13.01.2013

Die 10 Gebote für Lehrpersonen: Betrand Russell und Fischli/Weiss


In der Regel durchlaufen künftige Lehrpersonen eine Ausbildung, die sie fachlich und didaktisch vorbereitet auf das Bildungsgeschäft: die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, deren Ziel es hauptsächlich ist, die jungen Menschen „fit“ zu machen für den Lebens- und Berufsalltag.
Welches die Inhalte dieser Arbeit sind, wird meistens festgehalten in Lehrplänen und Bildungszielen (hier ein Beispiel), mit denen die künftigen Lehrpersonen während ihrer pädagogischen Ausbildung vertraut gemacht werden. Mit welchen Methoden man die vorgeschriebenen Inhalte erarbeiten kann, lehrt sie die Didaktik.
Im Augenblick findet eine Art didaktischer Revolution statt. Das sogenannte Lernen 1.0 wird nach und nach abgelöst durch das Lernen 2.0: Frontales Unterrichten wird also zu einem guten Teil ersetzt durch offenere Lehr- und Lernformen (Stichwort SOL, selbst organisiertes Lernen). Diesen Wandel ausgelöst haben hauptsächlich neuere Erkenntnisse der Hirnforschung (siehe zB. Manfred Spitzers Lernen von 2002), die in der Quintessenz sagen: „Stoff kann man nicht unterrichten“ (Spitzer), man kann ihn sich nur individuell erarbeiten – etwa so, dass man schwimmen nur lernt, indem man es tut. Unterstützt wird dieser Wandel durch die neuen Medien, welche die Wissenswelt per Internet und Computer jederzeit verfügbar machen, so dass man die Lerninhalte angeleitet und begleitet von der Lehrperson individuell und/oder in Gruppen, auch klassen-, schulhaus- und sogar länderübergreifend, erarbeiten kann.
Auch für diesen tief greifenden Wandel müss(t)en künftige Lehrpersonen entsprechend vorbereitet werden. Bereits amtierende Lehrkräfte müssen ihn didaktisch elegant auffangen und in ihren Unterrichtsszenarien umsetzen.

Damit ist es jedoch noch nicht getan.

Ein kleiner Text, der mir heute zufällig auf den Bildschirm geraten ist, erinnert daran, dass es in diesem Beruf (erst recht in diesem Beruf!) auch um menschliche Haltungen und um die Bilder geht, die die Lehrpersonen sich von ihren Schülerinnen und Schülern machen.
Der Text stammt aus einem Zeitungsartikel, den Bertrand Russell am 16. Dezember 1951 verfasst hat. Dort hält er gegen Ende fest:
Perhaps the essence of the Liberal outlook could be summed up in a new decalogue, not intended to replace the old one but only to supplement it. The Ten Commandments that, as a teacher, I should wish to promulgate, might be set forth as follows:

  1. Do not feel absolutely certain of anything.
  2. Do not think it worth while to proceed by concealing evidence, for the evidence is sure to come to light.
  3. Never try to discourage thinking for you are sure to succeed.
  4. When you meet with opposition, even if it should be from your husband or your children, endeavor to overcome it by argument and not by authority, for a victory dependent upon authority is unreal and illusory.
  5. Have no respect for the authority of others, for there are always contrary authorities to be found.
  6. Do not use power to suppress opinions you think pernicious, for if you do the opinions will suppress you.
  7. Do not fear to be eccentric in opinion, for every opinion now accepted was once eccentric.
  8. Find more pleasure in intelligent dissent than in passive agreement, for, if you value intelligence as you should, the former implies a deeper agreement than the latter.
  9. Be scrupulously truthful, even if the truth is inconvenient, for it is more inconvenient when you try to conceal it.
  10. Do not feel envious of the happiness of those who live in a fool’s paradise, for only a fool will think that it is happiness.
Man kann diesen Text jetzt auf seine Aktualität hin prüfen; haben alle Gebote ihre Gültigkeit behalten? 
Man kann ihn als Einladung zur (professionellen) Selbstreflexion verstehen: Welche Haltung vertrete ich? Welche Punkte erachte ich als bedeutsam für mich? Rangliste?
Man kann ihn aber auch neben den Text des Künstlerduos Fischli/Weiss von 1991 stellen: How to work better und sich fragen, ob dieser auch als Dekalog für Lehrpersonen passen könnte.


Fazit:
Sachliche und didaktische Ausbildung ergibt noch nicht automatisch eine gute Lehrperson; enorm wichtig scheint mir auch die Entwicklung resp. Stimulierung der (nicht nur berufsbezogenen) Selbstreflexivität zu sein:
Wer bin ich, wenn ich in der Rolle als Lehrperson auftrete?
Welche Haltungen und Werte vertrete und verkörpere ich?
Zum Beispiel.
Ob Selbstreflexion, Rollenverständnis und Menschenbild wohl auch Themen in der Ausbildung sind?

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