16.02.2014

Das Smartphone als Augenfessel

Bild: Byung-Chul Han
Heute hat mich der Zufall (?) zu einem Artikel geführt, den der Philosoph Byung-Chul Han im September 2012 veröffentlicht hat. Er schildert darin seine Eindrücke anlässlich eines Besuchs in Südkorea, wo er auf eine „Müdigkeitsgesellschaft im Endstadium“ trifft, wie er sie in seinem kurz vorher erschienenen Buch zu diesem Thema philosophisch dargestellt hat. Ein paar Auszüge seien hier kommentarlos publiziert:

Soziale Medien wie Twitter oder Facebook versprechen Freiheit und grenzenlose Kommunikation, entwickeln aber zunehmend Zwänge. Das Smartphone verschärft diese Entwicklung. Nun ist man überall und vor allem zu jeder Zeit mit der Informationsflut konfrontiert. Man hat inzwischen das Gefühl, dass nicht wir das Gerät, sondern das Gerät uns benutzt und ausbeutet. Die Kommunikationsmedien wirken heute nicht selten wie Fesseln. Den Arbeitsknechten wurden früher Fußfesseln angelegt. Wenn ich den Koreanern mit ihren Smartphones zusehe, muss ich an Augenfesseln denken.

Kommunikation stellt Nähe her. Mehr Kommunikation erzeugt aber nicht automatisch mehr Nähe. Sie schlägt irgendwann in eine abstandslose Indifferenz um. Darin besteht die Dialektik der Nähe. Die Hyperkommunikation zerstört jene Nähe, die näher ist als die Abstandslosigkeit.

Die heutigen Kommunikationsmedien fördern Unverbindlichkeit, Beliebigkeit und Kurzfristigkeit. Ein absoluter Vorrang der Gegenwart kennzeichnet unsere Welt. Die Zeit wird zerstreut zu bloßer Abfolge verfügbarer Gegenwart. Die Zukunft verkümmert dabei zu optimierter Gegenwart. Die Totalisierung der Gegenwart vernichtet die zeitgebenden Handlungen wie Verantworten oder Versprechen. So fehlt es heute überall an Zeit.

Auch die Information ist als solche eine Positivität. Sie ist an sich keine Gewalt. Aber das Übermaß an Information, ja der Tsunami der Information äußert sich als Gewalt. Sie ist eine Gewalt der Positivität, die der Vermassung und Wucherung des Positiven entspringt. Die Informationsmasse zerstreut, stumpft ab und lähmt. 

Der erwähnte Zufall will, dass in der aktuellen NZZ  ein kluger und sehr gut geschriebener Essay von Hannelore Schlaffer die Faszination von Bildschirmen jeglicher Art noch anders erklärt - die Lektüre sei sehr empfohlen!

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