27.06.2012

Wendezeit?

Erinnern Sie sich noch?
Vor genau 30 Jahren hat der österreichische Physiker Fritjof Capra seinen fulminanten Text Wendezeit. Bausteine für ein neues Weltbild publiziert. "Weiterleben kann die Menschheit nur, wenn sie von Grund auf anders denken lernt. An die Stelle von quantitativem Messen muss qualitatives Werten treten - eine ganzheitliche, ökologische Anschauungsweise, die unser bankrottes mechanistisches Weltbild ablöst." (Aus dem Klappentext)
Drei Jahre früher hatten Jochen und Monika Grell die Unterrichtsrezepte vorgelegt, die ausgehen von der Frage: "Was sollten Lehrer lernen, damit sie mit ihrer Instruktionsfunktion einigermassen klarkommen?" - Ein Buch, das zu einer kleinen Bibel geworden ist für LehramtskandidatInnen: gescheit, witzig, frech und kompetent. Neu im Ton, kundig in der Sache, hilfreich insgesamt.


Noch gab es die moderne Hirnforschung nicht. 


Erst rund 25 Jahre später läutete Manfred Spitzer mit seinem Buch Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens die Wendezeit in der Bildungsarbeit (Didaktik) ein. "Stoff kann man nicht vermitteln! Ebenso wenig wie Hunger. Hunger produziert sich jeder selbst, und Lernen produziert sich auch jeder selbst."
Seither ist erst recht alles im Fluss; eine der aktuellsten Publikationen, welche die Richtung der "Wendebemühungen" im Bildungsbereich aufzeigt, ist EduAction - Wir machen Schule. Eine Art Werkstattbericht über eine Berliner Schule, die die Zeichen der Zeit nicht nur erkannt, sondern auch umgesetzt hat. "Schüler und Lehrer werden im System zu Erfüllern von Stoff und Leistung, und das im Gleichschritt, bezogen auf fremdbestimmte, vorwiegend kognitive Erwartungen, die in standardisierten Prüfungen und Tests sortiert werden. Das widerspricht ... dem humanistischen Menschenbild, das widerspricht einer Pädagogik vom Kinde aus, das widerspricht den neuen Erkenntnissen der Hirnforschung über Lernen, das fördert nicht die Metakompetenzen, die für die Herausforderungen der Zukunft so grundlegend wichtig sind [nämlich "Visionsbewusstheit, Vorstellungskraft, vernetztes Denken, Innovationsgeist, Handlungsmut, Autonomie, Selbstdenken, Urteilskraft, Persönlichkeitsstärke"; T. B.].


Heute habe ich mit einer Kollegin (Gymnasiallehrerin) telefoniert. Sie hat eine Stunde lang die Zumutungen beschrieben, welchen sie in der täglichen Bildungsarbeit ausgesetzt ist. Es braucht tatsächlich Mut, den unkoordiniert ablaufenden Renovationsbemühungen am BildungsKonzeptHaus - diesen Zumutungen - standzuhalten! Immer vielfältigere Aufgaben für die Lehrpersonen bei gleichzeitig abnehmender Wertschätzung durch die Schulleitung, zunehmende Standardisierungsbestrebungen bei gleichzeitiger Kürzung der Stundendotation, Teaching to the Test statt Bildungsarbeit, so in etwa ihr Fazit.


Ein Zeichen, dass der "Wendeprozess" läuft? Oder eher ein Hinweis darauf, dass von den Behörden her versucht wird zu renovieren, statt umzudenken und neu zu bauen, den "geistigen Klimawandel" (Marianne Obermüller) zu vollziehen? 


Wohin die Reise wohl geht? Ob Capra zufrieden wäre?

