12.12.2012

Lernen 2.0 und die Frage der Absenzen

Ein Artikel in der heutigen Aargauer Zeitung zeigt eine interessante Fragestellung auf:
Schülerinnen und Schüler fehlen ab und zu im Unterricht. Die Schule (wer immer das dann ist: Abteilungslehrperson, Fachlehrkräfte zum Beispiel) führen Buch über die Absenzen. Bestimmte Gründe können dazu führen, dass das Fehl-Verhalten gewisser Studierender an einer Abteilungs- oder Promotionskonferenz diskutiert wird und es manchmal zu Sanktionen seitens der Schulleitung kommt.

Fehlt eine Schülerin oder ein Schüler in einem geordneten System, fällt das denen, die nicht fehlen, auf.  Denn ein normaler Schulbetrieb setzt auf die Anwesenheit der an ihm Beteiligten; anders könnte er nicht aufrecht erhalten werden. Folglich fällt das Fehlen ins Gewicht, denn Fernbleiben provoziert Störungen im normalen Ablauf. Auch Gymnasien halten deshalb ihre zum Teil aus mündigen Erwachsenen bestehende Schülerschaft an, am Schul- und Unterrichtsleben teilzunehmen. Der Umgang mit Absenzen muss deshalb geregelt werden. Wie? Das ist die Frage.


Drei Modelle stellt der Artikel vor:

- Schülerinnen und Schüler haben ein Kontingent von Lektionen, denen sie unentschuldigt fernbleiben dürfen ("Jede Schülerin und jeder Schüler kann einer nach Stufen differenzierten Anzahl Lektionen fernbleiben, ohne dafür eine Entschuldigung beibringen zu müssen.")
- Die Schule stellt die Absenzen und die Begründungen dazu ins Netz, macht Fernbleiben vom Unterricht öffentlich ("Alle Absenzen werden elektronisch erfasst. Fehlt ein Schüler, schreibt der Lehrer die Abwesenheit ins «Schulnetz», der Schüler schreibt seinen Entschuldigungsgrund dazu. Damit wird die Absenz quasi in den schulöffentlichen Raum gestellt, die Hemmschwelle für unmotiviertes Schwänzen steigt.")
- Die Studierenden führen ein klassisches Absenzenbüchlein ("Der Schüler trägt seine Absenz samt Entschuldigungsgrund ein, der Lehrer quittiert es, der Klassenlehrer führt Kontrolle, um Auffälligkeiten zu erkennen.")

Verbindet man die Absenzenfrage mit didaktischen Überlegungen, zeigt sich schnell, dass sich ein ähnlicher Gegensatz eröffnet wie derjenige zwischen Lernen 1.0 und Lernen 2.0. Wer individualisierendes, selbstgesteuertes Lernen fördert, könnte (müsste?) diese Didaktik im Grunde koppeln mit der - zumindest zum Teil - selbst bestimmten Anwesenheit der Lernenden. Weitet man die Frage, stellt sie sich sogar so: Ist Lernen 2.0 kompatibel mit der in der Mittelschulverordnung festgehaltenen Präsenzpflicht? Wie begründe ich als Fachlehrer/-in, dass Studierende im Projektunterricht zB. im Schulhaus zu bleiben haben und nicht zuhause arbeiten dürfen? Oder erlaube ich das? - Und: Welches der drei Modelle wird der "Herausbildung eines mündigen Menschen" am ehesten gerecht?

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