24.04.2013

Anna, die Schule und der liebe Gott - Teil 1

R. D. Prechts neues Buch (er stellt es selber in 2' Video vor) ist vor zwei Tagen erschienen - also stehe ich mit Lesen erst auf S. 103, was einem knappen Drittel des gesamten Textes entspricht.
Ich versuche vorurteilslos zu lesen, bin aber natürlich Partei - als ehemaliger Gymnasial- und Hochschullehrer.

Vorerst ein paar Zitate.

Aus dem einleitenden Kapitel Anna und die Schule:
"Unser Schulsystem, nicht nur in der westlichen Welt, sondern in vielen OECD-Staaten, fördert weder Intelligenz noch Kreativität. Als "Kompetenzen" definiert, durch Lehrpläne festgelegt, in "Fächern" parzelliert, in Fünfundvierzig-Minuten-Häppchen portioniert, in Klausuren und Test abgefragt und durch Zensuren bewertet, steht von vornherein fest, was exakt ein Schüler tun und was dabei als Ergebnis herauskommen soll." (9)
"Die heutige Aufgabe der Schule müsste dagegen sein, Kinder auf ein erfülltes Sozial- und Berufsleben in einer zukünftigen Gesellschaft vorzubereiten, sie zur aktiven Lebensgestaltung zu befähigen und zu ermutigen. Dafür müssen sie nicht nur lernen zu lernen ..., sondern die Schule muss alles dafür tun, dass Kinder und Heranwachsende in ihrem Leben auch dauerhaft lernen wollen." (19)
Aus dem Kapitel Was ist Bildung?
"[Humboldt] hält unbeirrbar an der Vorstellung einer 'allgemeinen Menschenbildung' fest, die nicht einen bestimmten Beruf zum Ziel hat, sondern 'die Ermöglichung eines weiterführenden Lernens'. Neben der Vermittlung von Wissen geht es in der Schule vor allem darum, das Lernen zu lernen." (35)
Aus dem Kapitel Klassenkampf in der Schule:
"Die Hauptschule dient heute als Auffangbecken und Verwahrungsort für die rund 950'000 Schüler, die durch den Rost der Bildungsselektion gefallen sind. ... Nur 15% aller deutschen Kinder besuchen eine Hauptschule. (...) Dass 'jeglicher Berufsausbildung eine allgemeine Menschenbildung vorangehen' soll, wie Humboldt es sich wünschte, klingt in Bezug auf die deutsche Hauptschulrealität wie blanker Hohn." (58f.)
Hauptschulen sind keine Schulen im Sinne von Schulen mehr, sondern Verwahrungsanstalten, in denen die Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern bildungsfern bleiben." (60f.)
"Man muss keine Studien aus dem Keller holen, um zu belegen, wie skandalös eng schulische Leistungen und soziale Herkunft in Deutschland zusammenhängen." (78)
Aus dem Kapitel PISA, G8 und andere Dummheiten:
"Schon der Gedanke, dass Wissen und Erkenntnis zu erlangen, einer zusätzlichen äusseren Belohnung in Form eines Lobes, einer Note, eines Zertifikats, einer Karriere oder eines hohen Gehalts bedarf, widerspricht unserer Natur." (81)
"Mehr als Mut und Innovation, Kreativität und Originalität belohnt das System Anpassung, Spezialisierung, Unauffälligkeit und ungeheuren Fleiss." (83f.)
"Kann man Schulleistungen messen? Und wenn ja, kann man sie so messen, dass man sie über alle sozialen, politischen und psychologischen Begleitumstände hinweg sinnvoll vergleichen kann? Und wenn ja, weiss man, welche optimierten Schulleistungen einer Volkswirtschaft künftig nützen werden und welche nicht? (...) Und gibt es überhaupt einen direkten Zusammenhang zwischen standardisierten schulischen Testergebnissen und dem Wohlstand und Wohlbefinden einer Nation?" (89)
"Unter dem Diktat der Messbarkeit löst sich die ganzheitliche Bildung der Persönlichkeit auf in einen Fächer erlernter und beherrschter Kompetenzen. (...) Musische und gesellschaftswissenschaftliche Fächer werden dadurch ebenso marginalisiert wie Herzensbildung, Lebensklugheit, Selbstbewusstsein, Persönlichkeit, Selbstkritik usw." (94f.)
Precht schreibt unter anderem aus folgendem Grund:
"Die Arbeit des Philosophen ist ein Zusammentragen von Erinnerungen zu einem bestimmten Zweck, nämlich der übersichtlichen Darstellung." (Wittgenstein)
Für mich als Leser ist es, wie ich merke, sehr nützlich, im ersten Teil unter dem Titel Die Bildungskatastrophe eine Art Anamnese des Zustandes des deutschen Bildungssystems vorgesetzt zu bekommen, umso mehr, als ich in einem anderen System - dem schweizerischen, und da dem aargauischen - gross geworden und tätig gewesen bin. Vieles von dem, was Precht im ersten Drittel seines Buches ausbreitet, kommt mir sehr bekannt vor resp. kenne ich aus eigener Erfahrung. Die Bologna-Reform, die PISA-Problematik, Effizienz und Kompetenz statt Bildung und Wissen, der Zusammenhang zw. schulischer Leistung und sozialer Herkunft - all das hat auch mich immer schon umgetrieben. Natürlich. Und: Natürlich ist sehr vieles, was Precht in seiner kritischen Bestandesaufnahme vorlegt, sattsam bekannt. 
Gerade deshalb spitzt sich die Frage zu: Wenn man das alles doch so gut weiss und untersucht hat (Precht erinnert zB. an Georg Pichts Buch von 1964: Die deutsche Bildungskatastrophe, auch an den Soziologen Ralf Dahrendorf und andere): Weshalb hat sich nichts Grundlegendes geändert? Precht gibt überzeugende Gründe dafür an und macht dadurch erst recht deutlich, dass es wahrscheinlich ein Buch wie dieses braucht. Und sei es nur - vielleicht im Sinne des obigen Zitats von Wittgenstein -, um uns in Erinnerung zu rufen, was im Bildungsbereich und darüber hinaus Sache ist:
Was ist, ist nicht das, was sein sollte (und wohl auch sein könnte). Banal, aber wahr. Trotzdem schrauben wir weiterhin am Alten herum, renovieren - 

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