23.01.2014

„Lost in Orientation“ als didaktisches Problem

Quelle: http://www.deliciously.org/
Immer wieder sucht man Umschreibungen, um das Problem des Didaktischen, welches die heutige (digitalisierte) Schulwelt durchzieht, so darzustellen, dass es griffig und damit begreifbar(er) wird.
Man greift zu Bildern: von Revolution ist die Rede, von Umbruch, von Lernen auf eigenen Wegen. Man verwendet Adjektive wie neu, individualisiert, selbst organisiert. Man führt Fremdwörter und Fachbegriffe ein wie Medienkompetenz, web based learning, Lernen 2.0. Man bereitet Lektionen vor wie Mahlzeiten (gemäss Unterrichtsrezepten) und lässt sie dann an Interactive Tables geniessen.

Beim Lesen der – wie immer sehr anregenden und gescheiten – Kolumne von Eduard Kaeser in der heutigen NZZ mit dem Titel Lost in Orientation habe ich urplötzlich an das unterrichtliche Lernen denken müssen. Ich versuche diesen Transfer zu begründen.

Käser schreibt (Auszüge):
„Wir rüsten unseren naturwüchsigen Orientierungsapparat mit Gadgets auf, die «Ortssinn» zeigen. Das Navi als Lotse durchs Leben. Je mehr «location awareness» es hat, desto weniger brauche ich meinen eigenen Ortssinn. (...) Wann beginnt man auf altmodische Weise umherzuschauen? Zum Beispiel dann, wenn man sich verirrt hat. Man könnte es deshalb als Ironie der totalen Kartierung unseres Daseins bezeichnen, dass auf einmal das Verirren an neuer Bedeutung gewinnt: Verirren als existenzieller Grundzustand; nicht als Defizit (unfähig, den Weg zu finden), sondern als Vermögen (fähig, sich ohne Weg zurechtzufinden). Wer sucht, der findet, weiss schon die Bibel. Aber nur wer sich irrt und verirrt, sucht überhaupt. (...) Statt sich also vom iPhone sagen zu lassen, wo man sich und was sich alles in der Umgebung befindet, könnte man sich ja auch einmal eingestehen, in unbekanntes Gelände geraten zu sein, das man nun auf eigene Faust erkunden möchte. Plötzlich entdeckt man selber Orte. Oder eher: Man entdeckt in sich einen neuen Typus von Reisenden in der medientechnischen Erschliessung der Welt: den Homo errans. (...) Die Erde wird zu Google-Earth. Wenn es aber keine weissen Flecken mehr gibt auf der Weltkarte, dann wirft man einfach die Karte weg, und die Welt wird wieder weiss. Der Homo errans muss heute als jener Mensch begriffen werden, der seinen Weg selber sucht, dabei vielleicht Irrwege betritt, auf Abwege gerät, Holzwege einschlägt. Er ist der Mensch, der in allem Abfragen das Fragen neu lernt. Nur wer sich verirren kann, kann sich auch verändern.“
Das kann man doch wunderbar übertragen auf das schulische Lernen und deutlich machen, worum es da gehen sollte:
  • Das Navi steht für die Lehrperson (und den vermutlich eher frontal ausgerichteten Unterricht): „die LP als Lotsin durch den Unterricht“
  • Lässt man das Navi weg, kann man damit beginnen, „auf altmodische Weise umherzuschauen“ und gerät dabei vielleicht sogar „in unbekanntes Gelände, das man nun auf eigene Faust erkunden möchte. Plötzlich entdeckt man selber Orte.“
  • Diese Orte könnten einem gefallen, man geht als SoS weiter, ungeführt von Navi bzw. HelikopterLP, erfährt abenteuerliche Irrwege und Holzwege und kann dabei „das Fragen neu lernen.“
Hat nicht mal jemand gesagt, nicht für die Schule, sondern für das Leben lerne man? 
Also dann: „Nur wer sich verirren kann, kann sich auch verändern.“
Käser dixit, Byland transtulit.

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