22.04.2013

R. D. Precht und "die radikal andere Schule"

Achivbild ZEIT
Er ist wieder da. Richard David Precht.
Sein neues Buch erscheint heute.
In Interviews äussert er sich dazu: In der ZEIT. Im Tages-Anzeiger. Die 10 Prinzipien, die er in seinem Buch vorstellt, finden sich ebenfalls online.
Der erste Verriss ist auch bereits erschienen.

(Auch) Richard David Precht fordert also eine andere Schule, und zwar eine radikal andere. Zwar basieren seine Überlegungen auf Daten und Informationen aus dem Bildungsraum Deutschlands; er misst sozusagen dem deutschen Bildungssystem den Puls, stellt eine Diagnose und schlägt eine Therapie vor. Aber - zumindest den Interviews nach zu schliessen - seine Befunde lassen sich auch allgemeiner lesen. Denn es geht, wie eigentlich immer, wenn sich jemand zum Thema "Schule" äussert, ums Lernen.
Nach den Hirnforschern (Roth, Spitzer, Hüther) jetzt der Philosoph R. D. Precht.

Ich gestehe es offen: Ich habe das Buch von Manfred Spitzer Lernen von 2003 gerne gelesen, habe ihm und M. Hüther an verschiedenen Anlässen gerne zugehört, wenn sie sich über die Misere des deutschen Bildungssystems ausgelassen haben, denn manche ihrer Befunde habe ich zutreffend gefunden.
Neuestens aber scheinen die beiden Genannten intellektuell fast schon Amok zu laufen; ihre Bedenken hinsichtlich des Einsatzes neuer Medien in den Schulen klingen für mich grösstenteils nur noch grotesk.
Auch R. D. Precht habe ich gerne zugehört, seine Bücher ziemlich gerne gelesen - ob auch er sich in der Heftigkeit und der Stossrichtung seiner Argumentation derjenigen der Spitzers annähert? Ich bin gespannt.

Was ich mich dennoch frage: Wann waren die genannten Herren wohl das letzte Mal in real existierenden Schulen mit real existierenden Lehrpersonen und haben - nicht nur ein Häppchen, sondern zB. eine Woche am Stück - wirklichen Unterricht mitverfolgt (besser noch: an ihm teilgenommen)? Denn wenn ich sehe (und lese), wie Menschen wie zB. Philippe Wampfler, Lisa Roth, Corinna Lammert "von innen" her Unterricht (und damit wohl auch Schule) reformieren, wie die Gemeinschaftsschule Berlin-Zentrum das geschafft (und im Buch EduAction vorgestellt) hat, wie Kolleginnen und Kollegen aus meinem nahen Umfeld das "Umdenken" üben und Neues umzusetzen versuchen, die "radikal andere Schule" also bereits im Blick und "in Arbeit" haben, stimmt mich das zuversichtlich.

Schauen wir uns die zehn Prinzipien, die Precht auflistet, an:
1. Kinder wollen lernen
2. Jedes Kind ist anders
3. Vergesst die Fächer
4. Bildet Lernteams
5. Vertieft Beziehungen
6. Fördert Werte
7. Verschönert die Lernorte
8. Trainiert die Konzentration
9. Schafft die Noten ab
10. Lasst ganztägig lernen
Was daran soll so radikal anders (und neu) sein? An Schweizer Schulen sind die meisten dieser Grundsätze - zumindest theoretisch - längst erfüllt; wobei Punkt 9) vermutlich ein ewiges Thema bleiben wird. Punkt 10) nimmt sich Finnland zum Vorbild und ist durchaus bedenkenswert. Wie überhaupt das ganze Abenteuer, über Schule und Unterricht, Bildung und Gesellschaft sowie ihre wechselseitigen Abhängigkeiten vertiefter nachzudenken. Es darf dabei durchaus auch etwas heftig(er) zu und her gehen.
Trotzdem: Die 10 Punkte sind meines Erachtens Selbstverständlichkeiten:
  1. Was denn sonst?
  2. Natürlich!
  3. Die Welt ist fächerübergreifend!
  4. Lernen ist immer auch sozial.
  5. Ohne emotionale Bindung läuft nichts.
  6. Neutralen wertelosen Unterricht wird es kaum geben.
  7. Unbedingt! Zurück zu den "Schulstuben"! Baut Häuser des Lernens und Lebens!
  8. Einverstanden - nur: Bitte nicht die Pads etc verbieten!
  9. Beurteilungen bleiben Beurteilungen - die Frage ist nur, ob sie Selektionsfunktion haben müssen.
  10. "Das Gehirn lernt immer!" (Spitzer)
Ein Blick 400 Jahre zurück lohnt. Da verfasste Comenius um 1630 eine "Grosse Ddaktik", welcher Folgendes voran steht:
"Erstes und letztes Ziel unserer Didaktik soll es sein, die Unterrichtsweise aufzuspüren und zu erkunden, bei welcher die Lehrer weniger zu lehren brauchen, die Schüler dennoch mehr lernen; in den Schulen weniger Lärm, Überdruss und unnütze Mühe herrsche, dafür mehr Freiheit, Vergnügen und wahrhafter Fortschritt; ..."
Prechts Buch scheint also nur eine weitere Variation zu einem alten Thema zu sein. Ich mache mich jetzt aber ans Lesen.

"Große Veränderungen werden nicht durch ewig gesuchte Mittelwege und jahrelang abgewogene Gedanken erreicht. Wer das glaubt, möchte im Grunde, dass die Schule bleibt, was sie ist: ein Relikt des 19. Jahrhunderts. Ohne Leidenschaft, Emotion und mitunter auch ohne die eine oder andere Zuspitzung wird es nicht gehen, wenn es tatsächlich zu strukturellen Veränderungen kommen soll." (R.D.Precht in der ZEIT vom 11.4.2013)

PS: Vor einem knappen Jahr habe ich im Blog bereits über solche "Wendezeit?" geschrieben.

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