18.05.2014

Wozu sind Lehrpersonen da? (Teil 3)

Das Abitur war bestanden – was jetzt, lautete die Frage. Nur etwas war klar: Ich wollte studieren. Aber welche Richtung? Da ich keine eindeutige Antwort fand, warf ich eine Münze: Kopf würde Physik, Zahl Romanistik bedeuten. - Ich ging an die ETH, an die anforderungsreichste Abteilung, wie mir verheissen wurde, die Abt. IX: Mathematik und Physik. Eineinhalb Semester lang versuchte ich mitzukommen, um eines schönen Dienstag Morgens in der grossen Pause – es ging grad um die Winkelgeschwindigkeit ω – aufzugeben. Zum ersten Mal war ich wirklich gescheitert, war an die Grenzen meines mathematischen Verstehens und Könnens gestossen. Vielleicht auch, weil ich nie wirklich „denken“ gelernt hatte im Sinne von @lisarosa, wenn sie am 18.5.14 auf Twitter schreibt:


Obwohl gut trainiert, vermochte ich meine Trainingsleistungen nicht umzusetzen im Wettkampf. Es war, als ob ich zwar Kartenlesen und Rennen gelernt hätte, im Orientierungslauf jedoch keine Varianten zur vom Trainer vorgegebenen Strecke hätte finden können. Erschwerend war hinzugekommen, dass ich wieder auf eine ähnliche Art Lehrer gestossen war (Frauen waren erneut keine darunter), die mich schon am Gymnasium unterrichtet hatten: Professoren, die nur an ihrer Sache interessiert schienen, uns Studierende nie wirklich betreuten – wir waren ihnen kein Anliegen, im Gegenteil: Die Einführungsvorlesungen und Übungen hinderten sie an ihren Forschungen. Unvergessen der Moment, als der weltbekannte Professor für Angewandte Mathematik während einer Übung vor meinem Tisch stehen blieb, kurz von oben herab auf mein Blatt schaute und lächelnd bemerkte: „Sie wollen doch nicht etwa Mathematik studieren?“

Wozu sind Lehrpersonen da? Was ist eigentlich ihre Aufgabe in den Unterrichtsräumen hiesiger Lehranstalten? Diesen Fragen gehe ich nach, weil es mich wundernimmt, welchen Anteil Lehrpersonen am Phänomen haben, dass sich eifrig lernen wollende und zum Teil ungestüm lernende Vorschulkinder in sehr häufig uninteressierte, gelangweilte Studierende verwandeln, deren extrinsische Motivation (Prüfungen, Noten, Diplome) mit ausgeklügelten didaktischen Klimmzügen wieder an eine intrinsische herangeführt werden muss, zum Beispiel mittels Gamification, wie Nando Stöcklin in einem schönen Beitrag zeigt.

Ich hole die Lateinmatur innerhalb eines Jahres nach, denn ich gehe jetzt an die Universität und will Französisch, Deutsche Literatur und Komparatistik studieren. Und siehe da: Ich bekomme es mit hoch originellen Geistesgrössen zu tun (ein besseres Wort fällt mir nicht ein), die eine völlig neue Komponente in mein Lernleben bringen: Sie denken selber und zeigen in den Vorlesungen, wie sie das tun. Fast schon atemlos höre ich zum Beispiel Georges Poulet zu, der, nur mit ein paar kleinen Zetteln ausgerüstet, auf denen Zitate aus dem Werk desjenigen Autors stehen, der Thema der Vorlesung ist, ans Pültchen tritt und live berichtet, was ihm dazu einfällt, welche Zusammenhänge er sieht, welche Denkwege besagter Autor genommen haben könnte. Im Seminar kümmert er sich um uns, die wir Vorträge zu halten haben, diskutiert mit uns schon in den untersten Semestern unsere Ideen zu Texten. Ich lerne zum ersten Mal, dass das Denken auf eigenen Wegen erwünscht und notwendig ist, dass ein Hochschullehrer nachdenkt über etwas, was ein/e Studierende/r sagt, einen Faden aufnimmt und weiterspinnt und interessiert verfolgt, was sein Beitrag bei uns auslöst.
Ich erlebe, dass einer meiner Linguistikdozenten mich zuhause anruft und fragt, wie es mir geht, weil es ihm aufgefallen sei, dass ich in seiner Veranstaltung gefehlt hätte (als einer unter 36).
Ich erlebe, dass ein anderer Linguist sich über eine meiner Seminararbeiten derart freut, dass er mich zum Kaffee einlädt.
Ich erlebe, dass der neu gewählte Dozent für frz. Mittelalterliteratur uns Teilnehmer/-innen seiner ersten Vorlesung jeweils nach seinen Lektionen in die Mensa einlädt, um zu erfahren, was wir von dem Was und dem Wie seiner Vorlesung halten.
Kurzum: Ich fühle mich / wir fühlen uns wertgeschätzt, ernst genommen, unterstützt und ermutigt. Ich bekomme sozusagen vorgeführt, wie individuelles Nachdenken gehen kann, wie das, was akademische Lehrer äussern, nicht als Äusserung sakrosankter Wahrheiten gilt, sondern als Diskussionsbeitrag, den man weiterentwickeln kann, ja: soll. Ich habe es mit Menschen zu tun, die auch herzlich lachen können.

Ja: Wozu waren diese akademischen Lehrer da? Was war ihre Aufgabe in den Unterrichtsräumen dieser Lehranstalt? Vorzudenken, damit wir das Nachdenken und das Denken lernten? Uns als Menschen zu begegnen, damit wir unser Menschsein befördern konnten? Unsere Arbeit beratend so zu begleiten, damit wir sie auf eigenen Wegen weiterzuentwickeln wagten? Mit ihrer Offenheit und Neugier anzudeuten, dass wir alle, sie und wir, noch längst nicht am Ziel waren, aber durchaus unterwegs auf lohnenden und interessanten Wegen?
Ob das mit den Fächern zu tun hatte, die jetzt geisteswissenschaftliche und nicht mehr mathematisch-naturwissenschaftliche waren?

Keine Kommentare:

Blog-Archiv