31.10.2011

Das medienkompetente Baby - eine Schauergeschichte?

Eben lese ich Folgendes:

"Das Tablet „Vinci vom Hersteller "Rullingnet Corporation" hat ausschließlich Kleinkinder im Krabbelalter als Zielgruppe im Visier. Das Android-Tablet verfügt über einen 7-Zoll-Patschscreen, ist ausgesprochen robust und mit einem gummierten Greifrahmen ausgestattet, der wohl Kind und Tablet gleichermaßen schützen soll. Das Baby-Tablet verfügt über einen ordentlichen 1-GHz ARM-Prozessor und 512 MB Arbeitsspeicher. Mit der integrierten 3MP-Kamera können Sie Bilder und 720p-Videos aufnehmen.
Um das Kind vor Funk-Emissionen zu schützen ist weder WLAN noch UMTS-Modem an Bord. Das „Vinci“ hat folglich auch keinen Zugang zum Internet. Der Datenaustausch läuft per USB oder über einen Micro-SD-Speicherkarten-Einschub. Allerdings sollte die Micro-SD-Karte nach dem Datentransfer gleich wieder entfernt werden, damit die Kleinen sie nicht herausziehen und verschlucken.
Sämtliche Außenteile des „Vinci“-Tablets sollen absolut ungiftig sein - wichtig, denn die Kleinen nehmen ja gerne alles in den Mund.
Einige Apps zum Spielen und Lernen sind auf dem Gerät bereits installiert. Besonders attraktiv für Eltern: Mit einer integrierten Tagebuchfunktionen können Sie die Entwicklung Ihrer Sprösslinge mitverfolgen und dokumentieren."
Ehrlich gesagt: Mich schaudert, wenn ich solches lese. Erst recht, wenn ich erfahre, weshalb Babys solcherart ausgerüstet werden sollen:

"Focusing on helping children to achieve VINCI Early Learning Objectives (step by step) with the goal to build our children's character and foster a winning attitude, VINCI helps parents to save time searching for age appropriate and high quality apps while taking into account our children's physical and mental well-being. VINCI recommended play time ranges from 15 minutes a day for Level 1 to 45 minutes daily at Level 3."
Charakterbildung als Ziel! Stärkung der Siegermentalität! Und das Lernprogramm wird gleich mitgeliefert. - Eine beliebte Frage ist ja: Wer zieht eigentlich bei der Erziehung? Und in welche Richtung? Hier sei diese Frage erst recht gestellt. Ein Stück Antwort liefert die Herstellerfirma: "VINCI relieves busy parents from the pressure of finding the right educational tools, saving precious time in order to focus on the child." Und der Erfinder, Dr. Dan D. Yang, sagt: "I want to provide my child with fun tools that will help her build a positive attitude toward learning while developing essential skills necessary for the modern world."
Was kann da noch schiefgehen? 

28.10.2011

Medienkompetenz! - Medienkompetenz?

Gestern war der "Tag der Medienkompetenz" schweizweit mitzuverfolgen. Es wurde referiert, demonstriert, getwittert - Jugendschutz, 1:1 Computing, Chancen und Gefahren von WasAuchImmer wurden als Themen abgehandelt - "Live-Erlebnisse" (können Erlebnisse auch nicht live sein?) wurden Erwachsenen "in einem geschützten, weil durch Fachpersonen begleiteten Umfeld" ermöglicht.
Das Fazit?
Steht begreiflicherweise noch aus.

