25.04.2012

Vom Suchen und Finden in der Schule


Paul Watzlawick sagt in einem Vortrag von 1987: "Das Suchen verunmöglicht das Finden".
Darüber ist natürlich erst recht nachzudenken, wenn man sich mit Themen wie Lernen und Bildung und Unterricht befasst. Denn Schule organisiert das Lernen seit Jahrzehnten so, dass weder das Suchen noch das Finden wirklich erfahren werden können. Zwar tun die gestellten Aufgaben so, als ob gesucht werden müsste und gefunden werden könnte; zum Beispiel:
- Berechne das Volumen eines Zylinders mit Radius x und Höhe h!
- Was wäre geschehen, wäre die Mauer 1989 nicht gefallen?
- Interpretieren Sie die Parabel Vor dem Gesetz von Franz Kafka!
Wahres Suchen jedoch beginnt erst dann, wenn es von einem selber kommt - und wirkliches Finden verträgt keinen Korrekturstift und schon gar nicht eine Note.
Wer heute - nicht nur als Schülerin oder als Studierender - sucht, tut das allermeistens mit einer Suchmaschine. Das heisst: Man lässt einen Algorithmus für sich arbeiten, sichtet vielleicht noch die Resultate, nimmt aber in der Regel die ersten drei und pastet das einigermassen Passende ins dafür vorgesehene Feld des Arbeitsblattes oder in den angefangenen Text der Doktorarbeit. Oder man loggt sich in ein Forum ein und bittet dort um Hinweise resp. Lösungen für die gestellten Aufgaben. Häufig jedoch wartet man ab, bis das Suchen ein Ende hat und die Hand der Lehrperson auf dem Hellraumprojektor oder an der Wandtafel die Lösung samt Lösungsweg skizziert, d.h. man tut nix, sondern schreibt ab, was vorne geschrieben steht, lernt das für die Prüfung et voilà!
Ein freudloser Prozess.
So einfach ist das alles nicht! werden Sie sagen.
Einverstanden: So einfach ist es nicht. Im Gegenteil: Es ist oft nicht leicht zu ertragen für Lernende, dass der Suchinstinkt, die Abenteuerlust, das Aufbrechenwollen in unbekanntes Gelände unterdrückt werden müssen respektive nicht gefragt sind. Denn: Organisierte Suchaufträge wie die obigen Beispiele ähneln der Suche nach vermissten Kindern im Tatort: Man weiss - zumindest die Lehrperson weiss -, was man finden muss. Das gilt zwar auch für die Suche nach Ostereiern, nur mit dem Unterschied, dass zusammen mit dem Ei meist noch eine Überraschung gefunden werden darf.
Von Schule initiiertes Suchen macht vielleicht deshalb so selten Freude, weil Überraschungsfunde in der Regel ausbleiben, ja: ausbleiben müssen - wie könnte man sie auch korrigieren, abprüfen, benoten?
Gemäss Watzlawik könnte das Unterrichtskunststück vielleicht darin bestehen, jemanden finden zu lassen, wonach er nicht gesucht hat - respektive, falls überhaupt notwendig, die Freude zu wecken und wachzuhalten am Suchen.
"Wer sucht, der findet nicht. Wer nicht sucht, wird gefunden." (Franz Kafka)

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