25.04.2013

Anna, die Schule und der liebe Gott - Teil 3


Welchen Beruf werden unsere Kinder in zehn oder zwanzig Jahren ausüben? Was werden sie dafür können müssen? Welchen Stellenwert wird dieser Beruf in ihrem Leben haben? Wie viel Lebenszeit werden sie mit Arbeit verbringen und wie viel mit Freizeit? Und wie werden sie sich in einer Welt zurechtfinden, die um vieles anders sein wird als die unsere?“ (165)
Mit diesen Fragen steigt Precht ins erste Kapitel Bildung im 21. Jahrhundert des zweiten grossen Teils seines Buches ein, der überschrieben ist mit Die Bildungsrevolution.
Wie Prechts Anamnese ergeben hat (und er befindet sich dabei längst nicht alleine auf weiter Flur), leidet das deutsche Bildungssystem – so die Diagnose - an multiplen Krankheiten. Der zweite Teil wird folglich „Perspektiven für ein anderes Schulsystem aufzeigen“, also eine Therapie vorschlagen.

Im ersten Kapitel tastet sich der Autor an die Zielrichtung dieser Bildungsrevolution heran; den Erkenntnissen der Bestandesaufnahme folgend und ausgehend vom Generalbefund, dass „es so nicht weitergehen kann“, bedeutet das zum Beispiel:
Demnach wäre Bildung heute nicht mehr das Konzept, einen jeden Gymnasiasten in die Lage zu versetzen, aufgrund eines bewältigten Fachwissens alles studieren zu können. Es wäre vor allem dies: sich in der Welt und mit sich selber zurechtzufinden.“ (174) - „Orientierungswissen – die wahre Bildung des 21. Jahrhunderts.“ (180)
Interessant, dass sich Precht dabei auch auf die aktuelle Nummer 1 der Bildungskritiker Deutschlands beruft, den aus meiner Wahrnehmung am höchsten gehandelten Kongressredner der Nation: Gunter Dueck. Und natürlich hat er recht damit, wie ich finde, denn Dueck weist schon seit Jahren darauf hin, dass „es so nicht mehr geht“, dass es ganz andere Kompetenzen resp. Schlüsselqualifikationen braucht, um „zukunftsfähig“ zu werden, als die vom bisherigen Schulsystem angepeilten (sie finden sich im Buch auf S. 172):
"Ein neues Bildungssystem muss sich der Bildung ,,runder“ Persönlichkeiten widmen. Die gute frühkindliche Erziehung muss daher viel ernster genommen werden, weil in der frühen Zeit die Charakterbildung stattfindet. Kindergärten müssen zu blühenden Stätten des Werdens werden. Schulen müssen die neuen Internettechnologien nutzen, um ihre klassische Aufgabe der Faktenvermittlung so sehr viel effektiver zu gestalten, dass viel Zeit bleibt, die Persönlichkeit zu entwickeln. Arbeitgeber dürfen nicht mehr einfach die Übernahme fertiger Persönlichkeiten aus dem Bildungssystem erwarten, sie müssen sich immer stärker daran beteiligen, Mitarbeiter auf höhere Professionalitätsstandards zu entwickeln.Das alles geschieht derzeit nicht." (Dueck in einem im Oktober 2011 publizierten Artikel)
Am Beispiel von Wikipedia und Beyond Budgeting zeigt Precht, „welche neuen Formen des Umgangs mit Information die Wissensgesellschaft hervorbringt und welche Anforderungen sie dabei stellt.“ Eines der Kennzeichen der heutigen Wissensgesellschaft ist es, „dass sie das Lernen aus seinen institutionellen Verankerungen weitgehend befreit“ und es von der Anbindung an Schulsysteme löst. Stichworte: MOOCs, Online-Akademien, virtueller Hörsaal.

Fazit für mich: Auch dieses Kapitel ist sauber recherchiert. „unverdächtig“ und fernab einer „Pseudophilosophie“. Für mich ist das Buch (bis jetzt!) kein „sinnloses Ärgernis“, wie Peter Praschl seinen Artikel in der Welt betitelt – umso weniger, als Precht Fragen, die Praschl dort stellt, im Buch beantwortet. Zum Beispiel all diese: Warum ist dieser Patient, der erstens an sich selbst leidet, unter dem zweitens so viele leiden, die mit ihm in Berührung kommen, der drittens weiß, was ihm fehlt, und sich viertens schon lange nicht mehr in seiner eigenen Haut wohlfühlt, so uneinsichtig? Warum macht die Schule einfach weiter? Warum lässt sie sich alle möglichen Ausflüchte einfallen, die sie Schülern nie durchgehen lassen würde?"

Kommentare:

Philippe Wampfler hat gesagt…

Danke für deine Zusammenfassung - ich habe sie mit Gewinn gelesen.
Ich denke, im Schlussabschnitt personalisiert Precht »die Schule« zu stark. Sie besteht ja aus einzelnen Akteueren, die im System Schule Interessen haben und ganz unterschiedliche Perspektiven. Sowohl in der Wahrnehmung wie auch in den Absichten widersprechen sich Lehrpersonen, Schulleitungen und die Bildungspolitik sogar jeweils intern, aber auch innerhalb der verschiedenen Ebenen. Ich denke generell nicht, dass klar ist, wo das Problem liegt und wie es behoben werden kann; gerade weil viele Bestandteile des Systems einander beeinflussen: Ausbildung der Lehrpersonen, Image des Berufs, Rolle der Schülerin und des Schülers, Bedeutung des Lernens, Berufsausbildung und und.

Theo Byland hat gesagt…

Schön, dass du kommentieren magst!
Besonders wertvoll finde ich deine Aussage, wonach "nicht klar ist, wo das Problem liegt und wie es behoben werden kann..." Denn ich merke, dass genau das es ist, welches bei mir nach der Precht-Lektüre diesen diffusen Eindruck hinterlassen hat. Ich habe immer gewartet darauf, dass "er" endlich kommt: der genuine Einfall Prechts. Aber er kann - vermutlich aus genau dem Grund, den du anführst - gar nicht kommen.

peter praschl hat gesagt…

Ich habe doch den Herrn Precht weder kritisiert noch gar verrissen, sondern seinem Buch bloß attestiert, dass es nichts nützen wird. Was nicht gegen das Buch spricht, sondern gegen (suchen Sie sich etwas aus): das System, die Bildungspolitik, die Bereitschaft der Gesellschaft, für Schulen zu sorgen, die Kinder und Jugendliche ertragen könnten usw. Wollte ich nur durchgesagt haben.

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