19.12.2010

Ich und mein Gehirn oder Mein Gehirn und ich

Ein hoch interessantes Gespräch mit dem bekannten Hirnforscher Ernst Pöppel findet sich in der NZZ dieses Wochenendes: "Bilder bilden unsere Identität". Ein paar Zitate daraus:
- Die DNA (die Erbmasse) ist ja nichts anderes als Einfrieren von Zeit: Ein Zustand von früher wird für später festgehalten.
- Die Ich-Identität besteht aus stark emotional geprägten Erlebnissen vergangener Zeiten. Diese sind im episodischen Gedächtnis in Form von Bildern gespeichert. Jeder von uns hat Hunderte bis Tausende solcher Bilder, aus denen er seine persönliche Identität zusammenstellt.
- Kulturelle Einflüsse spielen bei der frühkindlichen Prägung eine wesentliche Rolle. Das heisst, die Struktur meines Gehirns ist abhängig vom kulturellen Kontext, in dem ich aufwachse.
- Einmal Geprägtes lässt sich nicht mehr umprägen. Sicherlich, wir können bis zum Lebensende lernen. Aber die Grundstruktur – das Vertrauen, das ich in die Welt habe, und die emotionale Prägung, wie sie Freud beschrieben hat –, da gibt es meines Erachtens keinen Weg zurück.
- Der beste Schutz gegen Alzheimer besteht darin, in den frühen Phasen des Lebens viel zu lernen. Dann verfügt man nämlich über genügend Ressourcen, um dem Untergang von Nervenzellen zu trotzen.
- Folglich kann es weder eine emotionsunabhängige Rationalität noch eine von rationalen Einflüssen unabhängige Emotionalität geben. Natürlich, deren Gewichtung kann jeweils unterschiedlich sein. Aus demselben Grund ist es auch eine Illusion, zu glauben, man könne rein rationale Entscheidungen treffen.
- Denn das Alter besitzt eigentlich keine negativen Auswirkungen auf das Gehirn – es sei denn, man erkrankt an Demenz. Ein solches Schicksal ereilt aber nur etwa zwanzig Prozent aller Menschen, die übrigen bleiben gesund. Sicherlich, die Informationsverarbeitung dauert im Alter länger. So nehmen die Reaktionszeiten um rund dreissig bis vierzig Prozent zu. Aber was heisst das? Wir sollten Schnelligkeit nicht mit Intelligenz verwechseln. Die kristalline Intelligenz bleibt bis ins höchste Alter erhalten. Das Gleiche gilt auch für die Lernfähigkeit.

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