30.06.2013

Die Sache mit der Transparenz

Am 24. Februar 1776 will Jean-Jacques Rousseau das Manuskript seiner Dialoge Rousseau juge de Jean Jacques auf dem grossen Altar der Notre-Dame in Paris niederlegen – aber er findet den Chor geschlossen vor. Was ihn zuerst bis ins Mark trifft, bezeichnet er später als „bienfait du ciel.“
Mit diesen zwischen 1772 und 1776 verfassten drei Dialogen verfolgt Rousseau eine ähnliche Absicht wie mit den 1765-1770 entstandenen Confessions, seiner Autobiografie, die mit folgenden Sätzen beginnt:
Je forme une entreprise qui n'eut jamais d'exemple, et dont l'exécution n'aura point d'imitateur. Je veux montrer à mes semblables un homme dans toute la vérité de la nature ; et cet homme, ce sera moi.
Moi seul. Je sens mon coeur, et je connais les hommes. Je ne suis fait comme aucun de ceux que j'ai vus ; j'ose croire n'être fait comme aucun de ceux qui existent. Si je ne vaux pas mieux, au moins je suis autre. Si la nature a bien ou mal fait de briser le moule dans lequel elle m'a jeté, c'est ce dont on ne peut juger qu'après m'avoir lu.
Que la trompette du jugement dernier sonne quand elle voudra, je viendrai, ce livre à la main, me présenter devant le souverain juge. Je dirai hautement : Voilà ce que j'ai fait, ce que j'ai pensé, ce que je fus. J'ai dit le bien et le mal avec la même franchise. Je n'ai rien tu de mauvais, rien ajouté de bon ; et s'il m'est arrivé d'employer quelque ornement indifférent, ce n'a jamais été que pour remplir un vide occasionné par mon défaut de mémoire. J'ai pu supposer vrai ce que je savais avoir pu l'être, jamais ce que je savais être faux.“Moi seul. Je sens mon coeur, et je connais les hommes. Je ne suis fait comme aucun de ceux que j'ai vus ; j'ose croire n'être fait comme aucun de ceux qui existent. Si je ne vaux pas mieux, au moins je suis autre. Si la nature a bien ou mal fait de briser le moule dans lequel elle m'a jeté, c'est ce dont on ne peut juger qu'après m'avoir lu.Que la trompette du jugement dernier sonne quand elle voudra, je viendrai, ce livre à la main, me présenter devant le souverain juge. Je dirai hautement : Voilà ce que j'ai fait, ce que j'ai pensé, ce que je fus. J'ai dit le bien et le mal avec la même franchise. Je n'ai rien tu de mauvais, rien ajouté de bon ; et s'il m'est arrivé d'employer quelque ornement indifférent, ce n'a jamais été que pour remplir un vide occasionné par mon défaut de mémoire. J'ai pu supposer vrai ce que je savais avoir pu l'être, jamais ce que je savais être faux.“

Rousseau, der sich schon von Kind an ungerecht behandelt fühlt, der schon früh begriffen hat, dass das, was Menschen zeigen, sagen und tun nicht immer das ist, was sie auch wirklich sind, will aller Welt vor Augen führen, wer er war, wer er ist.
Warum?

Die Transparenz des Herzens ist ihm deshalb innerstes Anliegen, weil er sich von all denen unterscheiden will, die nur so tun, als ob. Umso mehr, als der schöne Schein für ihn gleichbedeutend ist mit dem Üblen, dem Schlechten, der Verderbtheit. Das Paradies definiert sich für ihn durch vollkommenes gegenseitiges Verstehen, durch wechselseitige Transparenz; dieses Paradies ist verloren, denn die Menschen sind falsch, die Unschuld des Herzens ist nur noch Rousseau eigen, er allein ist aufrichtig.
Und das sollen alle sehen. Und sich ein Beispiel nehmen an ihm, denn: Eine Ahnung von dem, was der Mensch ursprünglich einmal war, ist uns geblieben; zwar ist der Weg dahin - „le retour à la nature“ - verbaut, aber die Erinnerung daran kann trotzdem heilsam sein. Wohl deshalb – auch deshalb – führt uns JJR in seinen Schriften vor, wie es zur moralischen Verworfenheit des Menschen gekommen ist, und macht sich gleichzeitig zum Vorbild für das „kristallene Herz“.

