27.04.2015

Wegwerfen

Bald werden wir umziehen.
Also durchforste ich all meine Regale und prüfe die gesammelten Papiere, was davon ich in die Papiersammlung geben kann. Bekanntlich ist das nicht immer einfach, denn jedes Ding hat eine Geschichte, steht respektive liegt nicht zufällig da und will, falls ich mich denn durchringen kann dazu, es wegzugeben, entsprechend gewürdigt werden.

Die Bibliothek lasse ich mal so, wie sie ist – es kostet mich immer noch zu viel, sie zu reduzieren.

Für die restlichen Ordner mit Unterlagen für Unterricht und Weiterbildungskurse, welche die Wegwerforgie anlässlich meines Rücktritts an Gymnasium und Universität aus unerfindlichen Gründen überlebt haben, gilt das nicht. Also gehe ich einen nach dem anderen durch, entferne Büroklammern, ziehe Blätter aus den Plastic-Hüllen, lege Folien auf einen gesonderten Stapel; der Papierberg wächst.
Aber:
Was für eine Fülle von didaktischen Geschichten! Von Wiederbegegnungen mit Schülerinnen, Studenten, Kolleginnen und Kollegen! Die Autographensammlungen von Meinungen von Studierenden zur Gestaltung dieser oder jener Unterrichtseinheit zum Beispiel versetzt mich im Nu zurück in der Zeit; ich sehe sie schreiben in meinem damaligen Schulzimmer, das uns einen wundervollen Ausblick bot auf die Jurakette. Das MindMap von 1995 zum Thema Individualisieren im Französischunterricht – geht das?, zu welchem ich damals einen Workshop leiten durfte in einem universitären Fachdidaktikkurs, lässt mich staunen über mich selbst: wie selbstverständlich „moderne“ Unterrichtsformen (siehe die damaligen Schlagworte wie SOL, ELF, Projektunterricht u. ä.) für mich 1995 längst schon waren. Ich finde eine Wegleitung zum Portfolio-Lernen, die ich 1998 (!) testweise für eine meiner Abteilungen verfasst habe – schon damals war ich überzeugt, dass Portfolios ins Evaluationsprozedere Eingang finden sollten (wie das @phwampfler heute ebenfalls verschiedentlich darlegt, zum Beispiel hier und hier). Zwischen all den Papieren finde ich fünf CD-ROM, welche je Präsentation, Lektürehilfen und Arbeitsunterlagen zu einem aktuellen Roman enthalten, das Ganze gestaltet in Form einer Website. Diese Websites von 2004 sollten, so die Grundaufgabe, Gymnasiast/-innen aus der Westschweiz die Lektüre damals aktueller Romane aus der Deutschschweiz erleichtern.

Ich werfe weg. Und staune einmal mehr darüber, wie belebend die Arbeit in den Häusern des Lehrens und Lernens sein kann, erst recht für die Lehrpersonen. Es braucht für letztere nicht viel dazu, nur ein bisschen Nachdenken über das, was man als seine Aufgabe erachtet, ein bisschen Mut, Neues, vielleicht sogar Unerhörtes zu wagen – und einen wohlwollenden, achtsamen Blick für jede und jeden, die da mit einem im Zimmer sitzen und auch lernen wollen.

25.04.2015

Horror im Kinderzimmer

Foto: © Ann-Kathrin Mühlen
Es gab einmal eine Zeit, in der meine Kinder klein waren. Weil sie klein waren, fotografierten meine Frau und ich sie gelegentlich und klebten die Bilder in Fotoalben, die wir dann ab und zu betrachteten. Bei besonderen Gelegenheiten schoss ich Dias, die wir dann im Kreis der Familie, meist amüsiert, anschauten. Und ein paar wenige Male kam es vor, dass ich mit meinen beiden Kindern kleine Interviews aufnahm mithilfe eines Kassettenrecorders über das, was sie gerade spielten oder sich ausdachten oder sich wünschten. Diese Kassetten zu hören, bereitet uns nach wie vor grosses Vergnügen; die inzwischen längst erwachsen gewordenen jungen Menschen mit Beruf und eigener Familie freuen sich an ihren damaligen Stimmchen und an dem, was sie ihrem Papa und seinem Recorder erzählt haben. Und die Eltern freuen sich mit!

