17.07.2013

Didaktik - braucht's die noch?

Man erinnert sich.
1990 ist in der Schweiz ein ziemlich revolutionäres Buch erschienen, grossformatig, schwer und teuer. Zwei Gymnasiallehrer (Urs Ruf und Peter Gallin) haben darin eine neue Didaktik entworfen, das Dialogische Lernen, wie sie es nannten.
In diesem Buch standen explosive Sätze wie diese:
  • "Kompetenzen kann man nicht vermitteln, die muss jeder selbst aufbauen."
  • "Lehren beginnt nicht mit Reden, sondern mit Zuhören. Verstehendes Nachvollziehen ist die Hauptaufgabe des Lehrers, nicht korrigierendes Eingreifen."
Dieser Ansatz, Unterricht und Schule neu zu denken, war für ein Land, das berühmt ist für seine perfekt gelb ausgeschilderten Wanderwege - übrigens eine wunderbare Veranschaulichung dessen, was Didaktik ist und meint: eine präzise geplante Hinführung von Bildungswanderern zum Lektions- resp. Bildungsziel - relativ kühn. Interessanterweise hat er sich, obwohl schon sehr nahe an den modernen Konzepten von heute, nicht wirklich durchgesetzt (am ehesten noch in Süddeutschland!).
Schade eigentlich.

Denn 2003 sind die Hirnforscher auf den Plan getreten und haben das, was Ruf/Gallin vor Jahren schon festgestellt hatten, auch gesagt. Zum Beispiel Manfred Spitzer in seinem Buch Lernen, in welchem ein zentraler Satz lautet:
  • "Stoff kann man nicht vermitteln! Ebenso wenig wie Hunger. Hunger produziert sich jeder selbst, und Lernen produziert sich auch jeder selbst."
Und heute diskutierte Martin Lindner mit Anja C. Wagner im ununiTV die Frage: "Brauchen wir noch eine Didaktik?" Er findet nicht und plädiert für "Gestaltung und Design von Lernumwelt". Darin stimme ich ihm voll und ganz zu, umso mehr, als die altbekannte Didaktik effektiv eine "Verkindlichung" zur Folge hat, wie er meint. 
Genau deshalb hatten auch Ruf/Gallin vor 23 Jahren ihr neues Konzept vorgestellt.

Didaktik nimmt die Lernenden an die Hand und vermittelt den Lehrenden die Illusion, dass genau das gelernt würde, was man als lernenswert einschätzt und vorgibt. Einige sprechen dabei von Manipulation, andere setzen Konzepte dagegen - wie zB. Ruf/Gallin das Konzept des "Lernens auf eigenen Wegen". (Als ob es andere gäbe.)
Didaktik wie auch Nicht-Didaktik haben jedoch immer eines gemeinsam: das kunstvolle Balancieren im Dreieck von Vertrauen in die Lernenden (dass sie denn die Lerngelegenheiten, die man ihnen organisiert, auch nutzen) - Achtsames Bereitstellen einer tauglichen Lernumgebung (dass Lernende sich auf passenden "Abenteuerspielplätzen" bewegen können, wenn sie denn wollen) - Beachtung der Umweltvorschriften (wie Rahmenrichtlinien, Lehrplänen, Selektionskriterien etc).

Wer schon versucht hat, ein Dreieck auf der Spitze des Zeigfingers zu balancieren, weiss, dass der Schwerpunkt nicht einfach zu finden ist und das Balancieren mit zunehmendem Alterszittern schwieriger wird. Ob MOOCs, Design, Kernidee, Segmentierung: Das Rätsel, warum und wie Kinder, Jugendliche, ja: Menschen überhaupt lernen, und warum gerade das, was sie lernen, bleibt. Tröstlich nur die Aussage der Hirnforschung: "Das Gehirn lernt immer!"

Je mehr man über alles das nachdenkt, desto zauberhafter wird das Rätsel. Das Märchen der Didaktik schreibt sich fort.

Das knapp 20minütige Gespräch mit @martinlindner hier:

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