04.06.2013

Das Neue, das Blinkende

..., dass Social Media die Gefahr einer permanenten und umfassenden Störung der Unterrichtstätigkeit mit sich bringen. Sie lenken die Aufmerksamkeit stets auf das Neue, das Blinkende, das Markierte, und verleiten so zum Surfen, dem Überfliegen von Inhalten – aber nicht unbedingt zur Konzentration und Vertiefung. Sie verändern auch unser Zusammenleben und gefährden für erfolgreiche Bildung wichtige Beziehungen wie die zwischen Lehrperson und Schülerin oder Schüler.“ (Philippe Wampfler in der Einleitung seines Buchs Facebook, Blogs und Wikis in der Schule. Ein Social-Media-Leitfaden, 2013)
Schulen, Universitäten und weitere Bildungseinrichtungen wünschen sich wohl nach wie vor konzentrierte Studierende, die auch interessiert wären an der Vertiefung von Unterrichtsgegenständen.

Die moderne Zeit jedoch reisst mit sich fort; „die Verdichtung von Ereignissen, Informationen und Bildern macht es unmöglich, zu verweilen. Die rasende Schnittfolge lässt kein kontemplatives Verweilen zu“, schreibt der Philosoph Byung-Chul Han in seinem Buch Duft der Zeit. Ein philosophischer Essay zur Kunst des Verweilens, 2009. Die Gefährdung der Beziehung zwischen Studierenden und Lehrpersonen liest sich bei Han verallgemeinert so: „Heute zerfallen zunehmend jene sozialen Strukturen, die Kontinuität und Dauer stiften. ... An Bedeutung verlieren soziale Praktiken wie Versprechen, Treue oder Verbindlichkeit...“

Konzentration also wäre erwünscht im Lebens- und Bildungsgeschehen, ebenso der Wille zu Vertiefung und Verbindlichkeit. Man sieht Sokrates auf dem Weg mit seinem Schüler, und man erfährt bei Han (im Büchlein Müdigkeitsgesellschaft, 2010), dass wir
die kulturellen Leistungen der Menschheit einer tiefen, kontemplativen Aufmerksamkeit verdanken. Die Kultur setzt eine Umwelt voraus, in der eine tiefe Aufmerksamkeit möglich ist. Diese tiefe Aufmerksamkeit wird zunehmend von einer ganz anderen Form der Aufmerksamkeit, der Hyperaufmerksamkeit, verdrängt. Ein rascher Fokuswechsel zwischen verschiedenen Aufgaben, Informationsquellen und Prozessen kennzeichnet diese zerstreute Aufmerksamkeit.“
Und schon sind wir bei Pascal (17. Jh.) und seiner berühmten Pensée 139, in welcher steht:
..., j'ai découvert que tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne savoir pas demeurer en repos, dans une chambre. (...) Ainsi s'écoule toute la vie. On cherche le repos en combattant quelques obstacles; et si on les a surmontés, le repos devient insupportable; car, ou l'on pense aux misères qu'on a, ou à celles qui nous menacent. Et quand on se verrait même assez à l'abri de toutes parts, l'ennui, de son autorité privée, ne laisserait pas de sortir du fond du coeur, où il a des racines naturelles, et de remplir l'esprit de son venin.“
Menschen streben zwar nach Ruhe, nach Stille, nach einfachem Da-Sein – sie halten es dann aber nicht aus, weil sie, solcherart zur Ruhe gekommen, ihre Hinfälligkeit und Sterblichkeit entdecken.

Muss man folglich als vorläufiges Fazit annehmen, dass sowohl Vertiefung und Konzentration einerseits wie Zerstreuung und Ablenkung andererseits bedrohlich sein können? Für das Leben ebenso wie für Bildungsprozesse?

Wie kann ich, wie will ich dasein in meinem Dasein? Lasse ich mich mitreissen von der Zeit – bis zum Hingerissensein? Oder halte ichs mit Faust und wünsche mir den Augenblick herbei, der verweile – selbst auf die Gefahr hin, zugrunde zu gehen?

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