17.07.2011

Die Müdigkeitsgesellschaft


Dieses kleine Büchlein von Byung-Chul Han, Professor für Philosophie und Medientheorie an der HfG Karlsruhe (deren prominenten Rektor man erst recht kennt: Peter Sloterdijk!), beschäftigt sich mit Folgendem:
"Derzeit vollzieht sich unbemerkt ein Paradigmenwechsel. Die Gesellschaft der Negativität weicht einer Gesellschaft, die von einem Übermaß an Positivität beherrscht ist. Ausgehend von diesem Paradigmenwechsel zeichnet Han die pathologische Landschaft der heutigen Gesellschaft, zu der neuronale Erkrankungen wie Depression, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, Borderline oder Burnout gehören. Sie sind keine Infektionen, sondern Infarkte, die nicht durch die Negativität des immunologisch Anderen, sondern durch ein Übermaß an Positivität bedingt sind." (Klappentext)
Mit Positivität ist das Übermass an Reizen, Informationen und Impulsen gemeint, denen wir Heutige der westlichen Gesellschaften ausgesetzt sind und das u.a. in den Seinsmodus des permanenten Multitasking mündet. Han zeigt in bestechender Einfachheit auf, dass Multitasking keinen zivilisatorischen Fortschritt darstellt - im Gegenteil:
"Die kulturellen Leistungen der Menschheit ... verdanken wir einer tiefen, kontemplativen Aufmerksamkeit. ... Diese tiefe Aufmerksamkeit wird zunehmend von einer ganz anderen Form der Aufmerksamkeit, der Hyperaufmerksamkeit, verdrängt."
Gepaart mit dem modernen Glaubensverlust, der radikalen Vergänglichkeit also, wächst diese sich aus zu "Hyperaktivität", die u.a. die Fähigkeit des Zögerns verlernt und die Menschen erschöpft: "Als ihre Kehrseite bringt die Leistungs- und Aktivgesellschaft eine exzessive Müdigkeit und Erschöpfung hervor."

Wenn es geschehen darf, dass aus diesen Müden inspirierte Nichts-Tuer werden, in deren "langem, langsamem Blick die Entschlossenheit einer Gelassenheit weicht", kann sich Nietzsches Aufgabe, "sehen zu lernen", erfüllen, nämlich "dem Auge die Ruhe, die Geduld, das An-sich-herankommen-lassen anzugewöhnen". So könnte sich - vielleicht - "der Infarkt der Seele", welcher von den Exzessen der Multitasking-Gesellschaft herrührt, vermeiden lassen.

Schon die blosse Lektüre dieser be-schau-lichen Zeilen tut gut.
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