Im Zweiten Zwischenbericht der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“  des Deutschen Bundetags zum Thema "Medienkompetenz" vom 21.10.2011 steht u.a.
"Die Enquete-Kommission sieht das Ziel ihrer Arbeit darin, dazu beizutragen, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für den Erwerb von Medienkompetenz zu optimieren. Im Ergebnis soll der Einzelne befähigt und darin gestärkt werden, Medien – insbesondere die interaktiven – selbstbestimmt, kompetent und souverän zu nutzen. Dies schließt explizit auch die Fähigkeit ein, selbst Inhalte zu produzieren und zu verbreiten. Zu welchem Zweck und in welchem Umfang Menschen Medien nutzen, obliegt dabei allein der freien Entscheidung des Individuums." (S. 8)
"Sondervotum der Fraktion der SPD sowie der Sachverständigen Dr. Wolfgang Schulz und Alvar Freude:„In der Praxis mangelt es derzeit leider (noch) oft an solchen digitalen Bildungskonzepten und kompetenten Lehrerinnen und Lehrern. Der weitere Ausbau der Hardwareausstattung oder die Ausstattung aller Schülerinnen und Schüler mit mobilen Computern sind daher nur dann sinnvoll, wenn alle Lehrerinnen und Lehrer damit kompetent und souverän umgehen können und Bildungskonzepte vorliegen, die Computer in den Unterricht integrieren." (S. 38) 
Das alles ist ja ok.
Was m. E. aber entschieden fehlt und dringend ergänzt werden müsste: der philosophische Blick auf das Ganze, was hier auf unseren Bildschirmen, in unseren Händen, Köpfen und Laptops abläuft. Wir bewegen uns in Richtung des "humanoiden Algorithmus", den Miriam Meckel in ihrem neuesten Buch NEXT beschreibt, sind also auf dem Weg zum "letzten Menschen".
Ein Beleg dafür: Man nehme www.cleverbot.com! Der folgende Kürzestdialog wurde eben geführt:

USER Byland: What distinguishes a human mind from machine intelligence??
CLEVERBOT: I'm cooler.

Damit "Medienkompetenz" sinnvoll entwickelt bzw. gefördert werden kann, braucht es - auch - den Blick von aussen; überlassen wir sie nicht nur den Medienexperten, sondern wirken wir auf die bessere Integration (und höhere Stundendotation) des Fachs Philosophie hin, zumindest in den Mittelschulen. Und achten wir in den Konzepten zur ICT-Ausbildung der Lehrpersonen auf die Ergänzung durch den gesellschaftswissenschaftlichen Kontext!

18.10.2011

Standardisierung ist der Tod der Bildung

 Quelle: Hans Traxler
Erschreckend die Nachricht in den heutigen Zeitungen - als Beispiel die Meldung der NZZ (S. 10):



Die Nordwestschweiz will gleiche Schul-Tests
Bildungsraum wird konkret
dgy. Basel · Aargau, Baselland, Basel-Stadt und Solothurn wollen die Leistungstests an ihren Schulen harmonisieren. Die kantonal unterschiedlichen Tests werden durch gemeinsame Prüfungen in den Fächern Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen und Naturwissenschaften abgelöst, wie die Bildungsdirektoren am Montag mitteilten. Auch die Maturitätsprüfungen sollen nach einheitlichen Rahmenbedingungen stattfinden. Realisiert wird das Projekt, mit dem Leistungen über die Kantonsgrenzen hinweg vergleichbar werden sollen, bis 2016. 2009 hatten die vier Kantone die Schaffung eines Bildungsraums Nordwestschweiz vereinbart.
Dass solches zu einem Teaching to the Test führt und in eine Bildungssackgasse mündet - Frankreich macht das seit Jahrzehnten vor! - wird sogleich klar, und wenn man dazu noch bedenkt, dass diejenigen, die alle bewundern, nämlich die "grossen Geister", allesamt auf nicht standardtestisierten Bildungs- und Lebenswegen unterwegs waren und sind (die Einsteins, Mozarts, von Matts, Camille Claudels, unsere Bundesrätinnen etc), wird das ganze Unternehmen vollends absurd. Pro memoria: Mein Eintrag vom 20. August 2011 zum Thema Bildung! 
Wie kann man (als politische Instanz) nur junge Menschen für das Bestehen von Standard-Tests ausbilden wollen und denken, dass damit dem Bildungsgedanken Genüge getan sei!? (Siehe die geniale Veranschaulichung der Problematik durch Hans Traxler oben - auf die Zeichnung klicken!)
Und dass der Präsident des Schweizer Lehrer/-innenverbandes, Josef Zemp, das noch begrüsst, ist mir schleierhaft.
Ich ärgere mich.

