06.11.2011

Der therapierte Schüler

In der heutigen NZZ am Sonntag findet sich ein interessantes Gespräch mit zwei Kinderärzten. Unter dem Titel «Erlöst die Schüler von unnötigen Diagnosen» wird festgestellt, dass in der Schweiz immer mehr Kinder wegen Schulproblemen therapiert werden (in der Schweiz: Über 50%!). "Jetzt reichts, finden zwei Kinderärzte. Sie rufen Mediziner und Psychologen dazu auf, nicht gleich bei jedem Kind einen Defekt zu suchen."
Als Fazit kann der Schluss des Gesprächs gelten - er spricht für sich:

Was sollte sich aus Ihrer Sicht an den Schulen ändern?
Baumann: Viele Kinder werden pathologisiert, weil es an den Schulen an Wissen fehlt. Bei uns wurden Kindergärtler zu einer Abklärung angemeldet, weil sie nicht eine Dreiviertelstunde ruhig im Kreis sitzen konnten. Man hat also ganz klare Vorstellungen, dass ein Kindergartenkind das können muss - aber das ist einfach nicht entwicklungsgerecht. 
Alber: Im Hintergrund ist ja häufig eine Zukunftsangst seitens der Eltern oder eine Überforderung der Lehrpersonen, weil das betroffene Kind die gleichen Leistungen wie die anderen erbringen muss. Wenn das nicht geht, kommt die Lehrperson automatisch an den Anschlag. Entweder wird die ganze Klasse vernachlässigt oder das eine Kind. Man müsste die Lehrer von der Aufgabe befreien, dass sie alle Kinder in der gleichen Zeit zum gleichen Ziel bringen müssen. 
Den letzten Satz finde ich speziell bemerkenswert, denn offensichtlich wird "die Schule" immer noch von der Wahnvorstellung geleitet, alle Kinder und Jugendlichen in der selben Zeit - oft sogar im selben Rhythmus - zum selben Punkt im Prozess des Wissens- und Fertigkeitserwerbs zu bringen. Dass das unmöglich ist, hat Bruno Krapf schon vor bald 20 Jahren gezeigt - in seinem Buch Aufbruch zu einer neuen Lernkultur (Bern 1994) findet sich auf S. 146 die Karikatur von Hans Traxler, die aufs Trefflichste deutlich macht, worum es in jeder falsch verstandenen Form von Unterricht geht:

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