15.01.2013

Monsieur Lazhar oder: Was macht einen Lehrer aus?


Dieser Film aus Kanada, 2011 gedreht, Gewinner des Publikumspreises des Filmfestivals Locarno 2011, 2012 für einen Oscar nominiert, hat von sich reden gemacht. Man lobte ihn richtigerweise als "leise", "berührend", "zu Herzen gehend", als "ein Drama mit einem warmen, optimistischen Grundton". Zugrunde liegt ihm ein Einpersonenstück der Autorin Evelyne de la Chenelière.
Da es im Stück wie im Film um einen Lehrer geht (er wird von Bashir Lazhar zu Monsieur Lazhar), habe ich den Film natürlich mit besonderem Interesse geschaut, durch die Brille des Pädagogen gleichsam. Unerhört, was ich da gesehen habe!

Aber zuerst die Geschichte in kurzen Zügen: In einer Grundschule in Montreal erhängt sich eine junge Lehrerin während einer Pause im Klassenzimmer. Kurz darauf stellt sich Bachir Lazhar, ein algerischer Immigrant, bei der Schuldirektorin vor und bewirbt sich um die freie Stelle. Ohne seine Angaben genau zu überprüfen, stellt sie ihn ein. Niemand weiß, dass auch er selbst einen schweren Schicksalsschlag erlitten hat. Seine Frau und seine Töchter sind in Algerien bei einem Anschlag ums Leben gekommen. Ihm droht sogar die Abschiebung, da die zuständigen Behörden bezweifeln, dass er in Algerien tatsächlich in Gefahr wäre.
Zu Anfang kommt es im Unterricht aufgrund der kulturellen Unterschiede zu einigen Reibungspunkten zwischen Bachir und seiner Klasse. Doch nach und nach kann er das Vertrauen der Schülerinnen und Schüler gewinnen. Gegen die Anweisung der Schulleitung, die eigens für dieses Thema eine Psychologin beschäftigt, lässt er die Kinder im Unterricht auch über den Suizid der Lehrerin sprechen. Insbesondere für die beiden Kinder, welche die tote Lehrerin gesehen haben, erweist sich Bachirs offener, aber auch bestimmter Umgang mit dem Thema als heilsam. Als schliesslich aufgedeckt wird, dass er noch niemals Lehrer gewesen ist, muss er sich von der Klasse verabschieden.

Unerhört, was ich da  – die Brille des Pädagogen auf der Nase  gesehen habe, schrieb ich. In der Tat: Da unterrichtet einer, der noch nie Lehrer gewesen ist, erstens, zweitens macht er das Bisschen didaktischen Fortschritts, das in dieser Grundschule eingekehrt war, zunichte, indem er seine Klasse die im Halbrund angeordneten Tische wieder in frontale Reihen zurück stellen lässt, und drittens scheut er sich nicht, von seinen ihm anvertrauten Kindern ebenso zu lernen wie von den Unterrichtsmethoden seiner Kolleginnen.

Unerhörtes im positiven Sinn also habe ich gesehen, denn der Film macht klar:
bewegter und bewegender Unterricht hängt nicht von einer ordentlichen pädagogischen Ausbildung der Lehrperson ab.
Frontalunterricht oder nicht? ist nicht die wesentliche Frage.
"Unterrichten beginnt nicht mit Reden. Unterrichten beginnt mit Zuhören." (Urs Ruf/Peter Gallin)

Ein Monsieur Lazhar ist, der makellosen Administration sei Dank, hierzulande undenkbar. Schade, eigentlich.



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