Heute steht der Begriff der Transparenz in einem anderen Kontext. Der Mensch ist gläsern geworden, weil sein Leben Big Data generiert, die von Google & Cie. gespeichert, von Geheimdiensten aufgesaugt eine ins Unendliche der Zeit führende Datenspur hinterlässt.
Diese Situation wird verschieden beurteilt.

Der Philosoph Byung-Chul Han nimmt in seiner kleinen Schrift Transparenzgesellschaft von 2012 Rousseaus Überlegungen auf. Er ortet in unserer (westlichen?) Gesellschaft einen Hang, ja: einen „Zwang, alles der Kommunikation und Sichtbarkeit auszuliefern“; er schreibt von einer „Tyrannei der Sichtbarkeit“ und einem „Imperativ der Transparenz“. Die Folgen sind klar: „Eine Gesellschaft des Geständnisses, der Entblössung und der pornografischen Distanzlosigkeit – eine Hölle des Gleichen.“
Transparenz ist ein Zustand, in dem jedes Nicht-Wissen eliminiert ist. Wo Transparenz herrscht, ist kein Raum für das Vertrauen vorhanden. (...) Die Transparenzgesellschaft ist eine Gesellschaft des Misstrauens und des Verdachts, die aufgrund des schwindenden Vertrauens auf Kontrolle setzt. (...) Heute entwickelt sich der ganze Globus zu einem Panoptikum. ... Heute vollzieht sich die Überwachung nicht, wie man gewöhnlich annimmt, als Angriff auf die Freiheit. Man liefert sich vielmehr freiwillig dem panoptischen Blick aus. ... Der Insasse des digitalen Panoptikums ist Opfer und Täter zugleich. Darin besteht die Dialektik der Freiheit. Die Freiheit erweist sich als Kontrolle.“

Ein am 28. Juni 2013 im Tages-Anzeiger Zürich publiziertes Interview gibt diesem bei Han erwähnten Aspekt noch einen weiteren Dreh. Der Vorspann dazu:
Die emeritierte Harvard-Professorin Shoshana Zuboff glaubt, dass umfassende Überwachung die Welt nicht sicherer macht. Im Whistleblower Edward Snowden sieht sie ein Vorbild für uns alle. Eine Galionsfigur für die neue Kultur der Transparenz.“

Mit dieser Kultur der Transparenz meint Zuboff die Aufdeckung der Praktiken von Internetkonzernen und Geheimdiensten:
Es ist unsere grösste Aufgabe im 21. Jahrhundert, eine neue Kultur der Transparenz zu erfinden und den gesetzlichen Schutz des Individuums auszuweiten und zu stärken.“

Transparenz also, das Phänomen der Stunde. Von den einen beklagt, von den anderen gefordert. Aus Rousseaus „kristallenem Herz“ wird Big Data; aus dem Menschen aus Fleisch und Blut ein in jeder Beziehung vermessener Mensch, d.h. eine Datenspur. Der Unterschied zu Rousseau liegt allerdings darin, dass er sich selber zeigen wollte in allem, was er war, einerseits – der Altar der Notre-Dame sich ihm jedoch verwehrte andererseits. Wir Heutigen wissen weder, was von alledem, was wir auf den Altar der Öffentlichkeit legen, ein Publikum findet, noch was damit allenfalls geschieht, noch wer dieses Publikum ist, und schon gar nicht, ob nicht noch ganz anderes "Privates" ohne unser Wissen auf diesem Altar liegt. Dass wir aber Publikum haben, das wissen wir mit Sicherheit.
Immerhin.

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