Das ist mir durch den Sinn gegangen, als ich den Bericht in der WELT las über den neuen Typ Barbie, nämlich die "Hello Barbie“, die ein Mikrofon im Kopf hat und deren Spielzeughersteller den Eltern jede Woche eine Audiodatei schickt von den Gesprächen, welche das Kind mit Barbie führt. Schöne neue Spielzeugwelt mit eingebauter NSA! Bald werden die Puppenaugen kleine Kameras sein, so dass die entstandenen Videodateien die Audiofiles ergänzen können. Das Verkaufsargument dürfte in etwa lauten: Kleine Kinder brauchen Sicherheit. Sicherheit kann nur durch Überwachung des Kindes hergestellt werden. Das Prinzip Babyphone lässt ja den Eltern schon seit einiger Zeit ein paar entspannte Momente der Freiheit, um sich zumindest ein paar Meter weg zu begeben von ihrem (schlafenden) Sprössling. Warum dieses Prinzip also nicht auch für das Spielen am helllichten Tag übernehmen und auch für ältere Kinder in Anspruch nehmen? Denn schliesslich lassen Erwachsene sich ja längst freiwillig überwachen, schnallen sich zum Beispiel Fitnessarmbänder mit GPS um, welche Atemfrequenz, Schrittanzahl, Pulsrate und anderes mehr aufzeichnen und in einer Cloud in den USA aufbewahren.

Offenbar gebiert das zunehmende Bedürfnis vieler Menschen nach Sicherheit paradoxerweise immer mehr Ängste, die wiederum das Bestreben nach Sicherheit intensivieren. Auf der geografischen Landkarte sind die weissen Flecken längst entdeckt und kartographiert. Der Globus hat keine Lücken von Unbekanntem mehr. Das Verhalten der Menschen jedoch lässt sich vermutlich nie mit letzter Sicherheit fest-stellen und folglich nicht kartographieren. Unberechenbarkeit, Unsicherheit, Unwägbarkeiten werden – aller (Selbst)Überwachung zum Trotz – bleiben, zumindest vorläufig, auch wenn das Datennetz sich immer enger über uns Einzelne und über unsere Gesellschaft insgesamt legt (siehe Ch. Kucklich, Die granulare Gesellschaft).

Die Frage lautet also: Wovor haben wir solche Angst, dass Eltern sogar die Audiofiles ihrer Sprösslinge von „Fremden“ aufzeichnen und zwei Jahre lang auf deren Servern gespeichert lassen?
Müssten wir nicht langsam solches Tun vermessen finden, anstatt uns mehr und mehr (freiwillig) vermessen zu lassen (und uns erst noch darüber zu freuen)?

PS: Und wieder lässt Dürrenmatt von weitem grüssen, der vor Jahren gesagt hat, die Schweiz sei ein Gefängnis, dessen Insassen gleichzeitig die Aufseher seien.

Der Mensch, das verteilte Wesen

Am Ende jedes wichtigen Tennis- oder Fussballspiels werden Statistiken eingeblendet: Wie viele Punkte mit dem 2. Aufschlag geholt wurden, wie viele Netzangriffe erfolgt sind, wie viele Kilometer ein Spieler gelaufen ist, wie viele Pässe er geschlagen hat. – Auch unsere übrige Welt wird zunehmend zu einem Spielfeld, das in Sektoren aufgeteilt wird; diese Aufteilung soll das selbe erlauben wie die höhere Auflösung eines Bildschirms: Das Bild derjenigen, die sich auf diesem Spielfeld bewegen, schärfer zu stellen. Warum das geschieht, und welche Konsequenzen das hat, erläutert ein deutscher Soziologe auf eindrückliche und prägnante Art und Weise.

Um es vorweg zu nehmen: Christoph Kucklick, Soziologe und Chefredakteur des GEO, legt mit seinem neuen Buch zur granularen Gesellschaft einen wichtigen Text vor. Zwar schildert auch er – wie beispielsweise Yvonne Hofstetter oder Byung-Chul Han vor ihm – die Gefahren, die unserer Gesellschaft drohen aufgrund der Durchleuchtung unserer digitalen Schattenexistenzen durch Staat und Wirtschaft. Er bleibt jedoch nicht bei dieser Analyse stehen, um daraus eine neue Ethik des Verhaltens sowohl der Einzelnen, wie auch des Staates und der Wirtschaft, abzuleiten. Vielmehr weitet er den Blick und schaut sich etwas näher an, das scheinbar ganz nebenbei auch noch geschieht: Die Auflösung unserer Wirklichkeit infolge der Digitalisierung unseres Lebens.

