19.05.2014

Wozu braucht es Lehrpersonen? (Teil 4 und Schluss)

Die Zusatzausbildung in Allgemeiner und Fachdidaktik war 1972 kümmerlich. Ich lernte zum Beispiel: „Das Verhalten von Schülern in der Pause ist anders als deren Verhalten nach der Pause.“ Oder: „Das Unvorhergesehene ist immer möglich.“ So beschloss ich, noch vor Abschluss des Studiums (das waren noch Zeiten!) als sogenannter Hauptlehrer mit 100%-Pensum an ein Lehrerseminar gewählt (die Ausbildungsstätte hiess damals noch so), Auto-Didakt zu werden; ein halbes Jahr lang vergrub ich mich – nebst der Vorbereitung auf meine 24 Wochenlektionen F und D – in die entsprechende Fachliteratur. Theoretisch wusste ich nachher zwar ziemlich gut Bescheid, fühlte mich aber alles andere als kompetent. Tutorate und Mentorate gab es noch nicht, also hatte ich gezwungenermassen die Möglichkeit, selber herauszufinden, wozu ich gut sein sollte und gut sein könnte in den Unterrichtszimmern des Seminars.

Wozu braucht es mich als Lehrperson? Worin besteht meine Arbeit?
Ich orientierte mich an dem, was ich kannte, unterrichtete also so, wie ich selber unterrichtet worden war: Introduktion – Durchführung – Schluss; Wo-waren-wir-stehen-geblieben? – Lesen wir weiter! – Lösen Sie bitte folgende Kontrollfragen! Der klassische Dreiakter in Schulzimmern mit drei Bankreihen à fünf bis sechs Tischen; mein Pult vorne am Fenster neben der Tafel. Es klappte, wie es schon immer geklappt hatte; glücklich aber war ich nicht. Bereits nach zwei Jahren belegte ich in meinen Sommerferien eine einwöchige Weiterbildung mit dem Titel „Gruppenarbeit“, die ich selbstredend selber zu berappen hatte. In dieser von einem Primarlehrer aus Sargans, Max Feigenwinter, geleiteten Woche kam ich auf die didaktische Welt. Als ich an die Schule zurückkam, wusste ich: Es kann durchaus alles ganz anders sein! Ich stellte das Mobiliar um in ein U und führte, als Erster damals an diesem Seminar, das Arbeiten in Gruppen ein. Und begann das ganze Areal mit einzubeziehen. Der Englischlehrer im Nebenzimmer liess sich anstecken, so dass plötzlich während der Schulzeit da und dort Studierende, in Gruppen verteilt, auf dem Rasen, unter Bäumen, beim Brunnen, in der Vorhalle zu sehen waren, die gemeinsam lernten, diskutierten, arbeiteten – und sich erst noch in der jeweiligen Fremdsprache unterhielten! Man sah auch zwei Lehrpersonen, die zu diesen Gruppen unterwegs waren, sich dazusetzten, daneben knieten, weitergingen – was offensichtlich befremdete, denn nach etwa einem Quartal wurden mein Kollege und ich zum Direktor befohlen, der uns je einzeln darüber ins Bild setzte, dass sich „besorgte Kollegen“ bei ihm erkundigt hätten, was wir da treiben würden, ob wir wohl unseren Amtsauftrag ausübten und ob die fraglichen Klassen den obligatorischen Stoff korrekt vermittelt bekämen. Mein Kollege führte daraufhin Gruppenarbeiten nur noch in seinem Zimmer durch, ich hingegen gab dem Direktor ein Buch von Carl R. Rogers zu lesen: Lernen in Freiheit. Eben herausgekommen, hatte es mich elektrisiert mit Passagen wie dieser:
Der einzige Mensch, den man gebildet nennen kann, ist jener, der gelernt hat, wie man lernt; der gelernt hat, wie man sich anpasst und ändert; der erkannt hat, dass kein Wissen sicher ist, dass nur der Prozess der Suche nach Wissen eine Basis für Sicherheit bietet.“

Bereits in den Vorbemerkungen definiert Rogers das, was er unter Lernen versteht:
  • Es ist selbst-initiiert
  • Es durchdringt den ganzen Menschen
  • Es wird vom Lernenden selbst bewertet
  • Sein wesentlichstes Merkmal ist Sinn
Solches las ich 1974; es war umwerfend. Mit einem Mal erkannte ich, dass das, was ich bereits früh als didaktisches Unbehagen empfunden hatte, auch von anderen empfunden wurde. Ich wusste, dass ich meine Schülerinnen und Schüler viel intensiver noch machen lassen musste; schwimmen lernt man, indem man es tut.
Meine Aufgabe als Lehrer bestand nicht darin, dass ich Wissen predigte, sondern Gelegenheit gab, auf eigenen Wegen Entdeckungen zu machen, Texte zu erobern, Sprache zu lernen, sich Kenntnisse anzueignen. Sie bestand darin, dass ich die Reise begleitete, unterstützte, weiterhalf – aber nur da, wo Begleitung und Hilfe willkommen waren oder angefordert wurden. Und sie bestand darin, mit meinen Studierenden immer wieder darüber zu reden, was im Unterricht geschah und was wir verändern wollten.

Wenn ich heute aus etwas zeitlicher Distanz auf meine 40 Jahre Tätigkeit als Gymnasiallehrer zurückschaue, in denen ich didaktisch so ziemlich alles ausprobiert habe, was damals denk- und machbar war – von der Gruppenarbeit bis zum dialogischen Unterricht unter Einbezug der virtuellen Arbeitsplattform BSCW, von der Atelier- bis zur selbst gesteuerten Projektarbeit mit Lernjournal in Blogform und ePortfolio – würde ich auf die mich hier leitende Frage: Wozu braucht es Lehrpersonen? folgende Antwort geben:

Es braucht uns Lehrerinnen und Lehrer, damit jemand da ist, der mit lernen wollenden jungen Menschen das je adäquate Gespräch führt über (mögliche) Lerngegenstände, (mögliche) Arbeitsformen, (mögliche) Zugangswege, (vielleicht notwendige) Wegänderungen. Es braucht uns, weil wir genau beobachten und präzise formuliert und ohne zu verletzen oder zu ironisieren ausdrücken können, was wir sehen. Es braucht uns, weil wir den Lernenden Vertrauen schenken und verlässliche Partnerinnen und Partner sind auf den individuellen Lernwegen, unsere eigenen eingeschlossenen. Es braucht uns, weil auch wir denken können und uns dabei zusehen und zuhören lassen. 
Es braucht uns, weil die jungen Menschen erst recht Lust haben, weiterzufahren mit ihrem je eigenen oder mit anderen geteilten Lerngegenstand, wenn wir kommen – ja: Weil wir kommen.

Erinnern Sie sich? Es ist Winter, ein kalter Morgen, und dann kommt Herr Basler mit seinem Schlüsselbund, schliesst die Schultüre auf, geht ins Zimmer und heizt den Ofen ein. Kann es ein schöneres Bild geben?

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