24.04.2014

Vom Kochen, von der Architektur, vom Pilzesammeln und vom Unterrichten

Man vergleicht Unterricht gerne mit Kochen: Es gibt die bekannten Unterrichtsrezepte von Jochen und Monika Grell, auf deren Cover eine Kochmütze abgebildet ist. Der Vergleich suggeriert natürlich, dass wer nach Rezept kocht, Erfolg hat. Rezepte lassen kaum je Freiheit, aber der Griff zum Kochbuch ist praktisch – vor allem für des Kochens Unkundige. Vermutlich deshalb arbeiten insbesondere in den Lehrberuf Einsteigende gerne mit solchen Hilfsmitteln und Methodensammlungen, denn erst wer über ein gewisses Mass an Routine verfügt (pro memoria: es braucht ja geschätzte 10'000 Stunden bis zur Meisterschaft....), wird stärker auf seine Intuition, sein Gespür für das jetzt gerade Passende hören (können).

In einer heutigen Tageszeitung findet sich ein Interview mit einem der bekanntesten Architekten der Schweiz, Peter Zumthor (er hat unter anderem die Therme Vals, das Kunsthaus Bregenz und den Schweizer Pavillon Hannover geschaffen). Auszüge:
Herr Zumthor, gibt es eine Raumqualität, die Sie besonders schätzen?
Ja. Ich nenne das den gelassenen Raum. Den Raum, der selbstverständlich daherkommt. Das Gegenteil ist die landläufige Meinung, ein Architekt mache ganz besondere Formen. (...) Wir können diese Qualität anstreben. Wir können sie gerne haben, dafür arbeiten. Wir können sie jedoch nicht direkt anstreben. Mein Weg dahin ist geduldig. Ich versuche, die Dinge stimmig zu machen. Wenn ich Glück habe, dann stellt sich die Qualität auch ein. (...) Ich plädiere für die Intuition, weil das Fühlen ja viel grösser ist als das Denken. Wenn wir der Intuition Raum geben, treten Dinge hervor, von denen wir vorher gar nicht wussten, dass sie da sind.
Was würden Sie jungen Menschen empfehlen, die Architekt werden wollen?
Vielleicht müsste ich sagen: Augen auf, Ohren auf. Versuch abseits der Theorie zu sagen, was dir gefällt und was nicht. Geh deinen Empfindungen nach. Hör anderen zu, ws sie über Architektur sagen, und glaub nicht alles blind.

Lässt sich das nicht auch wunderbar übertragen auf das Unterrichtsgeschehen? Das „Haus“, den „Raum“ kommen lassen? Warten, geschehen lassen – nicht kochen?

Da kommt mir eine weitere Anekdote in den Sinn, die ich heute bei Matthias Horx gefunden habe: „In den schweren Zeiten meiner Kindheit brachte mir meine Grossmutter bei, dass man Pilze nur findet, indem man sie nicht sucht.“ Und schon sind wir (wieder einmal) bei Kafka: „Wer sucht, der findet nicht. Wer nicht sucht, wird gefunden.“

Kommentare:

C. Lammert hat gesagt…

Was für ein geistig anregender und ansprechender Sprung zwischen den Disziplinen - danke!

Überaus d'accord - und um in deinem Bild zu bleiben: Auch wenn man "es" kochen lässt, hervorragende Zutaten sollte man dazu vorher schon eingeholt haben und auf dem Küchentisch zur Verarbeitung bereitstellen, sonst bleiben Teller und Mägen nämlich ziemlich leer...;-)

@byland hat gesagt…

Da bin ich natürlich voll einverstanden; darin besteht vermutlich ein wesentlicher Teil der pädagogischen Verantwortung der LP.

Theo Byland hat gesagt…

Damit bin ich natürlich voll einverstanden! Darin besteht ja vermutlich ein wesentlicher Teil der pädagogischen Verantwortung der LP.

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