Je mehr Daten man erheben kann von einem Menschen, desto plastischer wird er, desto singulärer (wie der Autor sagt), also unverwechselbarer auch. Wenn man die Mitarbeitenden eines Betriebs bittet, ein paar Tage lang einen so genannten Sociometer mit sich zu führen, der alles, was sie tun, aufzeichnet: Ort, Zeit, Tätigkeit, Körperhaltung, Tonfall, Äusserungen etc, bekommt der Coach, der den Betrieb durchleuchten soll, ein ungleich präziseres Bild von dem, „was der Fall ist“, als wenn er seine Bestandesaufnahme des betrieblichen Arbeits- und Sozialklimas mittels Befragung der Mitarbeitenden erhebt.
Wenn man Diabetiker gleichen Alters und Geschlechts feinkörnig digital vermisst, lässt sich deutlich machen, wie verschieden sie in ihrem Krankheitsbild sind und wie entsprechend verschieden sie eigentlich behandelt werden müssten. Personalisierte Medizin wird möglich, der Begriff „Gleichheit“ relativiert sich – und folglich wird sich auch, so der Autor, das verändern, was „Demokratie“ heisst.

Die präzisere Vermessung unserer Welt durch Sensoren und Algorithmen und damit ihre granular werdende Erfassung macht es einerseits möglich, dass beispielsweise selbst fahrende Autos unfallfrei sich durch unsere Strassen bewegen oder Operationsroboter fehlerlose Eingriffe am menschlichen Körper vornehmen können. Damit stellen sich jedoch auch drängende ethische Fragen wie: Wer trägt die Verantwortung bei einem Unfall? Der Autor der Software? Aber diese wird von vielen geschrieben. Der Besitzer der Maschine? Die Umstände, die das Auto einer Katze haben ausweichen lassen? Muss man solche selbst lernende Maschinen und intelligente Roboter zu „elektronischen Personen“ erklären, die in gewissem Rahmen schuldfähig werden können? Kucklick macht anhand guter Fallbeispiele klar, dass die granulare Vermessung der Gesellschaft eine entsprechend neue Ethik braucht, umso mehr, als es eine markante „Asymmetrie gibt zwischen den Beobachteten und den Beobachtenden, den Datengebern und den Datennehmern.“ Denn noch wird das Internet von Datenbaronen kontrolliert, und nicht von der Zivilgesellschaft.

Das Zeitalter des „Internets der Dinge“ bedeutet, dass nicht nur Menschen mit Maschinen und Gegenständen kommunizieren, sondern die Gegenstände unter sich auch – und sie tun das erst noch auf undurchschaubare Weise. Zu den Kränkungen durch Kopernikus, Darwin, Freud und Libet (der Mensch sitzt nicht mehr im Zentrum des Universums, ist nicht mehr die Krone der Schöpfung, nicht einmal mehr Herr im eigenen Haus und muss lernen, dass ihm selbst seine von ihm als bewusst gesetzten Entscheidungen bereits vom Hirn vorweg genommen wurden) kommt eine neue hinzu: Der Mensch erlebt, wie Algorithmen und „Dinge“ zunehmend die Kontrolle über sein Leben übernehmen, dass er in einem Netzwerk sitzt und feststellen muss, dass er „ein verteiltes Wesen“ ist. Er ist Teil einer granularen Welt, die „aus winzigen humanen und nichthumanen Partikeln besteht, die in ständiger Veränderung sind und sich immer wieder neu kombinieren.“

Dieser „verteilte“ Mensch, der sich nurmehr als Teil eines permanenten Netzwerk-Prozessgeschehens erlebt, muss sich folglich neu erfinden. Interessant dabei ist, dass der seinerzeit von Johan Huizinga beschriebene „Homo ludens“ in neuer Form aufersteht. Christoph Kucklick definiert ihn so: „Der granulare Mensch wird spielend experimentieren, um die Maschinen zu begreifen. Er wird voller Empathie sein, um die Differenzen zu anderen zu überbrücken. Und er wird launisch sein und unberechenbar, um die Mechanismen der gesellschaftlichen Kontrolle nach Kräften zu unterlaufen.“ – Der Autor bleibt also trotz seiner sachlich-kritischen, für uns alle herausfordernden Lagebeschreibung und seiner sich daraus ableitenden Interpretation optimistisch. Zwar gilt es, sich ernsthaft bewusst zu machen, was hinter den (Internet)Kulissen passiert. Zweifellos aber ist es auch so, dass das Leben ein Spiel ist, dessen Regeln wir erkunden, ja: laufend erfinden müssen, dessen Spielfeld wir nie überblicken, dessen Mitspielende permanent wechseln, ein Spiel zudem, von dem wir nie wissen, worum es eigentlich geht. Immerhin dürfen wir es aber spielen. Und nirgends lernt der Mensch bekanntlich besser als beim Spiel.

Christoph Kucklick, Die granulare Gesellschaft. Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst. Ullstein 2014

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