28.02.2013

Die Weltformel für Lernen und Bildung ist gefunden!

Der indische Bildungsforscher Sugata Mitra, TED Prize-Winner 2013, berühmt geworden mit seinem Projekt "Loch in der Wand" (Hole in the Wall), zeigt in 20 Minuten auf witzig-berührende Art auf, wie man das Lernen von Kindern anregen und lebendig halten kann. Man geniesse das im Febraur 2013 gemachte TED-Video!
Die Weltformel für Lernen und Bildung scheint gefunden. The School in the Cloud. So einfach ist das. Und so schwierig.
Mitra hat wohl auch deshalb eine kleine Anleitung zusammengestellt, wie man's machen kann. Also: Mut ab - und los gehts!





24.02.2013

Weit haben wir's gebracht....


....., und noch weiter sollen es die Kinder von heute bringen.
Via Martin Hofmann (@Martin67) bin ich aufmerksam geworden auf ein eBook mit dem Titel 100 Dinge, die ein Vorschulkind können sollte.

Wenn ich die Beschreibung des Inhalts anschaue, wird mir leicht unbehaglich:
"Das Buch für alle Eltern, die ihr Kind rechtzeitig fit machen wollen für einen optimalen Schulstart. Dieser GU-Ratgeber beschreibt zunächst im Zeitraffer die wichtigsten Meilensteine der Entwicklung vom Kleinkind bis zum Schulkind. Anschließend zeigt das Buch 100 Kompetenzen aus dem körperlichen, seelischen und sozialen Bereich auf, die entscheidend sind für einen problemlosen Schulstart und einen optimalen Schulerfolg. So lernen Sie, die Fähigkeiten Ihres Kindes besser einzuschätzen – und vor allem, es gezielt dort zu fördern, wo noch Bedarf besteht."

Und wenn ich mir vorstelle, dass das Buch gekauft/gedownloadet und dann systematisch durchgearbeitet wird, verdichtet sich mein Unbehagen: ein Kind "rechtzeitig fit machen für einen optimalen Schulstart".... wie das wohl geht? Und was, wenn es nur 97 oder gar nur 73 dieser "100 Dinge" kann?
Wer jedoch versucht, das Buch zu downloaden, wird entweder auf eine kostenpflichtige Premiumsite geleitet oder bekommt Sexseiten auf den Screen geknallt. Ein Zeichen, dass Vorsicht mehr als geboten ist.... In jeder Beziehung. Gut so!

15.02.2013

Effizient arbeiten in einer digitalisierten Welt: Wie geht das?

Philippe Wampfler sagt in einem sehr hilfreichen Blogposting kristallklar, kurz und knapp, wie er das macht - und hinkriegt. Einfach gut in diesen schwierigen Zeiten, wo uns Ratgeber zu allem und jedem auf die richtigen Wege führen (müssen?). In den Kommentaren zu seinem Post finden sich noch zwei weitere Beiträge zu dieser Frage. Einer in Form eines Mindmaps, der andere verweist auf einen Artikel von Rolf Dobelli (ja, genau dem), der "gesunde Nachrichtendiät" propagiert.

Der Beitrag Wampflers steht in einem relativ weiten Kontext. Eckpunkte zB. Miriam Meckel, Elsabeth Stern, Verena Steiner. Das intellektuelle Arbeiten (Denken, Lernen, Forschen) in Hinsicht auf Effizienz zu lernen, scheint einem Bedürfnis zu entsprechen: Hier muss ein Berg an Wissen für eine Prüfung "verinnerlicht" werden, dort will die Informationsflut gefiltert, geordnet, bewältigt werden, da wiederum verlangt ein intellektueller Output saubere Recherche; glücklich, wer für solches Arbeiten jemanden fragen kann, wie's geht, oder sogar angeleitet wird!

