10.02.2013

Leiden ohne Schmerz

Das Vorspiel zu schrecklichen Ereignissen kann lächerlich sein, aber auch beiläufig und unauffällig. Es lohnt sich, das zu erkennen, denn es zeigt den Ursprung vieler schrecklicher Ereignisse an: einen Zentimeter vom Alltag entfernt.“

Richard Fords neuer Roman Kanada schildert solch ein Vorspiel und die darauf folgenden schrecklichen Ereignisse im Leben eines 15-jährigen Amerikaners, Dell Parsons, und seiner Zwillingsschwester Berner. Die Eltern der beiden Kinder überfallen 1960 auf stümperhafte Weise eine Bank, weil sie luscher Geschäfte des Vaters wegen in Geldnot geraten sind. Kaum nach Great Falls, Montana heimgekehrt, werden sie verhaftet und ins Gefängnis gesteckt; bevor das Sozialamt die Kinder in Obhut nehmen kann, geht Berner davon, „hinaus aus meinem Leben, dorthin, wo immer ihres sie nun hinführen würde.“ Und Dell, der Ich-Erzähler, wird von einer Freundin seiner Mutter über die nahe Grenze nach Kanada gebracht, wo er im Hotel ihres Bruders in Fort Royal die nächsten Wochen verbringt mit Putzen, Koffertragen und Vorbereitungen der Gänsejagd, bevor ein weiteres „schreckliches Ereignis“ sein Leben ein zweites Mal in eine andere Richtung zwingt.

Wir treffen Dell rund 50 Jahre später wieder, als bald pensionierten Highschool-Lehrer für Literatur in Windsor, Ontario. Sein Credo als Lehrer ist das folgende:
„Ich versuche, die Entwicklung eines 'Lebenskonzepts' in meinen Schülern zu ermutigen; ... damit sie ihr Dasein auf diesem Planeten nicht nur als einen Katalog willkürlicher Ereignisse betrachten, die sich endlos abspulen, sondern als ein Leben – zugleich abstrakt und endlich. Eine Art von Achtsamkeit. (...) Mein zentrales Bild ist immer 'eine Grenze überschreiten'; Anpassung, eine Lebensweise, die nicht funktioniert, in eine überführen, die es tut. Es kann auch darum gehen, eine andere Form von Grenze zu überschreiten und nicht mehr zurückkehren zu können.
Auf dem Weg dahin erzähle ich ihnen ... einige Lehren, die mein langes Leben geprägt haben: dass ... sie nicht zu verbissen nach verborgenen oder widersprüchlichen Bedeutungen schürfen sollen – auch nicht in den Büchern, die sie lesen -, sondern so oft wie möglich geradeaus auf die Dinge schauen, die sie am helllichten Tag erkennen können. Wenn man sich selbst stets bewusst macht, was man sieht, bleibt man auch im Grossen und Ganzen nachvollziehbar und lernt schliesslich, die Welt zu akzeptieren.“
Was Dell Parsons seinen Literaturklassen erzählt und mit seiner eigenen Biografie illustriert, lesen wir als grossartigen Entwicklungsroman, als Bericht einer eigentlichen Lebensschule. Kurz gesagt ist es die Erzählung „eines Jungen, der die Schule liebte“, einige Zeit von ihrem Besuch abgehalten wird und dann Lehrer wird. Auf seine Bildungsreise durch das Leben hat er einzig die Schachfiguren, das Schachgrundlagen-Buch und ein zusammenrollbares Schachbrett aus Stoff, die beiden Bände des Buchs der Welt und den geschenkten Band Die kanadische Nation aufbauen mitnehmen können; der Koffer wäre sonst zu schwer geworden.

Die Geschichte, die Dell aus der Rückschau erzählt, ist sehr bewegend – und sie bietet, aus der pädagogisch-didaktischem Perspektive gelesen, wertvolle Anregungen für das Nachdenken über den Bildungsprozess, den junge Menschen durchlaufen. Und sie darf durchaus auch als Beweis dafür gelten, dass junge Menschen trotz widrigster Lebensumstände imstande sind, sich selber die Kompetenzen anzueignen in der Lebensschule, derer sie bedürfen, um dieses ihr Leben zu bestehen:
„Ich weiss nur, dass man bessere Chancen im Leben hat ..., wenn man gut mit Verlusten umgehen kann; wenn man es schafft, darüber nicht zum Zyniker zu werden; wenn man Prioritäten setzen kann, Proportionen einhalten, ungleiche Dinge zu einem Ganzen verbinden, in dem das Gute geborgen ist, auch wenn es, zugegeben, nicht immer leicht zu finden ist. Wir versuchen es. Wir alle. Wir versuchen es.“

Sie lädt aber auch Lehrpersonen und Eltern ein zu überlegen, welches Credo sie haben als Pädagogen und Erzieher, von welchen Überzeugungen und Glaubenssätzen sie sich leiten lassen im Umgang mit jungen Menschen.
Richard Ford, Kanada: Kaufen! Lesen! Darüber reden – warum nicht auch im Unterricht! 

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