15.06.2012

Vom Wie und vom Was


Wenn ich die Zeichen (sprich: Spuren in den Medien) richtig deute, beschäftigt sich heutige Didaktik weit mehr mit dem Wie als mit dem Was. Geschrieben wird intensiv über die veränderten Lehr- und Lernmethoden (Stichwort Lernen 2.0), gefordert wird ein individualisierender Lernbetrieb, der die Segnungen modernster Technik – sprich Smartphone und Tablet – selbstverständlich integriert, natürlich mit den entsprechenden Konsequenzen für die Unterrichtsmaterialien.
Nachgedacht wird weit weniger intensiv, wie mir scheint, über das Was, d.h. die Frage der Unterrichtsinhalte. Zwar ist  in der Schweiz der Lehrplan 21 am Entstehen, aber er erscheint sozusagen lautlos.
Wenn man sich bei Jeremy Rifkin umschaut, insbesondere in seinem neuesten Buch Die dritte industrielle Revolution. Die Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter, wird einem noch deutlicher bewusst, wie wichtig die Vorbereitung junger Menschen auf die so genannte Welt von morgen ist. Rifkin plädiert für neue Bildungsinhalte, insbesondere für die Sensibilisierung des homo sapiens für die Biosphäre, für ein „Biosphärenbewusstsein“ also, welches aus dem solcherart erzogenen und unterrichteten jungen Menschen einen „homo empathicus“ macht. Mithilfe kollaborativen, „lateralen“ Lernens soll „das Selbst der Schüler durch den Kontakt mit den vielen ökologischen Gemeinschaften erweitert“ werden (Stichworte: Lernen durch Landschaften, Lernumgebung Biosphäre). Gleichzeitig warnt Rifkin vor einem Übermass an elektronischen Medien im Unterricht: „Die Natur besteht nicht aus Pixeln.“ 
Erinnern wir uns noch kurz an Heidegger:
„In allen Bereichen des Daseins, wird der Mensch immer enger umstellt von den Kräften der technischen Apparaturen und der Automaten. Die Mächte, die den Menschen überall und stündlich in irgendeiner Gestalt … beanspruchen, fesseln, fortziehen und bedrängen – diese Mächte sind längst über den Willen und die Entscheidungsfähigkeit des Menschen hinausgewachsen, …“ Umso wichtiger ist es, so Heidegger, gegenüber diesem „rechnenden“ Denken das „besinnliche“ Nachdenken ins Spiel zu bringen. (Die Zitate stammen aus dem Text Gelassenheit von 1955) 
Die Konsequenzen aus Rifkin und Heidegger für die Neugestaltung der Lehrpläne für das 21. Jahrhundert liegen zwar auf der Hand – ob sie jedoch als relevant erkannt werden, darf (noch) bezweifelt werden.

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