20.12.2011

Didaktik vom Feinsten?

Gestern war ich nach Jahren wieder mal in einer Vorlesung der Universität (Zürich). Es ging um Literaturtheorie bei Sigmund Freud. Die Dozentin - eine Berühmtheit; wegen ihr war ich da: E. B. - referierte eineinhalb Stunden lang (unterbrochen von 15' Pause): Expressive Gestik der Rechten, die vielen Manuskriptseiten in der Linken, wohlklingende, tragende Stimme, origineller, hoch intellektueller, scharf durchdachter und wohl formulierter Inhalt, strukturiert in Kapitelchen.
So weit so gut.
Als Artikel wären ihre Ausführungen sehr spannend zu lesen (gewesen); das Problem nur: Es war eine Vorlesung, d.h. eine öffentliche Veranstaltung vor Publikum an einer Hochschule, also ein Worttheaterstück, das einer (didaktischen) Inszenierung bedurft hätte.

Bs Art zu denken begeistert. B's Art zu schreiben begeistert. B im Gespräch zuzuhören macht Spass. B's Witz ist klasse. In der gestrigen Vorlesung betrieb die Dozentin jedoch eine Art Selbstsabotage: Sie las ihr Manuskript vor, liess die verwendeten Freudzitate in Form des Handouts, also in normaler 12-Pkt.-Schrift, projizieren, so dass hinten Sitzende kaum lesen konnten, was da stand, sie redete (sehr) schnell zu einer komplexen Thematik, fasste nicht zusammen, legte keine Flashes ... Nirgendwo auch nur ein Hauch von didaktischer Überlegung.
Schade. Denn was sie sagte, war interessant und inspirierend.
Warum die Schriftgrösse der Projektion und das Redetempo nicht anpassen? Warum Kernthesen und komplexe Zusammenhänge nicht veranschaulichen durch (animierte) Illustrationen beispielsweise, Bilder, Zeichnungen, Schemata? Die Medien standen zur Verfügung. Rhetorik?
Und wie hätten nicht eingeschriebene Hörer/-innen zum Handout kommen sollen, das zwar als (eben: kaum lesbare) Projektion erschien, aber nur mittels Passwort auf der Uniplattform abrufbar war?

Wir stehen am Ende des Jahres 2011. Eine hoch angesehene, fachlich ausserordentlich kompetente und originell denkende Dozentin hält ihre Vorlesung aber noch so, als ob es - nach wie vor - Didaktik (auch in einer Hochschulvorlesung!) nicht gäbe. "Ich tu mich halt etwas schwer mit der Technik" lautete ihr Kommentar, als sie beim Wechsel vom einzigen projizierten Bild (das Haupt der Medusa) auf das Handout den richtigen Klick nicht fand.
Erschreckend, wie sehr die Veranstaltung dem Cliché glich, das man sich im Lande draussen von Hochschullehre macht: Gelehrte Geister referieren, ohne sich ums Publikum zu scheren - ob ankommt, was gesagt wird, interessiert höchstens am Rande; um Nachhaltigkeit kümmert sich eh keiner.
Der Gerechtigkeit halber sei ausdrücklich hinzugefügt: E. B. schätzt ihr Publikum! Das wird spürbar. Ich habe mich angesprochen gefühlt; gerade deshalb mein Erstaunen. Und meine Kritik.

16.12.2011

Wer sagts denn!

In der taz gefunden: Einen Kommentar der Bildungsredakteurin Anna Lehmann vom 4.12.2011 zum PISA-Elend in Deutschland. Titel: Im Land der Pauker und Büffler
"Als die OECD-Forscher sich zu Beginn des Jahrtausends daran machten die Leistungen der Schüler zu messen, haben Forscher der Humboldt-Universität "Schule aus der Sicht von Schülern" untersucht. Auf die Frage "Was ist das Schlimmste an der Schule" erhielten sie regelmäßig die Antwort: "Die Lehrer".Sie beklagten, so heißt es in der Studie, autoritäres und extrem dirigistisches Lehrerverhalten, Tadel und Spott, Herabsetzung und Demütigung vor Schülern. Nun gut, Lehrerskepsis gehört zum guten Ton unter Heranwachsenden. Nachdenklich macht jedoch, dass die Hälfte der Siebtklässler und zwei von drei Neuntklässler nicht glaubten, dass "unsere Lehrerinnen und Lehrer interessiert, dass wir wirklich etwas lernen." 2004 schien sich daran kaum etwas geändert zu haben.In einer anderen Studie – Pythagoras – fragten die Forscher Jugendliche ob sie das Gefühl hätten, dass ihre Leistungen im Matheunterricht Anerkennung fänden. Im Mittel hatten die Mädchen und Jungen geantwortet: Manchmal. Nur selten, so hieß es im Durchschnitt, würden sie zu selbständigem Lernen ermuntert oder hätten Gelegenheit sich eingehender mit Aufgaben zu beschäftigen. In vielen Klassenräumen herrscht auch heute noch eine Kultur des Gleichschritts. Die Schüler konsumieren Wissen bis zur anstehenden Klassenarbeit, und dann wird verglichen auf welchem Stand die zwei Dutzend Jungen und Mädchen sind. Die erzielten Zensuren drücken jedoch nicht die Lernfortschritte der einzelnen aus, sondern messen die Leistung im Vergleich zu allen anderen. Weil die „Normalverteilung“ ihrer Klasse nicht stimmte, also ganz wenige Einsen, viele Zweien und Dreien, einige Vieren, Fünfen und Sechsen, wurde die bayerische Lehrerin Sabine Czerny 2008 an eine andere Schule versetzt. Ihre Schüler waren zu gut, und damit hatte Czerny den „Schulfrieden“ gestört.Und so kommt es zu dem Kuriosum, dass viele Schüler im Laufe ihrer Schulzeit zwar viel dazulernen, ihre Noten dennoch schlechter werden. Mit individuellem und selbständigem Lernen lässt sich die Notengebung eben nur schwer verbinden."
Der Link zur Studie findet sich hier.

08.12.2011

Gehirn und Lernen und: Wie gelingt Lernen?

Es gibt das ZNL, das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen in Ulm, das Manfred Spitzer (der Autor DES Buches zur Frage: Wie lernt das Gehirn?) leitet.
Im neuesten Newsletter finden sich zwei kurze Artikel zu wesentlichen Fragen, welche alle Lehrpersonen der Welt vermutlich intensiv beschäftigen:
- Wie und wann lernt das Gehirn (am besten)?
- Wie gelingt Lernen?
Zur Lektüre empfohlen!
Wer sich für den ganzen Newsletter interessiert: Hier ist er nachzulesen.

07.12.2011

Schulen der Zukunft oder Die Bildungskatastrophe von heute

Dir Hirnforschung weist schon ziemlich lange den Weg in eine neue Lernkultur (ich erinnere nur an das grundlegende Werk von Manfred Spitzer von 2003, Lernen) - leider aber kommt ihre Botschaft nach wie vor noch zu selten an in der Lernwelt der Schulen aller Stufen.
Das Video mit dem Neurobiologen Gerald Hüther - knappe vier Minuten, die unter die Haut gehen - könnte vielleicht bewirken, dass man aufhorcht, hellhörig wird ... und sich dann an die Arbeit macht.
Zu hoffen wäre es.
Denn immerhin ist ein Paradigmenwechsel zu gestalten: vom traditionellen Konzept des Unterrichtens hin zum prozessorientierten selbstorganisierten Lernen (SoL)...





Danke an Nando Stöcklin für die Erwähnung!