04.12.2012

Von der Schulstube in die komplexe Lehr-Lern-Umgebung oder Warum das Umsteigen manchen schwerfällt

In unserer Schulstube von 1956 war alles, wie es sein sollte, am Platz. In vier Reihen sassen wir Schülerinnen und Schüler in unseren festgeschraubten Pulten mit den aufklappbaren Einlassklappen der dank einer horizontalen Achse drehbaren Schiefertafel zugewandt. Mitten im Raum stand ein gusseiserner Ofen, der im Winter von Herrn Basler, unserem Lehrer, zuerst eingeheizt werden musste. Sein Pult stand vorne seitlich. Sein Rohrstock lehnte neben der Tafel an der Wand. Auf der anderen Seite war an der Decke die Vorrichtung montiert, mithilfe derer geografische Karten oder Schulwandbilder aufgehängt werden konnten. Das Licht fiel durch hohe Fenster in unsere Lernstube, in den dunklen Jahreszeiten ergänzt durch den weisslichen Schein einzelner tief herunterhängender Deckenlampen.
Da lernten wir mit Setzkasten und Schiefertafel schreiben, tunkten später die abgeleckte Feder am Halter ins Tintenfass, blamierten uns vorne an der Tafel beim Bruchrechnen und wurden – hatten wir etwas zuhause vergessen  – mit dem Rohrstock bestraft. Wir fassten die Schulhefte und -bücher mit Packpapier ein, tranken Pausenmilch und bekamen den ersten Füller mit 12. Im Zeichenunterricht durften wir manchmal eine Schulfunksendung hören aus dem riesigen Radioapparat mit den zwei grossen Drehknöpfen links und rechts und den elfenbeinfarbenen Drucktasten dazwischen
Trotz einfachster, ja: karger Lernumgebung: Es war gemütlich in unserer Schulstube (wohl deshalb hiess sie so), und wir lernten gerne, auch wenn unsere Klasse 54 Schülerinnen und Schüler zählte, was sehr oft Langeweile bedeutete und Warten darauf, dass auch der Letzte endlich fertig würde. Herr Basler lutschte Bonbons der Marke Haschi, korrigierte mit roter Tinte und schickte jedesmal, wenn er zum Fenster hinaus Frau Läubli oder Frau Widmer schwere Einkaufstaschen nach Hause schleppen sah, jemanden, der bereits fertig war, tragen helfen.

Solche Bilder stiegen in mir auf, als ich heute Morgen die neuesten Internet-Trends von 2012 zur Kenntnis nahm.
Und plötzlich ahne ich, warum es vielen Lehrpersonen so schwer fällt, das sogenannte Lernen 2.0 zu etablieren, sprich: Traditionellen Frontalunterricht aufzulösen in ein modernes didaktisches Design und die Schulstube umzubauen in ein Lernlabor mit Lerninseln, Smartboard, Beamer und Internet, darin sich Tablet bewehrte Schülerinnen und Schüler bewegen. Wer sich durch diese Trends blättert, merkt rasch: Die Zeichen stehen auf schneller, besser, smarter. Die Kurven zeigen aufwärts. Das Eins-nach-dem-Andern wird zum Multitasking. Papier verschwindet, eReader halten Einzug.  Ringordner und Hefte haben ausgedient, Ordner in einer Cloud übenehmen das Aufbewahren. Die Hände halten kaum noch Bleistifte, sondern schreiben auf Tastaturen. Exkursionen finden im Internet statt, die Rundgänge sind virtuell, Klavier spielt man auf der App.
Keine Rohrstöcke mehr. Frau Läubli und Frau Widmer kaufen schon lange im Onlineshop ein. Das Schulzimmer ist geheizt. (Falls das überhaupt noch eine Rolle spielt – die Onlinekurse gibts auch zuhause.)

Kann es in einem technologisch hoch (aus)gerüsteten Schulzimmer noch „gemütlich“ sein? Lässt das feingetunte didaktische Design von heute Langeweile noch zu? Von welcher Qualität ist das Warten im modernen Unterricht?
„Gemütlich“ kommt bekanntlich von „Gemüt“. Wie liegt das im Trend?



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