18.06.2015

Minerva besiegt die Unwissenheit oder Von der Aggressivität des Bildungserwerbs


Aus der Mythologie nimmt Rubens 1632 die Göttin Minerva, die zugleich Göttin des Krieges und der Weisheit ist, und zeigt sie bei der mitleidlosen Unterwerfung der Unwissenheit, welcher sie die Lanze in den Hals stösst und sie mit dem Fuss ins endgültige Verderben stürzt.

Das Handeln der Vernunft – das Ausleuchten der dunklen Räume des Unwissens – hat also etwas (sehr) Aggressives an sich. Erst wenn das (ziemlich hässlich scheinende) Unwissen besiegt, eliminiert, ein für allemal verstossen ist, bleibt unbehelligtes Wissen zurück.

Wer je in Bildungsinstitutionen war, weiss um dieses Aggressive des Bildungsbetriebs. Schon nur die Begrifflichkeit sagt einiges: Bildungsanstalt, Strafe, Kugelschreiberminen, Ersatzpatronen, Tintenkiller, Fangfragen, Lehrerstützpunkt. Unterrichtet wird in Abteilungen, in denen Disziplin zu herrschen hat; Wissen wird nach wie vor eingetrichtert, ob man dafür bereit ist oder nicht; von Zeit zu Zeit werden die Lernenden einer Prüfung unterworfen. Es herrscht Unterrichtspflicht, Studierende haben aber keine Schlüssel zu den Häusern des Lehrens und Lernens, und man kann sie vom Unterricht ausschliessen, ja: sie sogar von der Schule verweisen.
Der demokratische Zugang zum Beamer muss erkämpft werden.

Bildung und Ausbildung haben immer etwas mit Zurichtung zu tun. Positiv gewendet: Junge Menschen werden für das (berufliche) Leben in der Gesellschaft tauglich gemacht; der „mündige Mensch“ ist das Ziel. Negativ gesagt: Junge Menschen werden in ihrem Sosein beschnitten (Rousseau verwendet das Bild von Spalierobst dafür), können nur selten Eigenes ent-wickeln, sondern müssen sich hauptsächlich Fremdes aneignen und werden „in Form“ gebracht. Das unbeschwerte, neugierige, ausprobierende Lernen von Kindern verändert sich mit dem Eintritt in die Bildungsmaschinerie:
  • Eigene Lernwege → Fremdbestimmtes Lernen
  • Eigenes Tempo → Vorgegebenes Tempo
  • Eigener Rhythmus → Vorgesetzte Struktur
Solch fremdbestimmtes Lernen führt zu einer Entfremdung vom Eigenen und zur Aneignung von Fremdem, so dass zwei der meist gehörten Fragen in Schulzimmern lauten: „Was hat das mit mir zu tun?“ und: „Weshalb muss ich das lernen?“ In der Regel werden Lerninhalte ohne Begründung vermittelt, Lehrpläne selten in ihrer Notwendigkeit erklärt (warum welcher Inhalt in welchem Umfang in welcher Klassenstufe). Schülerinnen und Schüler müssen „essen, was auf den Tisch kommt“, egal, ob sie Hunger haben oder nicht, egal, ob sie mögen, was es zu essen gibt, oder nicht.

Auf Rubens' Ölbild hat Minerva das Unwissen eliminiert. Bildungsinstitutionen äufnen das Wissen ihrer Kundschaft. Aus manifester Aggression damals (oder war es Selbstverteidigung?) wurden leicht aggressive Bildungsgänge heute.
Immerhin das.

PS: Die entscheidende letzte Inspiration zu diesem Posting verdanke ich Ralf Konersmann und seinem hoch interessanten neuen Buch Die Unruhe der Welt.

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