25.04.2015

Horror im Kinderzimmer

Foto: © Ann-Kathrin Mühlen
Es gab einmal eine Zeit, in der meine Kinder klein waren. Weil sie klein waren, fotografierten meine Frau und ich sie gelegentlich und klebten die Bilder in Fotoalben, die wir dann ab und zu betrachteten. Bei besonderen Gelegenheiten schoss ich Dias, die wir dann im Kreis der Familie, meist amüsiert, anschauten. Und ein paar wenige Male kam es vor, dass ich mit meinen beiden Kindern kleine Interviews aufnahm mithilfe eines Kassettenrecorders über das, was sie gerade spielten oder sich ausdachten oder sich wünschten. Diese Kassetten zu hören, bereitet uns nach wie vor grosses Vergnügen; die inzwischen längst erwachsen gewordenen jungen Menschen mit Beruf und eigener Familie freuen sich an ihren damaligen Stimmchen und an dem, was sie ihrem Papa und seinem Recorder erzählt haben. Und die Eltern freuen sich mit!

Das ist mir durch den Sinn gegangen, als ich den Bericht in der WELT las über den neuen Typ Barbie, nämlich die "Hello Barbie“, die ein Mikrofon im Kopf hat und deren Spielzeughersteller den Eltern jede Woche eine Audiodatei schickt von den Gesprächen, welche das Kind mit Barbie führt. Schöne neue Spielzeugwelt mit eingebauter NSA! Bald werden die Puppenaugen kleine Kameras sein, so dass die entstandenen Videodateien die Audiofiles ergänzen können. Das Verkaufsargument dürfte in etwa lauten: Kleine Kinder brauchen Sicherheit. Sicherheit kann nur durch Überwachung des Kindes hergestellt werden. Das Prinzip Babyphone lässt ja den Eltern schon seit einiger Zeit ein paar entspannte Momente der Freiheit, um sich zumindest ein paar Meter weg zu begeben von ihrem (schlafenden) Sprössling. Warum dieses Prinzip also nicht auch für das Spielen am helllichten Tag übernehmen und auch für ältere Kinder in Anspruch nehmen? Denn schliesslich lassen Erwachsene sich ja längst freiwillig überwachen, schnallen sich zum Beispiel Fitnessarmbänder mit GPS um, welche Atemfrequenz, Schrittanzahl, Pulsrate und anderes mehr aufzeichnen und in einer Cloud in den USA aufbewahren.

Offenbar gebiert das zunehmende Bedürfnis vieler Menschen nach Sicherheit paradoxerweise immer mehr Ängste, die wiederum das Bestreben nach Sicherheit intensivieren. Auf der geografischen Landkarte sind die weissen Flecken längst entdeckt und kartographiert. Der Globus hat keine Lücken von Unbekanntem mehr. Das Verhalten der Menschen jedoch lässt sich vermutlich nie mit letzter Sicherheit fest-stellen und folglich nicht kartographieren. Unberechenbarkeit, Unsicherheit, Unwägbarkeiten werden – aller (Selbst)Überwachung zum Trotz – bleiben, zumindest vorläufig, auch wenn das Datennetz sich immer enger über uns Einzelne und über unsere Gesellschaft insgesamt legt (siehe Ch. Kucklich, Die granulare Gesellschaft).

Die Frage lautet also: Wovor haben wir solche Angst, dass Eltern sogar die Audiofiles ihrer Sprösslinge von „Fremden“ aufzeichnen und zwei Jahre lang auf deren Servern gespeichert lassen?
Müssten wir nicht langsam solches Tun vermessen finden, anstatt uns mehr und mehr (freiwillig) vermessen zu lassen (und uns erst noch darüber zu freuen)?

PS: Und wieder lässt Dürrenmatt von weitem grüssen, der vor Jahren gesagt hat, die Schweiz sei ein Gefängnis, dessen Insassen gleichzeitig die Aufseher seien.

Keine Kommentare:

Blog-Archiv