Ich erinnere mich noch gut, wie ich als Student mithilfe des Büchleins Rationeller Lernen lernen von Regula Schräder-Näf während der Schlussprüfungen unterwegs war. Um dann als Gymnasiallehrer mit Klassenlehrerfunktion der edlen Aufgabe nachkommen zu dürfen, die mir speziell  anvertraute Klasse in speziellen Stunden mit "Arbeitstechnik" zu beglücken. Diese Aufgabe zog sich über Jahrzehnte hin. Die Lehrmittel änderten sich zwar (eines darunter trägt einen besonders Mut machenden Titel: Lernen ist lernbar... - wirklich?), eine Sache jedoch blieb bis ins 21. Jahrhundert hinein gleich: Die Schülerinnen und Schüler nahmen die Instruktionen zwar freundlich zur Kenntnis, arbeiteten jedoch weiterhin so, wie sie es schon immer getan hatten: Ihrer Lernbiografie gemäss. Das hiess in den allermeisten Fällen: irgendwie, chaotisch, kreativ. Planlos. Die Pointe: Alle schafften sie die Maturprüfung.
In Zeiten selbst organisierten Lernens brauchen junge Menschen vielleicht öfter einen Philippe Wampfler als papierene Lehrmittel wie die oben zitierten oder Lektionen in "Arbeitstechnik": einen Lehrer also, der seine Rolle als Lernbegleiter vermutlich ideal verkörpert und auf Wunsch seine Arbeitsmaximen sichtbar macht. Wie zB. in seinem heutigen Blogeintrag, den ich nur empfehlen kann!

Ein kleines PS noch: George Steiner, Der Meister und seine Schüler, inspiriert das Nachdenken zur Frage: Wie lernen? zusätzlich.

11.02.2013

Ein Krisenbewusstsein entwickeln?

Mit dem Fortschritt der Zivilisation geht Zivilsationskritik  Hand in Hand. Natürlich. Hoffentlich! Eine wesentliche Facette heutiger zivilisatorischer Entwicklung wird mit dem Etikett Digitalisierung bezeichnet. Stichworte dazu sind beispielsweise Virtualität, instrumentelle Vernunft, Social Networking, Web 2.0. Von Anbeginn weg wurden auch diese mit dem Computer verbundenen Entwicklungen kritisch beobachtet; erinnert sei nur an die Schriften von Joseph Weizenbaum. In den letzten Jahren mehren sich die warnenden Stimmen; auch hier mögen drei prominente Namen als Beispiele genügen: Sherry Turkle, Paul Virilio, Miriam Meckel. Insbesondere Virilio ist nicht nur ein hellsichtiger Kritiker der Digitalisierung, sondern als Kulturphilosoph ein grosser Skeptiker der Modernität schlechthin.
In einem neu herausgekommenen Sammelband trägt Otto Peters die Gesichtspunkte von 21 solcher Kritiker derDigitalisierung zusammen. Ein sehr nützliches Unterfangen, kann man sich doch auf einfache Weise jetzt ins Bild setzen über das vielfältige und tief reichende Argumentarium der wichtigsten  "Warner, Bedenkenträger, Angstmacher, Apokalyptiker", wie es im Untertitel heisst. Jede/r Kritiker/in wird in ähnlich strukturierten Kapiteln  vorgestellt: Biografischer Hintergrund - Grundzüge der Kritik - Rezeption - Kommentar. Otto Peters, der selber aus einem digitalisierten Arbeitsfeld kommt - der Fernuniversität Hagen, deren Gründungsrektor er war -, hat diese Zusammenstellung aus folgendem Grund verfasst: "Dieses Buch will weder vor der Digitalisierung warnen noch ihre grosse Bedeutung schmälern. Allerdings möchte es jetzt, wo die Stimmen der Kritik zahlreicher und lauter werden, für eine differenzierende Betrachtung dieser neuen Technologie werben.".
Man liest mit Gewinn, denn die solid recherchierte Arbeit ermöglicht es, vertiefter Einblick zu bekommen in das kulturkritische Denken der vorgestellten Autorinnen und Autoren - von Don Tapscott über Nicholas Carr zu Frank Schirrmacher -, so dass diese nicht mehr länger nur mit einem Schlagwort verbunden bleiben müssen, auf das sie oft reduziert werden - wie Paul Virilio auf den rasenden Stillstand. Ob wir allerdings "ein Krisenbewusstsein" erst entwickeln müssen, wie Peters auf der letzten Seite empfiehlt, denke ich nicht - denn wer, wenn nicht mit (zivilisations)kritischen Impulsen ausgestattete Leser/-innen wie wir, griffe überhaupt zu diesem Buch?

