26.08.2014

Die Bildung und das Smartphone

In einem jüngst veröffentlichten Text moniert der emeritierte Professor für deutsche und vergleichende Literaturgeschichte an der Universität Bremen, Hans-Albrecht Koch, dass die Lektürelust von Germanistikstudierenden dramatisch nachgelassen habe, dass Literaturkenntnisse verloren gingen, dass sich die Bildung dank zunehmend auf «Pröbchenlektüre» reduziertem Literaturunterricht schlechthin verflüchtige. Erst recht, weil eine modische «Abholdidaktik» die offenbar lese- und denkungewohnten jungen Menschen da zu erreichen versuche, wo sie stünden, statt ihnen ein paar Schritte zuzumuten.
Schuld an dieser Bildungsmisere trügen die Erhöhung der Abiturienten- und damit der Studierendenquote und – das Smartphone, das einer nicht näher präzisierten Studie zufolge von „jungen Menschen zwischen 25 und 35 Jahren durchschnittlich 136 Mal am Tag eingeschaltet werde, was zu einer ständigen Unterbrechung allen konzentrierten Lernens, also erst recht allen Lesens führe.“

Ich glaube gern, dass neue Technologien zu ihrem Gebrauch verführen. Ich weiss, dass eine früher vielleicht als organisch gebaut erfahrene Bildungswelt heute in Stücke zerfällt, eine konzentrierte Romanlektüre häufig nur noch von Kindern und älteren Menschen geleistet wird (zum Beispiel von einer meiner Enkelinnen, siebenjährig, die ihr 150 Seiten starkes Buch vom Samstag Morgen bis Sonntag Nachmittag durchgelesen hat – oder den Teilnehmenden an einem Lektürekreis bei der Pro Senectute, welche die im Artikel erwähnten Buddenbrooks von Thomas Mann lesen und besprechen wollten). Ich erlebe an mir selber, dass ich häufig „ins Internet gehe“, fast immer mehrere Texte „gleichzeitig“ am Lesen bin, die Buddenbrooks zwar gerne lese, das aber nicht unbedingt „konzentriert“ tue – und mich trotz alledem weder als zunehmend ungebildet erfahre noch mich von Bildungs- oder Konzentrationsverlustängsten geplagt empfinde.

Die alten Klagen tauchen nach wie vor und immer wieder auf in Lehrerzimmern, in Bildungsgremien, an professoralen Stammtischen zum Beispiel. „Man fragt nach Homer. Quelle adresse! Man fragt nach Dante. Schon einmal gehört? – «Italienischer Dichter.» Immerhin! Aus welcher Zeit etwa? – «18. Jahrhundert».
Muss „man“ Dante gelesen, Kants Kategorischen Imperativ begriffen, das Bohr'sche Atommodell verstanden haben? Mache ich mich lächerlich, wenn ich die Eulersche Gerade nicht erklären, das Periodenmodell nicht herleiten, den Albatros von Baudelaire nicht aufsagen kann? Bin ich ungebildet, wenn ich Latein nur schlecht und Altgriechisch gar nicht beherrsche? Die meisten Hauptstädte der Welt ebenso wenig nennen könnte wie 20 Schweizer Autoren des 19. Jahrhunderts?

Was gehört zur „Bildung“?
(Man lese Molières Bourgeois Gentilhomme!)

Durchschnittlich 136 Mal täglich werde das Smartphone von „jungen Menschen zwischen 25 und 35 Jahren“ eingeschaltet – und deshalb lesen sie die Bibeltexte nicht mehr und passen bei der Frage nach Homer?

Am 31. März 1913 dirigiert Arnold Schönberg im Grossen Saal des Musikvereins Wien unter anderem seine Kammersinfonie. Dieses „Skandalkonzert“ erregt ganz Wien und den Operettenkomponisten Oscar Straus insbesondere so sehr, dass dieser Schönberg auf offener Szene ohrfeigt.

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