26.04.2012

Geräte streicheln

Aus dem heutigen TagesAnzeiger:
Öffentlicher Verkehr
Ruhe ist, wenn alle Kinder Geräte streicheln
Eine fünfköpfige Familie verteilt sich auf zwei Zugabteile. Wie stets bei solchen Gelegenheiten öffnen die Eltern den Rucksack, um den hibbeligen Nachwuchs (ungefähr drei- bis siebenjährig) mit einer kleinen Belohnung zu beruhigen. Zum Vorschein kommen weder Zeltli noch Schokolade. Die Vaterhand verteilt technische Geräte, genauer: zwei iPhones für die Kleinen und ein iPad für die Grosse. Sofort kehrt Ruhe ein, und wie Pinselstriche konzentrierter Maler gleiten Kinderfinger über Bildschirme. Alle sind glücklich: die Mitfahrer, die sich auf Geschrei eingestellt hatten, die Eltern, die ein Buch lesen können, die Kinder, denen das Herumschieben virtueller Jasskarten offenbar mehr als genügt. Bis ein Anruf die Idylle zerstört. Der Vater nimmt ein iPhone an sich, worauf das gerätlose Kind bei seinem Bruder mitschauen will. Es kommt zum Streit. Zum Glück endet das Telefongespräch nach wenigen Minuten. (bat)

25.04.2012

Vom Suchen und Finden in der Schule


Paul Watzlawick sagt in einem Vortrag von 1987: "Das Suchen verunmöglicht das Finden".
Darüber ist natürlich erst recht nachzudenken, wenn man sich mit Themen wie Lernen und Bildung und Unterricht befasst. Denn Schule organisiert das Lernen seit Jahrzehnten so, dass weder das Suchen noch das Finden wirklich erfahren werden können. Zwar tun die gestellten Aufgaben so, als ob gesucht werden müsste und gefunden werden könnte; zum Beispiel:
- Berechne das Volumen eines Zylinders mit Radius x und Höhe h!
- Was wäre geschehen, wäre die Mauer 1989 nicht gefallen?
- Interpretieren Sie die Parabel Vor dem Gesetz von Franz Kafka!
Wahres Suchen jedoch beginnt erst dann, wenn es von einem selber kommt - und wirkliches Finden verträgt keinen Korrekturstift und schon gar nicht eine Note.
Wer heute - nicht nur als Schülerin oder als Studierender - sucht, tut das allermeistens mit einer Suchmaschine. Das heisst: Man lässt einen Algorithmus für sich arbeiten, sichtet vielleicht noch die Resultate, nimmt aber in der Regel die ersten drei und pastet das einigermassen Passende ins dafür vorgesehene Feld des Arbeitsblattes oder in den angefangenen Text der Doktorarbeit. Oder man loggt sich in ein Forum ein und bittet dort um Hinweise resp. Lösungen für die gestellten Aufgaben. Häufig jedoch wartet man ab, bis das Suchen ein Ende hat und die Hand der Lehrperson auf dem Hellraumprojektor oder an der Wandtafel die Lösung samt Lösungsweg skizziert, d.h. man tut nix, sondern schreibt ab, was vorne geschrieben steht, lernt das für die Prüfung et voilà!
Ein freudloser Prozess.
So einfach ist das alles nicht! werden Sie sagen.
Einverstanden: So einfach ist es nicht. Im Gegenteil: Es ist oft nicht leicht zu ertragen für Lernende, dass der Suchinstinkt, die Abenteuerlust, das Aufbrechenwollen in unbekanntes Gelände unterdrückt werden müssen respektive nicht gefragt sind. Denn: Organisierte Suchaufträge wie die obigen Beispiele ähneln der Suche nach vermissten Kindern im Tatort: Man weiss - zumindest die Lehrperson weiss -, was man finden muss. Das gilt zwar auch für die Suche nach Ostereiern, nur mit dem Unterschied, dass zusammen mit dem Ei meist noch eine Überraschung gefunden werden darf.
Von Schule initiiertes Suchen macht vielleicht deshalb so selten Freude, weil Überraschungsfunde in der Regel ausbleiben, ja: ausbleiben müssen - wie könnte man sie auch korrigieren, abprüfen, benoten?
Gemäss Watzlawik könnte das Unterrichtskunststück vielleicht darin bestehen, jemanden finden zu lassen, wonach er nicht gesucht hat - respektive, falls überhaupt notwendig, die Freude zu wecken und wachzuhalten am Suchen.
"Wer sucht, der findet nicht. Wer nicht sucht, wird gefunden." (Franz Kafka)