15.06.2012

Vom Wie und vom Was


Wenn ich die Zeichen (sprich: Spuren in den Medien) richtig deute, beschäftigt sich heutige Didaktik weit mehr mit dem Wie als mit dem Was. Geschrieben wird intensiv über die veränderten Lehr- und Lernmethoden (Stichwort Lernen 2.0), gefordert wird ein individualisierender Lernbetrieb, der die Segnungen modernster Technik – sprich Smartphone und Tablet – selbstverständlich integriert, natürlich mit den entsprechenden Konsequenzen für die Unterrichtsmaterialien.
Nachgedacht wird weit weniger intensiv, wie mir scheint, über das Was, d.h. die Frage der Unterrichtsinhalte. Zwar ist  in der Schweiz der Lehrplan 21 am Entstehen, aber er erscheint sozusagen lautlos.
Wenn man sich bei Jeremy Rifkin umschaut, insbesondere in seinem neuesten Buch Die dritte industrielle Revolution. Die Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter, wird einem noch deutlicher bewusst, wie wichtig die Vorbereitung junger Menschen auf die so genannte Welt von morgen ist. Rifkin plädiert für neue Bildungsinhalte, insbesondere für die Sensibilisierung des homo sapiens für die Biosphäre, für ein „Biosphärenbewusstsein“ also, welches aus dem solcherart erzogenen und unterrichteten jungen Menschen einen „homo empathicus“ macht. Mithilfe kollaborativen, „lateralen“ Lernens soll „das Selbst der Schüler durch den Kontakt mit den vielen ökologischen Gemeinschaften erweitert“ werden (Stichworte: Lernen durch Landschaften, Lernumgebung Biosphäre). Gleichzeitig warnt Rifkin vor einem Übermass an elektronischen Medien im Unterricht: „Die Natur besteht nicht aus Pixeln.“ 
Erinnern wir uns noch kurz an Heidegger:
„In allen Bereichen des Daseins, wird der Mensch immer enger umstellt von den Kräften der technischen Apparaturen und der Automaten. Die Mächte, die den Menschen überall und stündlich in irgendeiner Gestalt … beanspruchen, fesseln, fortziehen und bedrängen – diese Mächte sind längst über den Willen und die Entscheidungsfähigkeit des Menschen hinausgewachsen, …“ Umso wichtiger ist es, so Heidegger, gegenüber diesem „rechnenden“ Denken das „besinnliche“ Nachdenken ins Spiel zu bringen. (Die Zitate stammen aus dem Text Gelassenheit von 1955) 
Die Konsequenzen aus Rifkin und Heidegger für die Neugestaltung der Lehrpläne für das 21. Jahrhundert liegen zwar auf der Hand – ob sie jedoch als relevant erkannt werden, darf (noch) bezweifelt werden.

06.06.2012

Rousseau reloaded - Lernen 2.0?

J.J. Rousseau würde heuer seinen 300. Geburtstag feiern, wenn er es denn könnte. Feiern wir an seiner Stelle! Denn es gibt m. E. wenig Texte, die derart klug, stilistisch mit feinster Ziselierung arbeitend, zum Denken herausgefordert haben, wie die seinen, und es nach wie vor tun. Rousseaus Philosophie (die beiden Diskurse), sein poltisches Reformwerk (Contrat social) und sein Erziehungsroman (Emile) laden gleichermassen ein zum Nachdenken wie seine autobiografischen Werke (Confessions, Rêveries e.a.). 
Ja: Rousseau ist unerhört aktuell geblieben.
Das Kulturradio DRS2 widmet ihm diverse Sendungen, das Schweizer Fernsehen offeriert Sternstunden und mehr.


Wie beginnt die pädagogische Schrift Emile? Mit dieser wuchtigen Behauptung:
"Tout est bien, sortant des mains de l'auteur des choses: tout dégénère entre les mains de l'homme." 
Die zentrale Frage, die Rousseau in diesem Werk zu beantworten sucht, lautet dementsprechend: Wie kann man in einer solcherart degenerierten Welt ein Kind so erziehen, dass es gut herauskommt?
Vielleicht stellt sich diese Frage uns Heutigen nicht mehr ganz in der Brisanz von 1762, als Grundfrage dessen, was man Erziehung nennt, bleibt sie jedoch bestehen. Und wer Rousseaus Antwort kennen will, sollte beide Werke, die 1762 publiziert wurden, lesen: den Emile und den Contrat social - sie bedingen einander und ergänzen sich.
Interessant im Kontext der aktuellen pädagogisch-didaktischen Diskussionen um das Lernen 2.0 ist Rousseaus Experimentierfeld, welches er seinem Zögling eröffnet: eine "wohlgeordnete Freiheit". Alles darin ist geregelt, das Wo, das Was, das Wann; alle Aktivitäten Emiles stehen unter genauester Beobachtung. Nur die Art und Weise, wie der junge Mensch seine Erfahrungen macht, ist ihm überlassen.
Das gleicht fatal gestrigem und vielerorts auch heutigem Erziehungs- und Schulbetrieb, scheint mir. Zwar erweist sich Rousseau buchstäblich als Lernbegleiter und verschafft seinem Zögling die Möglichkeit von Erfolgserlebnissen. Aber er orientiert sich an einem Menschenbild; er weiss, wie sein Emile herauskommen sollte aus der "Erziehungsmaschine".
Hat sich daran etwas geändert? 
Die im Gegensatz zu Rousseau stark medial vermittelte Lebens-, Lern- und Bildungswelt von 2012, lässt sie den Kindern mehr Raum als den einer "wohlgeordneten Freiheit"? Können Erziehende und Lehrpersonen ohne ein Menschenbild auskommen, auf welches hin sie - bewusst oder unbewusst - die Kinder formen? Ermöglicht das Lernen 2.0 das "Lernen in Freiheit" (Carl R. Rogers)?