16.05.2014

Wozu braucht es Lehrpersonen? (Teil 1)

Wozu sind Lehpersonen da? Was ist eigentlich ihre Aufgabe im Schulzimmer hiesiger Schulen?

Ich erinnere mich an Fräulein Schaub – damals nannte man solche Frauen noch Fräulein , es war im Stadtkindergarten. Sie war gross, trug Strickjacken und verklebte mir jeweils den Mund mit durchsichtigem Klebeband, wenn ich zu viel redete (was anscheinend oft vorkam). Meine erste beamtete Lehrerin war immer da, hiess uns still sitzen und mit Bast Verzierungen um Behälter für Stricknadeln herum flechten. Zum Beispiel. Oder sie schalt mich mit lauter Stimme, wenn ich Anlauf nahm und auf den Filzpantoffeln durchs Zimmer glitt, als ob der Parkett eine Eisfläche wäre.
In der ersten Klasse der richtigen Primarschule sass hinter dem Pult vorne links Fräulein Peter, die ein paar Monate später heiratete und Frau hiess (wir wurden zur Hochzeitsfeier von einem anderen Fräulein aus dem Schulhaus in die Wasserkirche beordert, um aus vollen Kehlen Freude zu singen). Sie hatte einen wilden Blick und trug einen grossen silbernen Kopf als Anhänger um den Hals. Neben mir sass Renate Huber, die eines Tages zu fehlen begann und nach ein paar Wochen plötzlich tot war; ihre Eltern führten die Bäckerei an der Ecke. Dann zogen meine Eltern um, wechselten dabei den Kanton, und fortan ging ich in einem Dorfschulhaus in die zweite bis vierte Klasse, zuerst bei Fräulein Suter, die in bestimmten Stunden ihr Cello zwischen die Beine klemmte und uns vorspielte oder ein Lied begleitete; geschrieben wurde auf Schiefertafeln, das Etui war eine Federschachtel ohne Schreibfedern, aber mit einem Schwämmchen. Das Schulzimmer war eine Schulstube mit einem Kohleofen in der Mitte des Zimmers und zwei Wandtafeln vorne, die eine für die Erstklässler, die andere für uns. 
(C) Hans Byland-Müller
Für die dritte und vierte Klasse mussten wir ins Zimmer im oberen Stock wechseln, das genau so eingerichtet war wie das im Erdgeschoss. Aber wir durften mit Feder und Tinte schreiben, Tinte in die in den Bänken eingelassenen Behälter füllen und Tintenkleckse machen, was Herrn Basler, unserem blondgelockten, sardonisch lächelnden Lehrer nicht gefiel und den Verursachern Tatzen eintrug: Mit einem metallenen Lineal schlug er sie auf die Fingerspitzen ihrer Hände, die sie ihm hinstrecken mussten. Die Pausen, in denen wir sogar am Ufer des Bachs spielten, der neben der Schule vorbei floss, waren manchmal länger, manchmal kürzer, je nach der Anzahl Geschichten, die sich Fräulein Suter und Herr Basler zu erzählen hatten.
In der fünften Klasse, der letzten in der Primarschule, wechselten wir erneut das Schulhaus; samt Lehrer Basler zogen wir in den obersten Stock des Dorfschulhauses, dahin also, wo es ernst wurde. Mit den bereits im Dorfzentrum zur Schule gegangen Jahrgängern bildeten wir eine Klasse von 54 Mädchen und Knaben. Eines Tages kam ein Vertreter der Firma Geha vorbei und pries das neuste Modell ihres Füllfederhalters an; es besass einen Reservetank, war bordeauxrot und längs gestreift; auf Empfehlung unseres Lehrers kauften meine Eltern es mir; fortan schrieb ich mit Füller.

Der bis dahin herrschende Einpersonenunterricht wurde nach diesem Jahr aufgelöst in ein Konglomerat von Fachunterricht, der von Fachlehrern erteilt wurde – Lehrerinnen hatten wir keine. Jeder dieser Lehrer hatte ein eigenes Schulzimmer, aber überall standen die Schülerpulte in Reihen hintereinander. Diese Bankordnung wurde vom Deutschlehrer ausgenützt, indem er die grösseren Schüler nach hinten, die kleineren nach vorne setzte – alle Mädchen sassen links von ihm, ebenfalls der Grösse nach geordnet. Ein andrer Lehrer versetzte die sogenannt Dümmeren nach hinten; schulische Fortschritte liessen sich am Platz im Schulzimmer ablesen.
Die Mehrzahl der Stunden bestanden darin, dass wir zuhörten, was die Lehrer uns zu sagen hatten, von der Tafel abschrieben, was sie anschrieben, und zum Fenster hinaus träumten und die Schrift der Wolken zu entziffern versuchten.

