01.03.2012

Kleine Kalendergeschichte

Herr B., der schon viele Jahre am Gymnasium Sprachen unterrichtete, traf eines Tages Herrn R. Dieser war weitherum bekannt dafür, dass er weder jede pädagogische Mode noch den verwirrlichen didaktisch-methodischen Schnickschnack jener Zeit - es waren die Achziger-Jahre - mitmachte, sondern festhielt am Bekannten und Bewährten: dem Frontalen. 
Jede seiner Literaturstunden - auch er unterrichtete Sprachen - lief genau gleich ab. Herr R. fragte, wo man stehen geblieben war das letzte Mal, eine Schülerin sagte, auf welcher Seite. Man schlug das Buch auf und fuhr weiter, indem einer nach dem anderen eine Passage Text vorlas und Herr R. dazu jeweils Fragen stellte, welche die Schüler/-innen derart unvollkommen zu beantworten wussten, dass Herr R. die Gelegenheit nutzte zu ausgiebigen Ausführungen und kostbaren Anekdoten. Je mehr er redete, desto mehr erlosch das Licht in den Augen der vor ihm Sitzenden, währenddem das Leuchten in seinen Augen zunahm. Translatio studii? Nein: Transsubstantio lucis, sozusagen.
Und dann klingelte es. Und dann war Pause.


Eines Tages nun traf also Herr B. Herrn R. und berichtete ihm von seinem eigenen Unterricht und den vielen verschiedenen didaktischen Wegen, die er ausprobierte. Herr R. hörte aufmerksam zu und fragte dann, womit er, falls er denn etwas ausprobieren wollte, beginnen solle. Herr B. empfahl ihm, für den Anfang mal eine kleine Gruppenarbeit zu integrieren in eine Lektion; später könne man dann Weiteres ausprobieren. Herr R. bedankte sich für den Rat und versprach darüber nachzudenken. Und ging.


Und dann kam der Tag, wo Herr R. eine Gruppenarbeit machte.
In der anschliessenden Pause kam er lächelnd und mit leuchtendem Gesicht auf Herrn B. zu, der ihn fragend anschaute. "Siehst du", sagte Herr R., "ich hab's ja immer gewusst: es funktioniert nicht. Die Schüler können das nicht!" - Sprachs und wandte sich mit einem grossen Schwung ab - wie Leute, die mit ihrem Lächeln allein bleiben wollen.
(Anmerkung zum letzten Satz: Kafka passt ganz gut in eine Geschichte à la Brecht, oder nicht?)

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