10.02.2013

Leiden ohne Schmerz

Das Vorspiel zu schrecklichen Ereignissen kann lächerlich sein, aber auch beiläufig und unauffällig. Es lohnt sich, das zu erkennen, denn es zeigt den Ursprung vieler schrecklicher Ereignisse an: einen Zentimeter vom Alltag entfernt.“

Richard Fords neuer Roman Kanada schildert solch ein Vorspiel und die darauf folgenden schrecklichen Ereignisse im Leben eines 15-jährigen Amerikaners, Dell Parsons, und seiner Zwillingsschwester Berner. Die Eltern der beiden Kinder überfallen 1960 auf stümperhafte Weise eine Bank, weil sie luscher Geschäfte des Vaters wegen in Geldnot geraten sind. Kaum nach Great Falls, Montana heimgekehrt, werden sie verhaftet und ins Gefängnis gesteckt; bevor das Sozialamt die Kinder in Obhut nehmen kann, geht Berner davon, „hinaus aus meinem Leben, dorthin, wo immer ihres sie nun hinführen würde.“ Und Dell, der Ich-Erzähler, wird von einer Freundin seiner Mutter über die nahe Grenze nach Kanada gebracht, wo er im Hotel ihres Bruders in Fort Royal die nächsten Wochen verbringt mit Putzen, Koffertragen und Vorbereitungen der Gänsejagd, bevor ein weiteres „schreckliches Ereignis“ sein Leben ein zweites Mal in eine andere Richtung zwingt.

Wir treffen Dell rund 50 Jahre später wieder, als bald pensionierten Highschool-Lehrer für Literatur in Windsor, Ontario. Sein Credo als Lehrer ist das folgende:
„Ich versuche, die Entwicklung eines 'Lebenskonzepts' in meinen Schülern zu ermutigen; ... damit sie ihr Dasein auf diesem Planeten nicht nur als einen Katalog willkürlicher Ereignisse betrachten, die sich endlos abspulen, sondern als ein Leben – zugleich abstrakt und endlich. Eine Art von Achtsamkeit. (...) Mein zentrales Bild ist immer 'eine Grenze überschreiten'; Anpassung, eine Lebensweise, die nicht funktioniert, in eine überführen, die es tut. Es kann auch darum gehen, eine andere Form von Grenze zu überschreiten und nicht mehr zurückkehren zu können.
Auf dem Weg dahin erzähle ich ihnen ... einige Lehren, die mein langes Leben geprägt haben: dass ... sie nicht zu verbissen nach verborgenen oder widersprüchlichen Bedeutungen schürfen sollen – auch nicht in den Büchern, die sie lesen -, sondern so oft wie möglich geradeaus auf die Dinge schauen, die sie am helllichten Tag erkennen können. Wenn man sich selbst stets bewusst macht, was man sieht, bleibt man auch im Grossen und Ganzen nachvollziehbar und lernt schliesslich, die Welt zu akzeptieren.“
Was Dell Parsons seinen Literaturklassen erzählt und mit seiner eigenen Biografie illustriert, lesen wir als grossartigen Entwicklungsroman, als Bericht einer eigentlichen Lebensschule. Kurz gesagt ist es die Erzählung „eines Jungen, der die Schule liebte“, einige Zeit von ihrem Besuch abgehalten wird und dann Lehrer wird. Auf seine Bildungsreise durch das Leben hat er einzig die Schachfiguren, das Schachgrundlagen-Buch und ein zusammenrollbares Schachbrett aus Stoff, die beiden Bände des Buchs der Welt und den geschenkten Band Die kanadische Nation aufbauen mitnehmen können; der Koffer wäre sonst zu schwer geworden.

Die Geschichte, die Dell aus der Rückschau erzählt, ist sehr bewegend – und sie bietet, aus der pädagogisch-didaktischem Perspektive gelesen, wertvolle Anregungen für das Nachdenken über den Bildungsprozess, den junge Menschen durchlaufen. Und sie darf durchaus auch als Beweis dafür gelten, dass junge Menschen trotz widrigster Lebensumstände imstande sind, sich selber die Kompetenzen anzueignen in der Lebensschule, derer sie bedürfen, um dieses ihr Leben zu bestehen:
„Ich weiss nur, dass man bessere Chancen im Leben hat ..., wenn man gut mit Verlusten umgehen kann; wenn man es schafft, darüber nicht zum Zyniker zu werden; wenn man Prioritäten setzen kann, Proportionen einhalten, ungleiche Dinge zu einem Ganzen verbinden, in dem das Gute geborgen ist, auch wenn es, zugegeben, nicht immer leicht zu finden ist. Wir versuchen es. Wir alle. Wir versuchen es.“

Sie lädt aber auch Lehrpersonen und Eltern ein zu überlegen, welches Credo sie haben als Pädagogen und Erzieher, von welchen Überzeugungen und Glaubenssätzen sie sich leiten lassen im Umgang mit jungen Menschen.
Richard Ford, Kanada: Kaufen! Lesen! Darüber reden – warum nicht auch im Unterricht! 

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