11.02.2013

Ein Krisenbewusstsein entwickeln?

Mit dem Fortschritt der Zivilisation geht Zivilsationskritik  Hand in Hand. Natürlich. Hoffentlich! Eine wesentliche Facette heutiger zivilisatorischer Entwicklung wird mit dem Etikett Digitalisierung bezeichnet. Stichworte dazu sind beispielsweise Virtualität, instrumentelle Vernunft, Social Networking, Web 2.0. Von Anbeginn weg wurden auch diese mit dem Computer verbundenen Entwicklungen kritisch beobachtet; erinnert sei nur an die Schriften von Joseph Weizenbaum. In den letzten Jahren mehren sich die warnenden Stimmen; auch hier mögen drei prominente Namen als Beispiele genügen: Sherry Turkle, Paul Virilio, Miriam Meckel. Insbesondere Virilio ist nicht nur ein hellsichtiger Kritiker der Digitalisierung, sondern als Kulturphilosoph ein grosser Skeptiker der Modernität schlechthin.
In einem neu herausgekommenen Sammelband trägt Otto Peters die Gesichtspunkte von 21 solcher Kritiker derDigitalisierung zusammen. Ein sehr nützliches Unterfangen, kann man sich doch auf einfache Weise jetzt ins Bild setzen über das vielfältige und tief reichende Argumentarium der wichtigsten  "Warner, Bedenkenträger, Angstmacher, Apokalyptiker", wie es im Untertitel heisst. Jede/r Kritiker/in wird in ähnlich strukturierten Kapiteln  vorgestellt: Biografischer Hintergrund - Grundzüge der Kritik - Rezeption - Kommentar. Otto Peters, der selber aus einem digitalisierten Arbeitsfeld kommt - der Fernuniversität Hagen, deren Gründungsrektor er war -, hat diese Zusammenstellung aus folgendem Grund verfasst: "Dieses Buch will weder vor der Digitalisierung warnen noch ihre grosse Bedeutung schmälern. Allerdings möchte es jetzt, wo die Stimmen der Kritik zahlreicher und lauter werden, für eine differenzierende Betrachtung dieser neuen Technologie werben.".
Man liest mit Gewinn, denn die solid recherchierte Arbeit ermöglicht es, vertiefter Einblick zu bekommen in das kulturkritische Denken der vorgestellten Autorinnen und Autoren - von Don Tapscott über Nicholas Carr zu Frank Schirrmacher -, so dass diese nicht mehr länger nur mit einem Schlagwort verbunden bleiben müssen, auf das sie oft reduziert werden - wie Paul Virilio auf den rasenden Stillstand. Ob wir allerdings "ein Krisenbewusstsein" erst entwickeln müssen, wie Peters auf der letzten Seite empfiehlt, denke ich nicht - denn wer, wenn nicht mit (zivilisations)kritischen Impulsen ausgestattete Leser/-innen wie wir, griffe überhaupt zu diesem Buch?

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