25.04.2015

Der Mensch, das verteilte Wesen

Am Ende jedes wichtigen Tennis- oder Fussballspiels werden Statistiken eingeblendet: Wie viele Punkte mit dem 2. Aufschlag geholt wurden, wie viele Netzangriffe erfolgt sind, wie viele Kilometer ein Spieler gelaufen ist, wie viele Pässe er geschlagen hat. – Auch unsere übrige Welt wird zunehmend zu einem Spielfeld, das in Sektoren aufgeteilt wird; diese Aufteilung soll das selbe erlauben wie die höhere Auflösung eines Bildschirms: Das Bild derjenigen, die sich auf diesem Spielfeld bewegen, schärfer zu stellen. Warum das geschieht, und welche Konsequenzen das hat, erläutert ein deutscher Soziologe auf eindrückliche und prägnante Art und Weise.

Um es vorweg zu nehmen: Christoph Kucklick, Soziologe und Chefredakteur des GEO, legt mit seinem neuen Buch zur granularen Gesellschaft einen wichtigen Text vor. Zwar schildert auch er – wie beispielsweise Yvonne Hofstetter oder Byung-Chul Han vor ihm – die Gefahren, die unserer Gesellschaft drohen aufgrund der Durchleuchtung unserer digitalen Schattenexistenzen durch Staat und Wirtschaft. Er bleibt jedoch nicht bei dieser Analyse stehen, um daraus eine neue Ethik des Verhaltens sowohl der Einzelnen, wie auch des Staates und der Wirtschaft, abzuleiten. Vielmehr weitet er den Blick und schaut sich etwas näher an, das scheinbar ganz nebenbei auch noch geschieht: Die Auflösung unserer Wirklichkeit infolge der Digitalisierung unseres Lebens.

Je mehr Daten man erheben kann von einem Menschen, desto plastischer wird er, desto singulärer (wie der Autor sagt), also unverwechselbarer auch. Wenn man die Mitarbeitenden eines Betriebs bittet, ein paar Tage lang einen so genannten Sociometer mit sich zu führen, der alles, was sie tun, aufzeichnet: Ort, Zeit, Tätigkeit, Körperhaltung, Tonfall, Äusserungen etc, bekommt der Coach, der den Betrieb durchleuchten soll, ein ungleich präziseres Bild von dem, „was der Fall ist“, als wenn er seine Bestandesaufnahme des betrieblichen Arbeits- und Sozialklimas mittels Befragung der Mitarbeitenden erhebt.
Wenn man Diabetiker gleichen Alters und Geschlechts feinkörnig digital vermisst, lässt sich deutlich machen, wie verschieden sie in ihrem Krankheitsbild sind und wie entsprechend verschieden sie eigentlich behandelt werden müssten. Personalisierte Medizin wird möglich, der Begriff „Gleichheit“ relativiert sich – und folglich wird sich auch, so der Autor, das verändern, was „Demokratie“ heisst.

Die präzisere Vermessung unserer Welt durch Sensoren und Algorithmen und damit ihre granular werdende Erfassung macht es einerseits möglich, dass beispielsweise selbst fahrende Autos unfallfrei sich durch unsere Strassen bewegen oder Operationsroboter fehlerlose Eingriffe am menschlichen Körper vornehmen können. Damit stellen sich jedoch auch drängende ethische Fragen wie: Wer trägt die Verantwortung bei einem Unfall? Der Autor der Software? Aber diese wird von vielen geschrieben. Der Besitzer der Maschine? Die Umstände, die das Auto einer Katze haben ausweichen lassen? Muss man solche selbst lernende Maschinen und intelligente Roboter zu „elektronischen Personen“ erklären, die in gewissem Rahmen schuldfähig werden können? Kucklick macht anhand guter Fallbeispiele klar, dass die granulare Vermessung der Gesellschaft eine entsprechend neue Ethik braucht, umso mehr, als es eine markante „Asymmetrie gibt zwischen den Beobachteten und den Beobachtenden, den Datengebern und den Datennehmern.“ Denn noch wird das Internet von Datenbaronen kontrolliert, und nicht von der Zivilgesellschaft.

Das Zeitalter des „Internets der Dinge“ bedeutet, dass nicht nur Menschen mit Maschinen und Gegenständen kommunizieren, sondern die Gegenstände unter sich auch – und sie tun das erst noch auf undurchschaubare Weise. Zu den Kränkungen durch Kopernikus, Darwin, Freud und Libet (der Mensch sitzt nicht mehr im Zentrum des Universums, ist nicht mehr die Krone der Schöpfung, nicht einmal mehr Herr im eigenen Haus und muss lernen, dass ihm selbst seine von ihm als bewusst gesetzten Entscheidungen bereits vom Hirn vorweg genommen wurden) kommt eine neue hinzu: Der Mensch erlebt, wie Algorithmen und „Dinge“ zunehmend die Kontrolle über sein Leben übernehmen, dass er in einem Netzwerk sitzt und feststellen muss, dass er „ein verteiltes Wesen“ ist. Er ist Teil einer granularen Welt, die „aus winzigen humanen und nichthumanen Partikeln besteht, die in ständiger Veränderung sind und sich immer wieder neu kombinieren.“

Dieser „verteilte“ Mensch, der sich nurmehr als Teil eines permanenten Netzwerk-Prozessgeschehens erlebt, muss sich folglich neu erfinden. Interessant dabei ist, dass der seinerzeit von Johan Huizinga beschriebene „Homo ludens“ in neuer Form aufersteht. Christoph Kucklick definiert ihn so: „Der granulare Mensch wird spielend experimentieren, um die Maschinen zu begreifen. Er wird voller Empathie sein, um die Differenzen zu anderen zu überbrücken. Und er wird launisch sein und unberechenbar, um die Mechanismen der gesellschaftlichen Kontrolle nach Kräften zu unterlaufen.“ – Der Autor bleibt also trotz seiner sachlich-kritischen, für uns alle herausfordernden Lagebeschreibung und seiner sich daraus ableitenden Interpretation optimistisch. Zwar gilt es, sich ernsthaft bewusst zu machen, was hinter den (Internet)Kulissen passiert. Zweifellos aber ist es auch so, dass das Leben ein Spiel ist, dessen Regeln wir erkunden, ja: laufend erfinden müssen, dessen Spielfeld wir nie überblicken, dessen Mitspielende permanent wechseln, ein Spiel zudem, von dem wir nie wissen, worum es eigentlich geht. Immerhin dürfen wir es aber spielen. Und nirgends lernt der Mensch bekanntlich besser als beim Spiel.

Christoph Kucklick, Die granulare Gesellschaft. Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst. Ullstein 2014

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