13.10.2011

Beim Arzt - oder Wie verändert der PC die Kommunikation

Heute war ich beim Hausarzt mit einer einfachen Frage. Ich sitze bereits im Behandlungszimmer, er kommt rein, wir begrüssen uns, er fragt nach meinem Anliegen. Setzt sich an seinen Schreibtisch (neben dem ich platziert bin), wendet sich ab, holt meine Datei auf den PC und schaut ab dann nur noch auf den Bildschirm oder die Tastatur. Stellt Fragen, reagiert auf meine Antworten, tippt permanent (im Zweifingersystem) - kein Blickkontakt. Meine Statements werden kurz und immer kürzer, denn: Hört er mir wirklich zu? Womit ist er effektiv beschäftigt? Was geht ihm durch den Kopf? Mehr und mehr bekomme ich das Gefühl, ihm Zeit zu stehlen, denn er muss ja alles eintippen.
Die Pointe: Trotz Datenblatt vor sich weiss er nicht mehr, dass er mich wegen meines Gebrestens, auf das sich meine heutige Frage bezieht, seit 13 Jahren (!) behandelt, dass er mich geröngt und mir bereits drei Mal Physiotherapie verschrieben hat.
Irritierend.
Ich verstehe, dass er meine Krankenakte nachführen muss. Ich verstehe, dass er dafür seit einigen Jahren einen PC samt spezieller Software verwendet. Ich verstehe, dass er dem Zeitdiktat unterworfen ist. Was ich nicht verstehe: dass der Blickkontakt wegfällt, dass die (physisch-räumliche) Zu-Wendung wegfällt. Dass das aktive, wirkliche Zuhören wegfällt.
Als Patient komme ich mir als Stichwortlieferant vor; die Konsultation wickelt sich geschäftsmässig ab, ich bin zum Datenlieferanten geworden, zur sprichwörtlichen Nummer, fühle mich eingepasst in den vorgegebenen (Software)Raster - und frage mich am Ende, als ich mit Return gespeichert und abgelegt werde:
Verschiebt sich das Verhältnis Arzt-Patient zu einem Verhältnis Patient-Maschine? Was genau steuert die Kommunikation? (Miriam Meckel würde vielleicht fragen: Übernimmt der Algorithmus die Gesprächsführung?)
Soll ich meinem Hausarzt das nächste Mal einen iPad2 empfehlen? Wie würde ein solches Gerät die Kommunikation verändern?
Ja: Würde mich mein Arzt jetzt fragen: Was fehlt Ihnen? würde meine Antwort vermutlich lauten: Sie!

01.10.2011

Das Zusammenspiel von Anlage und Umwelt

In der heutigen NZZ findet sich ein hoch interessantes Interview mit dem Psychiater und Neurowissenschafter Joachim Bauer zum Thema "Nutzen und Nachteil der Aggression".
Darin stellt er Wichtiges fest:
1) Es gibt keinen Aggressionstrieb ( "Indes geben sowohl Darwin als auch die moderne Neurobiologie Bolwby (britischer Kinderpsychiater und Bildungsforscher) recht – es gibt keinen Aggressionstrieb.")
2) "Gene und Umwelt sind kein Gegensatz. Wie man weiss, beeinflussen Erfahrungen die Aktivität unserer Gene. In jeder Minute regulieren aus der Umwelt kommende Einflüsse – darunter auch psychische Erlebnisse – die Aktivität unserer Gene, man nennt dies Genregulation. Einschneidende Erlebnisse können die Ablesbarkeit von Genen aber auch langfristig verändern. In dem Fall sprechen wir von Epigenetik. "
Buchempfehlung: Joachim Bauer: Schmerzgrenze. Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt. Blessing 2011