12.03.2015

Fichierung. Lautlos.

Irgendwann haben Sie das Kameraauge Ihres Laptops abgedeckt. Vielleicht aus einem Gefühl unbestimmter Angst heraus. Das Gesundheitsarmband aber legen Sie ums Handgelenk: Sie wollen fit bleiben und sind folglich interessiert an der Aufzeichnung Ihrer täglichen Bewegungsdaten, welche in einer praktischen Cloud gesammelt und für Sie analysiert vorliegen. Wo genau diese Cloud sich befindet, wissen Sie zwar nicht, und wer ausser Ihnen noch Einsicht nehmen kann in Ihre Performance, wissen Sie auch nicht. Das aber wird schon O.K. sein, denken Sie. Und joggen los.

Neue Begrifflichkeiten gehen um. Man redet von Big Data, Quantified Self, Datenfusion, von Sirenenservern, Informationskapitalismus, „Transparenzgesellschaft“ (Byung-Chul Han). Diese Terminologie deutet an, was wir zwar empfinden, aber noch kaum wirklich wahrnehmen: Wir sind eingetreten in das, was Yvonne Hofstetter in ihrem Buch „Sie wissen alles“ die Ära der „zweiten maschinellen Revolution“ nennt, eine Epoche also, in der unsere persönlichen Daten zum Rohstoff der wirtschaftlichen Entwicklung werden. Wohin wir uns auch wenden, was auch immer wir tun, wir hinterlassen Datenspuren, die – einmal gesammelt, analysiert und interpretiert – so etwas wie einen digitalen Zwilling von uns selbst ergeben, eine schattenhafte Existenz, die wir jedoch selbst nicht kennen. Seitdem Edward Snowden die Praktiken der NSA offen gelegt hat, wissen wir zwar Bescheid, dass effektiv alles, was von unserem Leben in irgend einer digitalisierbaren Form aufgezeichnet wird, erfasst, gesammelt und gespeichert wird. Diese unsere Daten werden nicht nur geheimdienstlich verwertet, sondern auch wirtschaftlich genutzt; unter Stichworten wie „Sicherheit des Landes“ und „Optimierung des Alltags“ werden wir, ohne je gefragt worden zu sein, zu Datenlieferantinnen und -lieferanten für Geheimdienste und Wirtschaftsunternehmen.

Was Yvonne Hofstetter in ihrem sehr lesbaren und bedenkenswerten Buch umtreibt, ist unsere Gleichgültigkeit, mit der wir das alles hinnehmen: „Was in der Tat verstört, ist die Unbekümmertheit der Machtübergabe“, schreibt sie. Deshalb unternimmt sie es, uns im ersten und zweiten Teil anhand von griffigen und zum Teil erschreckenden Beispielen Schritt für Schritt einzuführen in die Welt der Algorithmen, der Supercomputer, der künstlichen Intelligenz und der Big Data. Im dritten und vierten Teil lernen wir die wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Anwendungen und Auswirkungen von Big Data und die Gefahren unserer Bedenkenlosigkeit gegenüber dem „Absaugen“ von persönlichen Daten durch offiziell oder geheim agierende Unternehmen kennen, bevor die knapp 50-jährige Juristin und ICT-Fachfrau im letzten Teil dazu aufruft, uns zu wehren: „Als Zivilgesellschaft stehen wir vor der Herausforderung, für das digitale Zeitalter ein Technikethos zu entwickeln, eine Theorie, die uns erlaubt, den gegenwärtigen technischen Umbruch zu verstehen und zu beherrschen. Wir sollten nicht einfach alle dorthin gehen, wo uns eine vermeintliche Wohlfühlzone erwartet und die Zukunft bereits verwirklicht zu sein scheint.“ Oder, noch deutlicher: „Wir müssen uns wehren, damit unsere Zukunft und die unserer Kinder eine freie Zukunft bleibt.“ Wie man das anstellen könnte, führt sie im Schlussteil ihres informativen und aufrüttelnden Buchs im Einzelnen aus.

Man mag ihre Analyse mit dem Argument belächeln: „Warum Angst haben? Ich habe ja nichts zu verbergen!“. Man mag ihr unterschieben, sie segle im Windschatten von namhaften Vorgängern wie Byung-Chul Han (neuestens: „Psychopolitik“), Frank Schirrmacher („Ego“) oder Viktor Mayer-Schönberger und Kenneth Cukier („Big Data. Die Revolution, die unser Leben verändern wird“). Man mag ihr vorwerfen, auch sie betreibe Kulturpessimismus, denn immerhin würden uns Google & Cie. zu einem angenehmeren Leben verhelfen. Man mag sogar fasziniert zur Kenntnis nehmen, dass im Zeitalter des „Internets der Dinge“ selbst alltägliche Gegenstände miteinander Informationen austauschen und so zusätzlich Bescheid wissen über uns, die wir sie verwenden.
Vielleicht trifft das alles zu. Faktum aber ist und bleibt: Big Data sind deshalb big, weil sie auf unser aller Daten beruhen. Big Data erlauben es, alles mit allem in Beziehung zu setzen – und das wird, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, überall, jederzeit und vor allem heimlich gemacht. Zum Beispiel unsere Gesundheitsdaten (vom eingangs erwähnten Armband) mit unseren Krankendaten (in unserer elektronischen Krankenakte), und diese wiederum mit unseren Einkaufsgewohnheiten. Runden wir das Bild unserer dadurch entstandenen digitalen Zwillinge noch ab mit freiwillig bei Social Media eingespeisten Daten, zum Beispiel Fotos, die uns als angeheiterte Partygänger auf Facebook zeigen, dann können wir kaum erstaunt sein, wenn wir eines Tages von der Krankenkasse als Versicherte mit erhöhtem Risiko und entsprechend höherer Prämie eingestuft werden.

Es geht Yvonne Hofstetter in ihrem sauber recherchierten und flüssig geschriebenen Buch darum, dass wir aufmerksamer werden auf das, was wir mit unserer Gleichgültigkeit gegenüber solchen Praktiken der Datenerhebung, der Datenfusion und -analyse verlieren könnten: Unsere Privatsphäre, unsere Freiheit und unsere Würde. Geschähe das vor aller Augen und mit Getöse, würden wir vermutlich schon längst aufbegehrt haben. Das Raffinierte am Vorgehen der Internetgiganten und Technologiekonzerne besteht jedoch gerade in der Lautlosigkeit und der Heimlichkeit ihres Tuns. Nehmen wir also unsere Verantwortung als mündige Menschen wahr, lassen wir uns ein auf Hofstetters Analyse und seien wir auf der Hut, denn: „Sie wissen alles!“ – Und wir wiederum wissen das.

Yvonne Hofstetter, Sie wissen alles. Wie intelligente Maschinen in unser Leben eindringen und warum wir für unsere Freiheit kämpfen müssen. C. Bertelsmann 2014

Keine Kommentare:

Blog-Archiv