Warum, um Gottes Willen?
"Grund für die Missstimmung ist ein neues Schulsystem welches diesen Sommer eingeführt worden ist. Es nennt sich Altersdurchmischtes individuelles Lernen («AidL»). In den Fächern Deutsch, Mathematik, Geografie, Geschichte, Religion und Zeichnen werden die Jugendlichen nicht mehr in Klassenverbänden unterrichtet.
Die Jugendlichen von der ersten bis zur dritten Sekundarstufe arbeiten individuell an ihren Arbeitsblättern. In Jahrgangsklassen gibts noch Französisch, Englisch und Naturlehre. «Gewisse ältere Schüler haben Mühe mit dieser Umstellung», sagt Schulleiter Marcel Rachmühl. «Sie haben teilweise Schwierigkeiten mit der Selbstorganisation.»
Dass SOL klappen kann, sofern die Rahmenbedingungen (bis hin zu architektonischen Konsequenzen) zum Stimmen gebracht werden, zeigen entsprechende Projekte in Buchs ZH, Stadel etc. Da gibt es Lernateliers, Lernlandschaften (die sogar eigens gebaut werden!), niveaudurchmischte Lerntandems - und: die Lehrpersonen werden von Unterrichtenden zu Motivatoren und Beratern. Nachzulesen hier.
Kommentar: Wer SOL will, muss den Schüler/innen die Möglichkeit bieten, behutsam in SOL einzusteigen. Kein Wunder, wenn ältere Schüler/innen damit Mühe haben - nach Jahren traditionellen (Frontal)unterrichts! (siehe auch die Situation an vielen Gymnasien). Damit das jedoch klappen kann, brauchen Lehrpersonen die entsprechenden personalen Kompetenzen (Vertrauen haben, Kontrolle reduzieren, Lerncoaching können, Offenheit, Disponibilität u.a.). Wo und wie jedoch können sie diese erwerben?
Quelle Bild: http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/region/Palavrium-statt-Frontalunterricht/story/25902872
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