05.11.2013

Die Sache mit der Empathie

Lisa Rosa macht heute auf Twitter aufmerksam auf den Artikel Why Good Classes Fail des Kulturanthropologen Michael Wesch, der allerdings vom 16. Februar 2012 datiert. Deswegen ist er jedoch nicht weniger zutreffend. Worum geht es?
This is a quick little essay about why a teacher can employ all the “right methods” (pick your buzzword: student-centered, learning-centric, participatory, collaborative, problem-based, etc.) and embrace all the most rich, compelling, and engaging technologies, and still fail“, stellt Wesch anlässlich zahlreicher Unterrichtsbesuche fest.
Woran liegt das?
Seine Antwort leuchtet ein. Es geht Wesentlichen um zwei Phänomene: um Empathie und um Authentizität:
In short, the common thread I see throughout all the failures is quite simply a lack of empathy. There is no authentic encounter with students, or what Martin Buber called “a genuine meeting.” When we use all the right methods, and we still fail, it is most likely because we are encountering our students as objects and not as the rich and complex individuals that they are. When we do not bring our authentic selves to the classroom and open up to an authentic encounter with our students and the topic at hand we fail, regardless of the methods we choose.“
Wer also dank eines reich ausgestatteten MethodenWerkzeugKastens eine Unterrichtslektion perfekt vorzubereiten versteht (was auch immer „perfekt“ heissen mag in diesem Zusammenhang), also „alles richtig macht“, kann trotzdem nicht sicher sein, dass die Studierenden deswegen schon begeistert mitmachen und glücklich nach Hause gehen. Methodik allein reicht also nicht, selbst in Zeiten projektbasierten Lernens nicht. Es braucht mehr, nämlich Empathie und Echtheit in der Begegnung Lehrperson – Studierende/r. Carl R. Rogers hat das festgestellt, Martin Buber hat das wunderbar ausgedrückt – also nichts Neues, so gesehen.
Warum geht dennoch so manches nach wie vor schief?

Das Ganze erinnert mich an eine Aussage von Max Frisch bezüglich der Haltung vieler Schweizerinnen und Schweizer gegenüber den italienischen Gastarbeitern, die in den 60ern in die Schweiz gekommen sind: „Wir haben Arbeiter gerufen, und es sind Menschen gekommen.“ Wenn ich als Mensch, der ich bin, mein Unterrichtszimmer betrete, um in meinem Beruf zu arbeiten, verwandle ich mich in eine Lehrperson. Ich spiele also meinen Part im Schulspiel und übernehme die mir zugedachte Rolle. Als Lehrperson bitte ich nun Schülerinnen und Schüler in Zimmer, um festzustellen, dass hinter deren Rolle sich ebenfalls Menschen verbergen. [Bei Wesch liest sich das so: „ At best, I see rooms full of people dutifully playing the game of school, listening carefully, taking notes, etc. … which is okay as far as it goes, but I rarely see people getting lit up, inspired, excited, upset, or even a little uncomfortable (which would be a pretty good place to be for a breakthrough learning moment).“]

Daraus erwächst eine Grundfrage alles unterrichtliche Tun und Lassen betreffend: Ist so genannt „echte Begegnung“ („a genuine meeting“ bei Martin Buber – in Ich und Du: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Oder: „Der Mensch wird am Du zum Ich.“) im schulischen Rollenkontext überhaupt möglich?
Vergessen“ Lehrpersonen vielleicht auch deshalb, empathisch(er) zu sein?

Worin könnte Empathie denn bestehen?
  • Indem man die Studierenden einlädt zu einem von der Lehrperson vorbereiteten „Lehr-Lern-Arrangement“ und diese das Recht haben, es zu modifizieren oder gar abzulehnen?
  • Indem man die Möglichkeit bietet, am vorgesehenen Unterricht nicht teilnehmen zu müssen – dafür aber etwas anderes (auf das Fach Bezogenes) machen kann (vielleicht sogar ausserhalb des Unterrichtszimmers)?
  • Indem man Unterricht mit den Studierenden zusammen plant: inhaltlich, methodisch, zeitlich?
Auf jeden Fall haut es mich jedesmal um, wenn ich das Buch von Carl R. Rogers, Lernen in Freiheit von 1969 (!) hervornehme und wieder lese, was er vor fast 45 Jahren schon präzise beschrieben hat. Diesem Vordenker können wir modernen Unterricht- und Bildungsplanenden von heute nur respektvoll nach-denken und uns fragen, wieso „man“ erst heute auf das alles (auch) kommt, was er so früh schon schwarz auf weiss und englisch und deutlich notiert hat. Und umgesetzt hat. Chapeau!

1 Kommentar:

shiftingschool hat gesagt…

Großartig aufgegriffen und in neue Gedanken eingebettet. Sowas nennt man wohl heute remixed? Ich werde es gleich retweeten ;-)

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