26.04.2013

Anna, die Schule und der liebe Gott - Teil 4


Nachdem die Zielrichtung für die Bildung im 21. Jahrhundert abgesteckt ist, kommt Precht jetzt zum zentralen Begriff der ganzen Thematik Bildung: dem Lernen. Über die Stationen Biologie des LernensGehirn und EntwicklungMein Wollen & ich kommt er zu dem, was heutige Schulen wohl am wenigsten anzubieten scheinen: dem gehirngerechten Lernen.

Wer noch nicht vertraut ist mit den Basics zur Biologie des Lernens, dem Lernen des Gehirns und der Bedeutung der Motivation, wird in flüssiger, relativ einfacher Sprache gut ins Bild gesetzt. (Das ist wichtig festzustellen, denn im Einleitungskapitel sagt der Autor ja klar, für wen er das Buch geschrieben hat: für Lehrer, für Schüler, für Eltern und „nicht zuletzt für Bildungspolitiker.“ Sprache und Inhalte müssen also entsprechend passen.) Wer die einschlägige Fachliteratur bereits kennt, wird feststellen, dass Precht auch hier „sauber“ darstellt und die Fakten nicht verzerrt. Denn der Kernpunkt ist und bleibt meiner Einschätzung nach richtig:
„Vieles, was in unseren Schulen Usus ist, widerspricht elementar unserer Erkenntnis über die Gehirne Heranwachsender.“ (206)
Zu diskutieren geben dürften höchstens die Gründe, welche Precht dafür anführt, „warum so viele Schüler ... so demotiviert, lustlos und abgelenkt wirken“: „Reizüberflutung“ und die mangelnde Passung von schulischem Lernen und den Erkenntnissen der Hirnforschung.

Wenn es richtig ist, dass das Ziel von Erziehung und Bildung darin besteht, „Kinder zu mündigen und selbstbestimmten Menschen zu machen“ (216) und es auch zutrifft, dass „wir so viel über das menschliche Lernen wissen, dass es überfällig ist, all dies auch in unseren Schulen umzusetzen“ (215), dann hat Precht – und mit ihm all die anderen Kritiker heutiger Bildungssysteme, auch diejenigen, welche keine Bücher schreiben, recht, wenn er eine Bildungsrevolution fordert. Denn das ganze Bildungsdings scheint effektiv falsch aufgegleist und nicht auf die Erfordernisse der Zeit zugeschnitten zu sein; Zukunftsfähigkeit kann mit Bildungssystemen, wie wir sie haben, kaum „hergestellt“ werden. Zuviel Elementares wird in der Tat noch missachtet. Zum Beispiel, dass „Lernen etwas Individuelles ist.“ (222)
„Man kann Lehrpläne standardisieren, aber man kann Lernen nicht standardisieren.“ (Salman Khan)
Beispiele, dass das individuelle Lernen auch von sogenanntem Schulstoff funktioniert, gibt Precht, indem er drei bekannte Konzepte ausführlicher darstellt: das Mastery Learning, die Khan Academy und das berührende Experiment von Sugata Mitra, The Hole-in-the-Wall. Ein erstes Mal richtig revolutionär wird er aber mit folgender Aussage: 
„Man sollte es einmal ganz klar und offen aussprechen und sich nicht weiter etwas vormachen: Mathematik gehört nicht ins Klassenzimmer! Jedenfalls dann nicht, wenn wir von dem ausgehen, was wir kennen: einer Gruppe Gleichaltriger in einer Jahrgangsklasse.“ (240)
Das dürfte ein erstes Mal richtig zu reden geben.

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