12.07.2013

Das optimierte Kind

T.L.Foujita; (C) ProLitteris Zürich
Seit Jahrtausenden plagen sich Menschen beiden Geschlechts mit der Frage, welches denn die richtige Erziehung sei. Von Platon über Humboldt und Rousseau bis hin zu Maria Montessori und Richard David Precht (*) versuchten immer auch mehr oder weniger eminente Philosophen und Pädagoginnen Antworten zu geben. Aber die Sache bleibt schwierig, denn die Antworten sind zeitgebunden und eng verknüpft mit gesellschaftlichem Wandel und kultureller Verschiedenheit. Vermutlich herrscht die grösste Übereinstimmung hinsichtlich der Definition; Wikipedia formuliert wie folgt:
Unter Erziehung versteht man die von Erziehungsnormen geleitete Einübung von Kindern und Jugendlichen in diejenigen körperlichen, emotionalen, charakterlichen, sozialen, intellektuellen und lebenspraktischen Kompetenzen, die in einer gegebenen Kultur bei allen Menschen vorausgesetzt werden.“
Da sind also Kinder, die loslegen, auf Entdeckungsreise gehen, die Welt erstolpern, erfahren, begreifen wollen. Neugierig klettern sie auf Bäume, tauchen in Tümpel, wühlen im Dreck. Sie lernen Fahrrad fahren, Feuer machen, Meerschweinchen pflegen. Sie wachsen am Widerstand dessen, was da ist und an den Erfahrungen und Entdeckungen, die sie machen.
(Wenn sie denn dürfen.)
Und bei alle dem – was ihre Tage notabene mit Aktivitäten mehr als nur ausfüllt – werden sie auch noch erzogen. Die Erwachsenen rundherum ziehen an ihnen, erst recht, wenn die Bildungsmaschinerie sie geschluckt hat und sie Schülerinnen und Schüler haben werden dürfen. Sie leiten sie an, sie geben ihnen Wissensnahrung, sie führen sie langsam aber sicher aus der Unmündigkeit heraus (educáre, lat. - ernähren, säugen < e-dúcere, herausführen; verwandt mit dux – der Führer). Sie richten sie aus, häufig auf ein Glied, unterrichten sie, richten sie her. Sie machen aus ihnen ordentliche, lebenskompetente Menschen. Wer erzogen wurde – also wir alle, mit Ausnahme vielleicht des Wolfskinds, aber auch da ist man nicht ganz sicher – ist in der Regel fit für das Leben in der Gesellschaft, in der er dann als Erwachsener lebt, und kennt sich aus in der Ordnung der Welt. Da darf man dann weiter trainieren. zielorientiert und ressourcenschonend leisten, damit man später zumindest den Lebensabend geniessen kann.

Die Kinder schauen uns, die wir an ihnen ziehen, zuerst einfach nur an, denn sie können nicht verstehen, was wir da tun und wie ihnen geschieht. Sie merken aber mit der Zeit, dass es für sie günstiger ist, der Hand zu folgen, die an ihnen zieht – andernfalls beginnen die Erziehenden laut zu reden, stärker zu ziehen, sich heftig zu bewegen, oder lassen sie einfach alleine da stehen, bis die Verlassenheit und die Angst aufsteigen und sie, die Kinder, fürs Leben lernen: Wer sich nicht erziehen lassen will, kriegt Liebe entzogen. (Und was das dann bedeuten kann, haben Arno Gruen oder Alice Miller, zum Beispiel, eindrücklich aufgezeigt.)

Schlimmer noch. Die Kindheit eines Kindes soll nämlich noch qualitativ perfekt werden: das Kind soll, optimal ausgerichtet, zum frühest möglichen Zeitpunkt richtig eingespurt, einer beruflichen Traumkarriere entgegeneilen können, ausgestattet mit hilfreichen Nährstoffen, die ihm an zahlreichen erzieherischen Verpflegungsposten unterwegs verabreicht werden. Schon „der Spielplatz wird zum Assessmentcenter mit Plastikspielzeug ohne Weichmacher. Die Kleinen werden von ihren eigenen Eltern als künftige Player der globalisierten Ökonomie bewertet, es geht um Sozialkompetenz, Problemlösungskapazität, emotionale Intelligenz und allseitige Optimierung.“
Zum drohenden Liebesentzug kommen also mögliche fehlende Perspektiven hinzu.

Damit diese optimale Kindheit hergestellt werden kann, braucht es – meint zumindest Nils Minkmar in seinem fulminanten Artikel Lebensprojekt Kind. Die Überforderung der Kindheit in der FAZ – eine „drohnenhafte pädagogische Präsenz“. Und es braucht auch Lehrpläne – wie zum Beispiel den eben in die Vernehmlassung gegebenen Lehrplan 21 in der Schweiz –, die eine technokratische Idee von Bildungs- und damit von Menschenplanung haben. Man lese diesbezüglich nur den ebenso starken Artikel von Urs Hafner in der NZZ mit dem Titel Das kompetente Kind!

Nur eines fragt sich: „Befindet sich das Ziel am richtigen Ort?“, um mit einem Kollegen zu sprechen.

(*) Nachbemerkung: In der ersten Fassung stand der Name Hartmut von Hentigs ebenfalls da; ich habe ihn nach einem Hinweis von Corinna Lammert (@lammatini), wofür ich ihr grossen Dank schulde, subito entfernt: Seine Verwicklung in den Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule sind zu arg, als dass man ihn noch nennen könnte.
Von den Missbrauchsfällen habe ich gelesen, nicht aber von der Rolle Hartmut von Hentigs. Ich bitte, mir das nachzusehen.

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