Die ganzen Jahre über bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit war eines absolut und immer klar: Der Lehrer als solcher ist zwar für die Schülerinnen und Schüler eine Instanz von Autorität und Wissen; seine hauptsächliche Funktion jedoch besteht in der Organisation des Schultags und in der Aufrechterhaltung der disziplinarischen Ordnung. Höchst selten wurde aus einem dummen Schüler ein gescheiter; im Gegenteil: Die intelligenteren wurden belohnt mit Vergünstigungen (sie durften zum Beispiel früher nach Hause gehen oder für den Lehrer einkaufen während der Stunde), die weniger intelligenten mit Zusatzaufgaben belegt. Alle Lehrer waren Respektspersonen im Dorf, leiteten Chöre,versahen das Amt des Vorturners oder des Aktuars in einem Verein, einer brachte es zum Kommandanten der Feuerwehr und wurde Ehrenbürger; Lehrerinnen gab es nur an der Primarunterstufe, an der Hilfsschule und für Haushaltsfächer wie Handarbeit und Kochschule. Niemand von ihnen wurde je Ehrenbürgerin; eine machte im Trachtenverein mit, eine andere war ab und zu als Organistin zu hören im Gottesdienst, und eine machte von sich reden im Dorf, weil sie Stufen übergreifend einen Kollegen heiratete und von der Handarbeitslehrerin zur Gattin des Oberstufenlehrers aufstieg – was man ihm kaum je nachsah.

Wozu sind Lehrpersonen da? Was ist eigentlich ihre Aufgabe im Schulzimmer hiesiger Schulen? Haben sich Aufgabe und Funktion geändert gegenüber denjenigen in den "guten alten Zeiten", die ich oben beschrieben habe?

Auf meine auf Twitter gesetzte Frage habe ich folgende Antwort bekommen:


In einem Artikel vom 13. 5. 2014 mit dem Titel „Blended Learning and the Value of the Teacher“ findet sich folgende Stelle:
„Teachers are now the orchestrators of these complex learning paths, picking which program should go for which student. They have to target all the skills that the computer can’t do. How to motivate that child. How to connect what they’re doing to their home life.“
In einem anderen Artikel vom 14. 5. 2014 gibt bereits der Titel die Antwort: „If teachers are the key, how do they unlock learning?“

Könnte also das (vorläufige) Fazit lauten: Lehrpersonen sollten anregen, Lernen in Gang setzen, zum Dranbleiben ermutigen, besorgt sein dafür, dass jedes Kind sich das ihm Gemässe aneignen und erobern kann, das schulische Leben der Kinder und das ausserschulische zueinander in Beziehung setzen? Learning Analytics fernab jeder algorithmischen Auswertung bieten und lebendiges Gegenüber und Spiegel sein, an dem die Schülerin und der Schüler ablesen können, wo und wie sie gerade jetzt „in der Welt stehen“?

Noch ist aber nicht wirklich klar, worin die Schlüsselhaftigkeit der Lehrperson besteht, die im obgenannten Titel behauptet wird. Vielleicht hilft hier eine Erinnerung weiter: Ich sehe mich zusammen mit allen anderen Mitschülern vor der Türe des Schulhauses am Dorfrand warten. Es ist Winter, ein kalter Morgen, und dann kommt Herr Basler mit seinem Schlüsselbund, schliesst die Schultüre auf, geht ins Zimmer und heizt den Ofen ein. - Was wird nebst der Schultüre auch noch aufgeschlossen? Und: Worauf haben wir gewartet? Worauf warten heutige Schüler/-innen, wenn sie auf die Lehrperson warten? Warum warten sie, statt einfach zu beginnen?

1 Kommentar:

Walter Böhme hat gesagt…

Lehrpersonen braucht man, um beim PISA-Test erfolgreich zu sein. Oder könnte es auch einen anderen Grund geben?
http://bildungsklick.de/a/91344/pisa-gefaehrdet-wohlbefinden-von-schuelern-und-lehrern/

Zum Beispiel, damit sie einem beibringen, wie man anderen etwas beibringt und dadurch lernt?
Ganz ohne Hilfen lernen nur wenige
"Lernen durch Lehren" http://wikis.zum.de/zum/LdL

Blog-Archiv