17.04.2012

"Schule produziert lustlose Pflichterfüller" (G. Hüther)

Bei meinem letzten Posting durfte gelacht werden. Wer lacht, hat Distanz zum Geschehen, hat den immer wieder wichtigen Schritt zurück gemacht und vermag so - vielleicht -, über sich und das, was man tut, nicht nur zu lachen, sondern, möglicherweise, dann auch nachzudenken.
Einer, der andersrum versucht, das Nachdenken etwas anzuregen - nicht übers Cabaret, sondern mittels Forschung und empathischer Beobachtung - ist Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie an der Psychiatrischen Klinik der Universität in Göttingen (er kommt hier und hier schon vor in meinem Blog).
Seine neuesten Äusserungen zur "Erbsensortiermaschine" Schule, zum Anpassertum an hiesigen Schulen ("Wer die Matura mit Bestnoten besteht, hat sich einfach am besten ans System angepasst."), zum Verlust der Lernbegeisterung im Laufe der Schulzeit finden sich in einem Interview, dem zum Glück das Video über die volle Länge des Gesprächs mit ihm beigegeben ist.
Dieses Video müssten alle sich anschauen, die junge Menschen unterrichten (wollen) und sich fragen, was Lernen heisst und wie man es als Lehrperson in der Schule in Gang halten kann.
Grundlegend. Grund legend. 
Darauf kann man aufbauen.

11.04.2012

04.04.2012

Lernen im Netz heisst: Kennenlernen

http://img.fotocommunity.com/a19065239.jpg
Eine ziemlich böse Glosse in der heutigen FAZ zu diesem Titel spricht mich an, weil ich die Ansicht des Autors in etwa teile. Da heisst es:
"Vor ein paar Jahren hatte man auch noch gehofft, dass auf dem Datenhighway nicht nur soziologische Trittbrettfahrer mitfahren, sondern der kleine Mann und die Frau intellektuell profitieren. Irgendwann würde schon jeder Zugang zu den sprudelnden Quellen des Wissens erhalten. Eine neue Kultur des Lernens wurde herbeigesehnt, eine Explosion der Wissensgesellschaft, ja die ultimative Blüte einer Wissensökonomie. (...) Aber: Im neuen „British Educational Research Journal“ etwa wird nach der Befragung von 47 000 erwachsenen Studienteilnehmern behauptet, dass wir auch nach einer Dekade im Internet „nicht einen Schritt näher an der Lerngesellschaft“ sind. (...) Das lebenslange Lernen als Massenphänomen bleibt für die britischen Soziologen „vorerst ein Traum“.
Wenn ich mich querbeet durch die Bildungslandschaft lese, stelle ich zwar effektiv fest, dass vieles - zumindest in den Konzepten und auf dem Papier - aufbricht (im doppelten Wortsinn), dass Social Media und SOL genau so Einzug halten im Schulzimmer wie die neuen Geräte iPhone, iPad und Konsorten; aber wenn ich dann mit Lehrpersonen über ihren Unterricht spreche, höre ich allermeistens genau die gleichen Aussagen wie vor Jahren: dass man "0815-Lektionen" mache mit Papiervorbereitung und  Fotokopien und Arbeitsblätterverteilaktionen und Wandtafel und konventionell halt, aber was sonst angesichts der vielen Sitzungen und Sonderwochen und Stundenausfälle - und der Beamer? Warum auch, es geht ja ohne. SchülerInnenzentriert? Dann bringe ich den Stoff nicht durch. Ein Rektor meinte: "Die konservativsten Unterrichtenden sind die jungen."


Der Aufbruch wabert in den Köpfen und scheint manchmal sogar irgendwie stattzufinden - aber meistens aussengelenkt. 
Die Frage ist: Was braucht es, dass er aus der inneren Überzeugung der Lehrpersonen kommt? Wie muss jemand als Lehrkraft "beschaffen" sein, dass er/sie "Lernen 2.0" intrinsisch motiviert anbietet, weil er/sie selber draufgekommen ist und "nicht anders kann", als die Erkenntnisse der Hirnforschung und die didaktischen Chancen der ICT umzusetzen?
Wie kommt Neues in die Bildungswelt, das überzeugt und trägt?

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