02.10.2013

Von der Ablenkung als verzettelter Aufmerksamkeit

Als wäre es gestern gewesen, sehe ich mich als Fünftklässler in der Schulbank sitzen, ganz links am Fenster, etwa in der dritten Reihe; es ist Sommer, wir sind 54 (!) Schüler im Zimmer, vorne treibt Lehrer B. mit uns Heimatkunde. Es gilt seine Tafelzeichnungen ins karierte Heft abzuzeichnen: Das Wynental, das Suhrental, das Seetal aus der geografischen Vogelperspektive, voneinander durch Hügelzüge getrennt – also zwei tannenbäumchenartige bräunlichgelbe Hügelwürmer zwischen zwei blauen Flussschlangen und zwei ellipsoiden Kringeln als Seeen.
Ich zeichne zügig, es ist ungefähr 10 Uhr 37, und schaue dann, etwa bei halbausgemaltem Hallwilersee, aus dem Fenster. Mein Blick sucht nichts und sieht nichts Bestimmtes; es ist einfach Sommer draussen, ein paar Wolken ziehen hinter der Burghalde heran, die Sonne wärmt die grossen Fenster: Badewetter. Irgendwann träume ich mich vollends fort aus der Schulstunde und in den freien Nachmittag hinein, sehe mich auf dem grünen Fahrrad in der Badeanstalt ankommen, wo meine von ferne Angebetete, Marie S., schon am gewohnten Platz auf ihrem Badetuch läge, jedoch nach wie vor keine Notiz nähme von mir, der ich mich zu den Kollegen gesellte, die weiter drüben ihre Tücher ausgebreitet hätten....

Ich lies mich immer schon gerne ablenken und habe bis heute den Eindruck, Immer-wieder-abgelenkt-Sein sei der natürliche Zustand, Konzentriert-Sein der unnatürliche und deshalb enorm energieaufwendige Modus – analog dem Verhältnis von Unordnung und Ordnung.

Heute will es der medial vermittelte Zufall, dass ich – abgelenkt von dem, was ich „eigentlich“ hätte machen wollen (wollen?) – an zwei Zeitungsartikel gerate:
  • Das Google-Glass-Paradox von Eduard Käser in der NZZ
  • Jonathan Franzen on ... His Internet Skepticism in The Atlantic

Der kurze, träfe Text von Eduard Käser, der so beginnt:
An einer Vernissage komme ich ins Gespräch mit einer Frau. Sie trägt eine schicke Brille. Dabei fällt mir auf, wie sie sich seltsam unaufmerksam benimmt, mir nicht ins Gesicht schaut, sondern den Blick hierhin und dorthin schweifen lässt, als ob sie den Raum scannen würde.“ [Sie tägt Google-Glasses! T.B.]
mündet in folgendes Fazit:
Im technisierten Alltag sind mittlerweile die Verlockungen der neuen Geräte bekannt, die uns mit Just-in-time-Informationen eindecken und uns in einen digitalen Kokon einspinnen. Umso wichtiger erschiene deshalb, dass wir uns – möglichst frühzeitig – in der alten Fähigkeit üben, mit eigenen Augen zu sehen. Das bedeutet, sich nicht zu sehr an die «Verstärkungen» des Geräts zu gewöhnen. Denn Gewohnheit macht blind: Google-blind. Technik kann auch dann problematisch werden, wenn sie zu gut funktioniert; wenn sie zu einem Teil von uns selbst wird. Dann nämlich kann sich die Google-Brille – wie einer ihrer Designer, Thad Starner, es nennt – nicht nur zu einer Killerapplikation entwickeln, sondern zu einer «Killerexistenzform».“
Jonathan Franzens einfach formulierte, aber vielschichtige Gedanken zu den Gefahren von Internet und insbesondere Social Media für die Arbeit der Schriftsteller/-innen lassen sich durch folgende Ausschnitte charakterisieren:
Particularly, as I say, for certain types of artistic production for which the electronic world is actually very harmful, to the point of being antithetical.“
If I look around at the really great writers of the recent decades in North America, I think of Alice Munro, I think of Don DeLillo, I think of Denis Johnson. These are people who are not invisible, but they have clearly set up rather strict boundaries. Alice Munro, you know, she’s got work to do. She has the work of being Alice Munro to do. Same thing for Johnson, same thing for DeLillo.“
The Internet and social media are so seductive, are so immediately gratifying in that addictive-substance way, that you can get carried away from yourself rather easily.“
We need to think critically about the consequences of our machines. We need to learn how to say no, and how to support the vital social services, like professional journalism, that we’re destroying.“
So even as I spend half my day on the Internet—doing email, buying plane tickets, ordering stuff online, looking at bird pictures, all of it—I personally need to be careful to restrict my access. I need to make sure I still have a private self. Because the private self is where my writing comes from. The more I’m pulled out of that, the more I simply become another loudspeaker for what already exists. As a writer, I’m trying to pay attention to the stuff the people aren’t paying attention to. I’m trying to monitor my own soul as carefully as I can and find ways to express what I find there.“
Beide Autoren weisen hin auf mögliche Auswirkungen digitaler Technologie auf den Menschen: auf die zwischenmenschlichen Beziehungen einerseits und auf die Beziehung zu sich selbst und zum je eigenen schöpferischen Urgrund des Seelischen, zum Ort, „wo die wilden Kerle wohnen“.
Nicht, dass die beiden jetzt unerhört Neues formulierten – mir gefällt jedoch die gewohnt träfe Lakonik des Eduard Käser, und mir gefällt auch die Art und Weise, wie der bedeutende Autor Jonathan Franzen seine Skepsis darlegt: sehr persönlich, ungekünstelt, glaubwürdig. Der Blick des Naturwissenschafters in Google-Glass-bewehrte Augen tut ebenso Not wie die Einblicke in die persönliche Auseinandersetzung eines grossen Schriftstellers mit Digitalität, die er uns gewährt.

Bleiben wir also weiterhin im besten Sinne skeptisch (leitet sich ab von skopein (σκοπειν) – schauen, beobachten bzw. von skeptesthai (σκεπτεσθαι) – schauen, spähen, betrachten)!

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