13.10.2011

Beim Arzt - oder Wie verändert der PC die Kommunikation

Heute war ich beim Hausarzt mit einer einfachen Frage. Ich sitze bereits im Behandlungszimmer, er kommt rein, wir begrüssen uns, er fragt nach meinem Anliegen. Setzt sich an seinen Schreibtisch (neben dem ich platziert bin), wendet sich ab, holt meine Datei auf den PC und schaut ab dann nur noch auf den Bildschirm oder die Tastatur. Stellt Fragen, reagiert auf meine Antworten, tippt permanent (im Zweifingersystem) - kein Blickkontakt. Meine Statements werden kurz und immer kürzer, denn: Hört er mir wirklich zu? Womit ist er effektiv beschäftigt? Was geht ihm durch den Kopf? Mehr und mehr bekomme ich das Gefühl, ihm Zeit zu stehlen, denn er muss ja alles eintippen.
Die Pointe: Trotz Datenblatt vor sich weiss er nicht mehr, dass er mich wegen meines Gebrestens, auf das sich meine heutige Frage bezieht, seit 13 Jahren (!) behandelt, dass er mich geröngt und mir bereits drei Mal Physiotherapie verschrieben hat.
Irritierend.
Ich verstehe, dass er meine Krankenakte nachführen muss. Ich verstehe, dass er dafür seit einigen Jahren einen PC samt spezieller Software verwendet. Ich verstehe, dass er dem Zeitdiktat unterworfen ist. Was ich nicht verstehe: dass der Blickkontakt wegfällt, dass die (physisch-räumliche) Zu-Wendung wegfällt. Dass das aktive, wirkliche Zuhören wegfällt.
Als Patient komme ich mir als Stichwortlieferant vor; die Konsultation wickelt sich geschäftsmässig ab, ich bin zum Datenlieferanten geworden, zur sprichwörtlichen Nummer, fühle mich eingepasst in den vorgegebenen (Software)Raster - und frage mich am Ende, als ich mit Return gespeichert und abgelegt werde:
Verschiebt sich das Verhältnis Arzt-Patient zu einem Verhältnis Patient-Maschine? Was genau steuert die Kommunikation? (Miriam Meckel würde vielleicht fragen: Übernimmt der Algorithmus die Gesprächsführung?)
Soll ich meinem Hausarzt das nächste Mal einen iPad2 empfehlen? Wie würde ein solches Gerät die Kommunikation verändern?
Ja: Würde mich mein Arzt jetzt fragen: Was fehlt Ihnen? würde meine Antwort vermutlich lauten: Sie!

1 Kommentar:

h.paulsen hat gesagt…

Gute Diagnose!

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