19.03.2014

Wann endlich ist es Zeit?

© Robert Doisneau, Le cadran solaire (1956)
Die Schule ist ein Apparat zur Veredelung. Wenn man leistet, was man leisten soll, hebt die Zeit einen empor. Darum sind die Klassenzimmer auch so angeordnet. Man geht in die erste bis dritte unten im Parterre, dann kommt man in den ersten Stock, dann in den zweiten, dann in die Realabteilung im dritten, schliesslich bekommt man sein Abschlusszeugnis in der Aula, ganz oben, und kann in die Welt hinausfliegen.“ (Peter Høeg)

Es ist bald Mittag, fünf vor halb Zwölf. Drei etwa 10-jährige Schüler sieht man im Unterrichtszimmer in harten Schülerpulten aus Holz sitzen. Zwei von ihnen blicken starr nach vorne, sitzen in der vorgeschriebenen Haltung da: aufrecht, die Unterarme übereinander geschlagen, bewegungslos. Sie wissen: Unterrichtet werden heisst bewegungslos zu verharren; Arme und Hände müssen für die Lehrperson sichtbar auf der Tischplatte liegen.

Das Starre dominiert, das Rechtwinklige. Die Knaben sind eingespannt in ein Netz von Horizontalen und Vertikalen, gebildet aus den Pulten, der Türe, dem sich über ihre Köpfe hinziehenden Streifen für die aufgepinnten Zeichnungen und den Relief gebenden und aufgemalten Parallelen an der Wand hinter ihnen. In ihrem Fadenkreuz, das nur wenig neben der Bildachse liegt, hängt hoch über ihren Köpfen die Uhr. Sie ist - als Einziges in dieser Schulzimmerwelt - rund, ihre dunkle, klobige Fassung scheint das helle Zifferblatt mit den zwei Zeigern und den römischen Ziffern förmlich zerquetschen zu wollen.

Zwei der drei Knaben nehmen, wie man sagt, am Unterricht teil. Was sehen sie? Was wird ihnen von vorne zugetragen? Was nimmt ihre Aufmerksamkeit gefangen? Der dritte, er, stört das Bild. Weder sitzt er in der geforderten Haltung unbeweglich in seinem Pult, noch richtet er den Blick starr nach vorne wie die beiden anderen. Er ist am Schreiben, unterbricht seine Arbeit jedoch kurz, um hochzuschauen zur Uhr hinter ihm an der Wand; die dafür notwendige Kopf- und Körperdrehung gibt ihm etwas Keckes, sein Mund öffnet sich leicht, das linke Bein macht sich schon bereit aufzustehen. Bald wird es Zeit sein dürfen, die für ihn noch viel zu grosse Schulmappe, die er links neben sich an den Pulthaken gehängt hat, zu packen und durch die Zimmertür hinaus auf den Gang und von dort durch das Schultor hinaus in die Lebenswelt zu treten, die nicht dem straff organisierten Diktat der Zeit unterliegt. Vielleicht deshalb hat der Fotograf, Robert Doisneau, dem Bild den Titel Le cadran solaire gegeben: Weil etwas von diesem Licht, das die Sonne auf die Uhr legt, in das Gemüt des kleinen Knaben zu fallen scheint und seine Hoffnung erst recht zum Leuchten bringt, die Stunde möge bald zu Ende sein?

Der dänische Autor Peter Høeg hat in seinem 1995 auf Deutsch erschienenen Roman Der Plan von der Abschaffung des Dunkels die Schule als gnadenlose Bildungsmaschine beschrieben, einen „Mechanismus zur Beseitigung des Zweifels.“ In diesem System spielt die Zeit die Hauptrolle. „An diesem Ort war nur die lineare Zeit zugelassen, Leben und Unterricht an der Schule waren in völliger Übereinstimmung damit organisiert. Die Schulgebäude, die Umgebung, die Lehrer, die Schüler, die Küche, die Pflanzen, das Inventar und der Alltag waren eine bewegliche Maschine, ein Symbol der linearen Zeit.“

Die Zeit wird angezeigt mit Uhren. Uhren kommt eine zentrale Bedeutung zu für das Funktionieren des Bildungsbetriebs in den Schulhäusern. Wollte man dieses System ausser Betrieb setzen - d.h. lebendiges Lernen ermöglichen -, bestünde, gemäss Høeg, die einfachste Methode darin, die Uhren zu demontieren und die Schulglocke auszuschalten.

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