20.07.2012

Am Seil

"- Eine Erfahrung kann ich nur machen, wenn es Fragen und Fremdheiten gibt. Wenn es dort, wo ich hingehe, nur Vertrautheit gibt, ist eigentlich keine Aufregung da.
- Sie suchen also immer die Herausforderung des Neuen?
- Ja. ... Es geht eigentlich um die Fremdheit. Nicht das Vertraute, sondern das Fremde, in das ich hineingehe, lässt in mir eine Revolution entstehen. Aus der Spannung zwischen Vertrautheit und Fremdheit passiert in mir etwas. Sonst passiert nichts."


Dieser Ausschnitt stammt aus einem Gespräch mit Reinhold Messner, dem grossen Alpinisten und Grenzgänger (wie er sich selber bezeichnet). Was Messner zu den Rahmenbedingungen  sagt, derer es bedarf, um Erfahrungen zu machen, scheint mir auch wichtig für die "Klettertouren" in der Bildungslandschaft. Man könnte generalisierend vielleicht sagen, die permanente didaktische "Überbehütung" in Form von "sauberer" Hinführung von Lernenden auf das Lektionsziel (sprich von vorgepfadeten, ausgetretenen, mit Haken und eingeschlagenen Führungsseilen versehenen Routen wenn nicht gar von organisierten Lehrausgängen im Klettergarten) trägt nicht nur wesentlich bei zur grossen Langeweile in Schullektionen, sondern verhindert vermutlich auch zündende und damit bleibende Erfahrungen. In der durchschnittlichen Unterrichtslektion verlässt wohl kaum je ein/e Schüler/in das vertraute Gelände wirklich, um "in die Fremde" zu gehen. Welche/r Lernende wagt schon wirklich etwas, wenn er/sie bei (Noten)Trost ist? Warum sollte man auch - Wagnisse bedeuten Risiko, und dieses wird meistens aufgespart für die Zeiten ausserschulischer Erkundungen....

16.07.2012

Vom Anfangen im Unterricht

Die Tür des Unterrichtszimmers ist geschlossen. Man legt die Hand auf die Klinke, hört von drinnen den munteren Lärm der Klasse, hält kurz inne, sammelt sich. Und tritt ein. - Bleibt man an der Türe stehen und wartet, bis der Lärm verebbt? Schreitet man, den Blick geradeaus, zum Pult, die Türe hinter sich mit Schwung zuschlagend als Zeichen, dass man da ist? Macht man ein paar Schritte ins Zimmer, die Klasse freundlich lächelnd im Blick, bleibt stehen und begrüsst die Anwesenden? 
Der Anfang entscheidet vieles. Das Unbewusste brauche nur drei Tausendstelsekunden, um zu entscheiden, ob es ein Gegenüber sympathisch finden will oder nicht, heisst es. Wie lange benötigen wohl Schülerinnen oder Studierende, bis „es“ in ihnen weiss, ob sich Aufmerksamkeit für die Lehrperson und später dann die Unterrichtssituation lohnt? 
Redet man nicht gleich drauflos, kann ein Augenblick der Stille entstehen, nachdem die Schülerinnen und Schüler zur Ruhe gekommen sind. Der eine packt zwar noch seinen Kaugummi in ein Papierchen, die andere verstaut ihr Handy in der Tasche, die an ihrem Stuhl hängt, aber es wird still. - Man schaut in die Klasse, begegnet den Blicken der Jugendlichen, sagt nichts, wartet, spürt hin. Es bildet sich ein Moment, aus dem heraus alles möglich werden könnte. 
Dieser Moment ist enorm kostbar, denn in ihm lässt sich die Klasse für sich und das Unterrichtsvorhaben gewinnen. Es braucht die Magie dieses Augenblicks, damit sich ein Weg des Gelingens eröffnen kann. Es braucht diesen Moment jedoch auch, damit sich alle verorten können im Raum und in der Zeit, in der privaten Geschichte genau so wie in der je eigenen Schulgeschichte. Um zu merken, ob man bereit ist für das, was jetzt kommt, oder ob man sich erst erschliessen lassen muss dafür. 
Als Lehrperson ist man vorbereitet, hat die Lektion präpariert, ein komplexes Lehr-Lern-Arrangement gestaltet, im Unterrichtsvorbereitungsheft kurz notiert; die Absicht ist klar, das Ziel definiert, der Weg festgelegt. - Als Schüler ist man in der Regel einfach da und wartet. Erwartet vielleicht. Die Ausgangspunkte von Lehrenden und Lernenden sind also mit Sicherheit verschieden; es gilt den Punkt zu finden, wo sich alle versammeln zum Anfang. 
„Lehren beginnt nicht mit Reden, sondern mit Zuhören“, haben Urs Ruf und Peter Gallin in ihrem 1990 erschienen Buch Sprache und Mathematik in der Schule. Auf eigenen Wegen zur Fachkompetenz formuliert. Vielleicht darf man diesen Satz übertragen auf diesen entscheidenden Augenblick des Anfangens und ihn etwas ausweiten: Der von einer Lehrperson angeregte Lernprozess in der Schule bedarf der sammelnden Stille, um wahrhaft beginnen zu können. 
Viele Lehrende achten kaum auf einen guten Lektionsbeginn. Sie treten wohl vorbereitet ins Zimmer, begrüssen zwar kurz,  legen dann jedoch gleich los mit Reden und Organisieren, Strukturieren und Erklären, neuerdings auch mit dem Aufstarten der Geräte und dem Aufrufen von Powerpoint-Folien. Meist reden sie laut. Meist deuten sie mit den Fingern. Selten aber schweigen sie. Der Part der Lernenden kann in solchen Situationen nur noch darin bestehen, „nachzukommen“, die Pace der Lehrperson mitzugehen, deren Absichten und Ziele stillschweigend (!) zu übernehmen – oder aber innerlich aufzugeben, abzuhängen, schlimmstenfalls zu verweigern und unter dem Tisch mit dem Verfassen von SMS zu beginnen.
Welche Lehrperson fragt schon je ihre Studierenden, ob sie einverstanden sind mit dem vorgesehenen Programm? der Wahl der Methoden? der Strukturierung der Zeit? der Form der Ergebnisse? Wer versucht die Klasse zu gewinnen für ein Unterrichtsvorhaben? 
Wer achtet darauf, dass man bereit werden könnte für das Anfangen? 

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