20.11.2012

Die Klasse (Entre les murs)

Die meisten Menschen müssen oder mussten zur Schule gehen; eine prägende Zeit für viele! Filme wie Dead Poets Society, Dangerous Minds, Elephant, die sich der Institution Schule und ihrem Kontext widmen, sind wohl auch deshalb erfolgreich - als Zuschauer durchlebt man die eigenen Freuden und Nöte noch einmal, als Lehrpersonenbildner bekommt man wertvolles Material zur Diskussion verschiedenster Fragen geboten, die sich im Kontext der Pädagogik im allgemeinen, der Didaktik im besonderen stellen können.
Solch thematisch ausgerichtete Filme haben auch in Frankreich Tradition; erinnert sei an Truffauts Meisterwerk von 1959, Les quatre cents coups, an Etre et avoir von 2002, ein intimes Porträt eines Dorfschullehrers, und an das leicht romantizistisch-nostalgisch verbrämte, aber enorm erfolgreiche Schuldrama Les choristes von 2004. 

Diese Tradition führt der 2008 mit der Goldenen Palme am Filmfestival Cannes prämierte halb dokumentarische Film Die Klasse (Entre les murs) von Laurent Cantet auf beeindruckende Weise fort. Das auf dem Buch von François Bégaudeau von 2006 beruhende Werk, das der Regisseur von Laiendarstellern spielen lässt, setzt mit einer Besprechungsrunde des Lehrerkollegiums zu Beginn eines neuen Schuljahres ein und beleuchtet schlaglichtartig Vorkommnisse, die sich im Laufe eines Schuljahres ereignen: ein neuer Schüler wird der Klasse von François zugewiesen (die Rolle des Klassenlehrers übernimmt der Autor des preisgekrönten Romans, der selber Lehrer war), die Jugendlichen verfassen Selbstporträts, Eltern besuchen die Sprechstunde. Erst im letzten Drittel des Films setzt der verbale Ausrutscher von François eine dramatische Zuspitzung in Gang. Schließlich neigt sich das Schuljahr seinem Ende zu. Wenn das Stimmengewirr auf dem Schulhof verhallt, bleibt Raum zum Nachdenken.

Wenn der Schulalltag (in Frankreich? nur da?) sich so darstellt, wie kann denn je gelingen, was der Bildungsauftrag der Institution Schule verspricht? Alle am Schulgeschehen Beteiligten kämpfen permanent: mit der Disziplin im Klassenraum, mit Erwartungen, dem Kaffeeautomaten, Schülerarbeiten, Zeit. Der Schulhof gleicht einem Gefängnishof, die Sitzordnung ist frontal, der Lehrer steht vorne, versucht sich akustisch durchzusetzen gegen den permanenten Lärm, der Disziplinarausschuss muss Sanktionen treffen, auch wenn er keine sinnvollen findet. Alle sind frustriert, genervt, wütend. Der Film endet damit, dass eine Schülerin im Klassenzimmer zurückbleibt und dem Lehrer mit leiser Stimme gesteht, dass sie nichts gelernt habe in diesem Schuljahr. Sie scheint selber erschrocken ob dieses unfassbaren Sachverhalts. Die Pointe: Sie hat die Bestehensnorm erfüllt und wird in der nächst höheren Klasse weiterfahren nach den Ferien...

Die für mich bewegendste Stelle ist die, wo François in seinem Lehrerzimmer-Fach den Text einer Schülerin vorfindet, die sich zuvor geweigert hatte, vorzulesen und sich deshalb bei ihrem Klassenlehrer "aufrichtig" entschuldigen musste. Titel: Respekt. Ihre Stimme aus dem Off liest uns allen vor, was Khoumba empfindet, wenn ihr Lehrer die pädagogischen Machtspiele spielt und seine Schülerinnen und Schüler missachtet. Wie steht es mit Ihrem Respekt uns gegenüber, Herr Lehrer? fragt sie - und kündigt an, dass sie sich ab sofort nach hinten setzt, nicht mehr sprechen wird mit François und ihn keines Blickes mehr würdigen will.

Wie sollte man in einem solchen Unterricht, in einer derart organisierten Schule Lernfreude, Neugier, Kreativität, Selbstbewusstsein entwickeln können? Schulischer Unterricht solcher Art kann nur scheitern; weder ist echte Begegnung im Dialog möglich, noch geht es je um die Anliegen, Fragen und Bedürfnisse der Lernenden. Die Figur des Lehrers François, der um den Konjunktiv Imperfekt ebenso kämpft wie um die Milderung einer Disziplinarmassnahme gegen einen Schüler, macht deutlich, wie schwierig es ist, die sogenannte Lehrerrolle sinnvoll und passend zu verkörpern: Wen vertritt er: die Institution Schule und damit den Staat? die ihm als Klassenlehrer anvertrauten Schülerinnen und Schüler? Beide? Bildungs- und Unterrichtsziele? Lebenswirklichkeit? Darf er Raum gewähren für die persönliche Entwicklung seiner Lernenden? Oder muss er den Schulstoff durchbringen? Wofür darf er Zeit haben, Zeit geben? Wie verarbeitet er den permanenten inneren Konflikt, den ihm seine Klasse tagtäglich spiegelt: "Flüchten oder standhalten"?
Kann eine Lehrperson je einem Schüler, einer Schülerin gerecht werden? Und sich selber? 

Die beiden letzten Einstellungen zeigen das verlassene Klassenzimmer: Tische, Stühle, als Insgesamt eine Art Skelett der Schulnot, ja: ein Schlachtfeld.

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