01.11.2012

Artigkeit als Erziehungsziel

Heute finden sich auf Twitter Postings einer Kollegin zum Thema Artigsein:

Warum bleiben diese Aussagen hängen bei mir?
Ich musste selber eines dieser artigen Kinder sein, der lebende Beweis einer damals als richtig geltenden Erziehung.  Auch in der Schule hiess es, „brav“ zu sein: Hände auf der Pultplatte, saubere Fingernägel, absolutes Tuschelverbot, Kichern unerwünscht, Lachen verboten, ausser als Reaktion auf einen Lehrerwitz (Lehrerinnen hatte ich zwischen 9 und 16 keine). Stillsitzen. Aufpassen. An die Tafel schauen. Aufstehen zum Antworten. 
Der Schulbetrieb glich dem Kasernenbetrieb – im Turnunterricht erst recht. (Nachwehen dessen, was in Ödön von Horváths Jugend ohne Gott so formuliert wird: „Wir müssen sie [die Jugend] moralisch zum Krieg erziehen. Punkt!“???)
Gerade deswegen – wie ich heute vermute – war ich jedoch in meiner (wörtlich zu nehmenden!)  Freizeit ein „unartiges“ Kind: Kletterte auf die höchsten Bäume, baute Verstecke in Kanalisationsröhren, gründete eine Band und … begann exzessiv zu lesen: unter anderem alle Romane von Karl May, die Wildwestromane von Max Brand, die Krimis von Edgar Wallace (auch das Lesen bedeutete eine Art der Erkundung des abenteuerlichen, ja: verbotenen Terrains und konnte deshalb sehr wohl gefährlich werden für die Erzieher).
Natürlich wuchs auch mein Widerspruchsgeist von Jahr zu Jahr.

Gerade weil man versuchte, mich zu einem artigen Kind zu formen, legte ich ein „exploratives Verhalten“ an den Tag. Actio = reactio vermutlich! Ich nahm sehr wohl auch meine „persönlichen Bedürfnisse“ wahr, suchte und (er)fand Nischen, wo ich sie leben konnte.
Das gelang zu einem guten Teil. Resultat: Ich bin sowohl – als auch, angepasst und quer in der Landschaft liegend, brav und mutig (brave heisst ja mutig im Frz.), korrekt und kreativ. D.h. in der Quintessenz: lebendig geblieben. Ich finde enorm wichtig und richtig, was Arno Gruen in seinen Büchern Der Fremde in uns und Der Wahnsinn der Normalität schreibt, was Alice Miller im Drama des begabten Kindes und in Am Anfang war Erziehung offen legt. Umso mehr freue ich mich über das persönliche Unbewusste, das auch einer Erziehung zur Artigkeit immer wieder ein Schnippchen zu schlagen versteht und ermöglicht, dass wir zur Artigkeit Erzogenen nicht allesamt als triebgestörte, seelisch unterdrückte, fehlgeleitete Erwachsene durch Leben gehen müssen.

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