06.06.2012

Rousseau reloaded - Lernen 2.0?

J.J. Rousseau würde heuer seinen 300. Geburtstag feiern, wenn er es denn könnte. Feiern wir an seiner Stelle! Denn es gibt m. E. wenig Texte, die derart klug, stilistisch mit feinster Ziselierung arbeitend, zum Denken herausgefordert haben, wie die seinen, und es nach wie vor tun. Rousseaus Philosophie (die beiden Diskurse), sein poltisches Reformwerk (Contrat social) und sein Erziehungsroman (Emile) laden gleichermassen ein zum Nachdenken wie seine autobiografischen Werke (Confessions, Rêveries e.a.). 
Ja: Rousseau ist unerhört aktuell geblieben.
Das Kulturradio DRS2 widmet ihm diverse Sendungen, das Schweizer Fernsehen offeriert Sternstunden und mehr.


Wie beginnt die pädagogische Schrift Emile? Mit dieser wuchtigen Behauptung:
"Tout est bien, sortant des mains de l'auteur des choses: tout dégénère entre les mains de l'homme." 
Die zentrale Frage, die Rousseau in diesem Werk zu beantworten sucht, lautet dementsprechend: Wie kann man in einer solcherart degenerierten Welt ein Kind so erziehen, dass es gut herauskommt?
Vielleicht stellt sich diese Frage uns Heutigen nicht mehr ganz in der Brisanz von 1762, als Grundfrage dessen, was man Erziehung nennt, bleibt sie jedoch bestehen. Und wer Rousseaus Antwort kennen will, sollte beide Werke, die 1762 publiziert wurden, lesen: den Emile und den Contrat social - sie bedingen einander und ergänzen sich.
Interessant im Kontext der aktuellen pädagogisch-didaktischen Diskussionen um das Lernen 2.0 ist Rousseaus Experimentierfeld, welches er seinem Zögling eröffnet: eine "wohlgeordnete Freiheit". Alles darin ist geregelt, das Wo, das Was, das Wann; alle Aktivitäten Emiles stehen unter genauester Beobachtung. Nur die Art und Weise, wie der junge Mensch seine Erfahrungen macht, ist ihm überlassen.
Das gleicht fatal gestrigem und vielerorts auch heutigem Erziehungs- und Schulbetrieb, scheint mir. Zwar erweist sich Rousseau buchstäblich als Lernbegleiter und verschafft seinem Zögling die Möglichkeit von Erfolgserlebnissen. Aber er orientiert sich an einem Menschenbild; er weiss, wie sein Emile herauskommen sollte aus der "Erziehungsmaschine".
Hat sich daran etwas geändert? 
Die im Gegensatz zu Rousseau stark medial vermittelte Lebens-, Lern- und Bildungswelt von 2012, lässt sie den Kindern mehr Raum als den einer "wohlgeordneten Freiheit"? Können Erziehende und Lehrpersonen ohne ein Menschenbild auskommen, auf welches hin sie - bewusst oder unbewusst - die Kinder formen? Ermöglicht das Lernen 2.0 das "Lernen in Freiheit" (Carl R. Rogers)?

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