01.09.2012

Von Manfred Spitzer, digitaler Demenz und dem Lächeln der Weisen

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Man erinnert sich gerne: Manfred Spitzer wurde in Bildungskreisen bekannt, als er 2003 sein Buch Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens veröffenlichte. Vermutlich hielt dank dieser Schrift die Nerurowissenschaft Einzug  im Schul- und (Aus)Bildungsbereich. Resultat: Die Didaktik erhielt eine Tochter: die Neurodidaktik. Sätze wie dieser: „Stoff kann man nicht vermitteln! Ebenso wenig wie Hunger. Hunger produziert sich jeder selbst, und Lernen produziert sich auch jeder selbst“ (S. 417) revolutionierten da und dort die Lehrkunst; das SOL (selbst organisiertes Lernen) erhielt Unterstützung, einige Lehrpersonen begannen – angeregt vielleicht auch durch einen der Vorträge Spitzers, die er flächendeckend hielt – zu individualisieren.
So weit, so gut.
Heute führt der reputierte Professor aus Ulm einen wahren Feldzug gegen die Nutzung von digitalen Medien durch junge Menschen. Griff er früher schon Fernsehen und Computer an (Vorsicht Bildschirm!), spricht er heute bereits von Digitaler Demenz und weitet seine Kritik aus auf alles, was die Mediennutzung durch Jugendliche betrifft. Morgen Abend diskutiert sogar eine ganze Nation bei Günther Jauch im ARD die Frage: „Achtung Computer! Macht uns das Internet dumm?“ (Der Zufall will, dass sich im ZDF gleich im Anschluss Richard David Precht mit dem Neurobiologen und Hirnforscher der etwas anderen Art als Manfred Spitzer, nämlich Gerald Hüther unterhält über die Frage: "Skandal Schule - macht Lernen dumm?". Darauf darf man sich freuen!)
Ich habe Manfred Spitzer mehrfach live gehört und erlebt, zuletzt als einer seiner Vorredner an einem Event 2008. Ich habe ihn natürlich auch gelesen, und auf sein Buch Lernen habe ich an vielen Weiterbildungsveranstaltungen hingewiesen. Was mich erschreckt, ist ihn jetzt am Fernsehen zu sehen (zuletzt am 29.8.12 in der Sendung ZDF log in): Aus dem entspannt auftretenden, humorvoll-souveränen Wissenschafter von 2003 ist ein verbissen Recht haben wollender Professor geworden, der sein Publikum um jeden Preis aufklären will. Warum? Weil er das, wie er in der Einführung schreibt, seinen Kindern schuldet. Aber wieso muss er das mit so viel Verve tun? Wovor hat er Angst?
Was mich zudem beschäftigt, ist die Frage, warum jetzt fast die gesamte Zunft der Mediendidaktiker, eLearning-Forscher und ICT-Spezialisten über Spitzers neuestes Buch und seine Voten in den Medien (!) herfällt (eine kleine Sammlung solcher – m. E. berechtigten! – Kritiken hat Beat Döbeli verdienstvollerweise angelegt). Fehlt vielleicht ein Buch oder ein ausführlicher Zeitungsartikel, die wissenschaftlich fundiert und stilistisch elegant belegen, wie digitale Medien das Lernen nicht nur als Tools anregen und unterstützen, sondern es anreichern, vertiefen, kreativ ausweiten und es (mit)teilbar machen können? Wie mit Medien heute in Schule, Berufsbildung und Hochschule achtsam und reflektiert gearbeitet wird? Wie sinnvoller Medieneinsatz in realen Unterrichtssituationen aussieht? (Ganz im Sinn von Manfred Lindner, wenn er in seiner Zwischenbilanz zu Spitzers Buch schreibt: „Aber es hat keinen Sinn, sich über Spitzers Talkshow-Triumphzug lustig zu machen. Alle, die dazu lustig twittern, sollten sich an die eigene Nase fassen: Wir sind nämlich selber schuld. Warum haben wir, die Web 2.0-Fraktion, diese Leerstelle gelassen, in die er sich jetzt so begeistert wirft? Warum kann ein ernsthaft besorgter Mensch sich kein Buch kaufen, in dem wir uns vernünftige Gedanken über all das machen: Werden Jugendliche, die (auch digitale) Schriftkultur nicht können, jetzt vollends abgehängt? Was machen faschistoide Ich-ballere-alles-ab-Stirb-langsam-Spiele und Überall-Porno in den Köpfen? Auch die Frage, was mit dem Selberschreiben wird, ist nicht von vornherein lächerlich.“ - Beat Döbeli, Lisa Rosa, Martin Lindner und andere würden doch auch mediale Aufmerksamkeit finden, meinetwegen auch Hallen füllen, Hunderte von Eltern und Lehrpersonen begeistern und erst noch mit Witz und Schwung das Wesentliche klar machen: Dass das Lernen und die Didaktik insgesamt sich gewandelt haben; dass es angesichts der digitalen Medien wesentlich darum geht, dass junge Menschen Medienkompetenz erwerben, statt den Medienkonsum verboten zu bekommen; dass Eltern für die Medienbildung ihrer Sprösslinge gewonnen, statt gegen sie eingenommen werden sollten.
Wer Ängste schürt (wie Manfred Spitzer mit seinem neuesten Buch), aktiviert die Amygdala (das lehrt die Hirnforschung), was wiederum erspriessliches Lernen erschwert bis verunmöglicht.Wie wäre es, dem verbissenen Argumentarium des Hirnforschers aus Ulm mit dem sanften Lächeln der medienkompetent votierenden Bildungsfachleute zu begegnen?

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